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Hinrich Schmidt-Henkel: E-Book, Self-Publishing & Co. – und die Übersetzer sind die Gekniffenen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den VdÜ-Vorsitzenden Hinrich Schmidt-Henkel.

Hinrich Schmidt-Henkel, geboren 1959 in Berlin, Studium Germanistik/Romanistik, seit 1987 literarische Übersetzungen aus dem Französischen, Norwegischen und Italienischen. Verschiedene Auszeichnungen. Autor für das ARTE-Magazin Karambolage. Seit September 2008 1. Vorsitzender des Verbandes der Literaturübersetzer VdÜ.

Hinrich Schmidt-Henkel, was übersetzen Sie eigentlich lieber – dünne oder dicke Bücher?

Hinrich Schmidt-Henkel

Hinrich Schmidt-Henkel: Die Abwechslung ist einer der Reize unseres Metiers – mal ein schmales, gedrängt-konzentriertes Buch, mal einen Wälzer mit dem ganz großen epischen Atem …

Und unter dem Gesichtspunkt der Produktivität?

Hinrich Schmidt-Henkel: Da ist nicht die Dicke des Buchs entscheidend, sondern zunächst, welches Honorar ich pro Normseite der Übersetzung erhalte – und später, ob eine Verkaufsbeteiligung herauskommt. Und jeden Tag aufs Neue ist viel entscheidender, zu wie viel Übersetzen ich neben meinem „Ehrenamt“ als Verbandsvorsitzender überhaupt komme.

Haben Sie mal Ihren Stundensatz berechnet?

Hinrich Schmidt-Henkel: Das haben andere, statistisch Begabtere getan, mit niederschmetterndem Ergebnis. Die Seitenhonorare – die überdies seit vielen Jahren stagnieren – genügen jedenfalls bei weitem nicht für ein auskömmliches Wirtschaften (weiter unten rechne ich das vor). Übersetzer von Gebrauchsanweisungen lachen über unseren Seitensatz. Das einzige Gegenmittel wäre eine ausreichende Beteiligung an den Verkäufen.

Der Verband deutschsprachiger Übersetzer hat vergangenes Jahr – mit Infografiken gespickt – die Ergebnisse einer Umfrage zur Lage der Übersetzer veröffentlicht. Wie repräsentativ ist die – von 1.200 Verbandsmitgliedern haben immerhin 1.000 nicht geantwortet?

Hinrich Schmidt-Henkel: Die Umfrage bietet einen verlässlichen Querschnitt durch die Branche, und die Stichprobengröße ist nach statistischen Maßgaben ausreichend, ja, es ist eine für derartige Umfragen eher hohe Beteiligung.

Ein ganz Schlauer könnte ja nun sagen, die Befragung spiegelt nicht die Wirklichkeit der Übersetzer schlechthin wider, sondern nur die derjenigen, deren Auslastung und Frustpotenzial sie zum Einsenden der Antworten veranlasst hat.

Hinrich Schmidt-Henkel: Umgekehrt wird ein Schuh daraus, wie auch die Erfahrung seit den 80er Jahren mit unseren langjährigen Honorarumfragen zeigt: Vor allem engagierte, ihrer Eigenschaft als Einzelunternehmer bewusste Kollegen nehmen teil, und die haben in der Regel nicht die schlechtesten Verträge. Wer die Auswertung aufmerksam liest, sieht, dass die ermittelten Werte um Ausreißer nach oben und nach unten bereinigt sind.

Was die Anerkennung der Übersetzer für ihre Arbeit mit Worten betrifft, so sind doch die Verlage ganz brav und nennen die Namen auf Schritt und Tritt. Sie zum Beispiel kommen bei Amazon häufiger vor als die meisten Ihrer Autoren.

Hinrich Schmidt-Henkel: Wie auch anders, meine Autoren werden jeweils mit ihren ein bis drei Büchern genannt, und ich habe in den letzten 25 Jahren einiges über 100 Bücher übersetzt … Wir haben als Übersetzerzunft Amazon jahrelang dazu „erzogen“, die Übersetzenden zu nennen. Die Verlage ihrerseits sind mal brav, wie Sie es ausdrücken, und nennen uns im Buch, dafür hat unser Verband seinerzeit lange gekämpft, vielfach sind sie aber ganz und gar nicht zuverlässig – fehlende oder versteckte Nennung auf den Homepages der Verlage, in Anzeigen, bei Veranstaltungshinweisen, im Hörbuch etc. -, da sieht es oft ganz mau aus. Sie sagen ganz recht „Anerkennung in Worten“: In Sonntagsreden kommen wir notorisch gut weg – in der Praxis gibt es noch viel zu verbessern.

Und was die finanzielle Anerkennung betrifft?

Hinrich Schmidt-Henkel: Die professionelle Arbeit, die wir leisten und die von uns erwartet wird, wird regelmäßig vergütet, als wären wir Hobbyübersetzer. Wir müssen uns das Literaturübersetzen durchweg selbst subventionieren, durch anderes Haushaltseinkommen wie Nebenjobs oder das des Partners, Selbstausbeutung, Verzicht auf Urlaub etc. Das gilt auch für Kollegen mit eher guten Verträgen, gutem Ruf und dauernder Auslastung.

Um herauszufinden, was denn so ein Übersetzer im Jahr verdient, muss man in Ihrer Studie ganz schön lang blättern, und auch dann bekommt man keine bereinigten Zahlen. Gibt es da etwas zu verstecken?

Hinrich Schmidt-Henkel: Da gibt es nichts zu verstecken, aber was zu lesen, so auf S. 12: Vollzeitübersetzer kommen der Umfrage nach auf einen Jahresoutput von rund 1100 Seiten – bei einem bereits als „besser“ geltenden Seitenhonorar von 18 Euro ist das ein Jahresumsatz von 19.800 € – also 1.650 €/Monat: Umsatz, nicht Einkommen, das wird in den Beiträgen zum Streit über Übersetzerhonorare gern verwechselt. Das Einkommen eines Freiberuflers beträgt nach allgemeinen kaufmännischen Grundsätzen die Hälfte bis zwei Drittel des Umsatzes, hier also zwischen 825 € und 1.100 €/Monat – vor Steuern. Nachzulesen ist das in unserer Broschüre „Wer die Welt lesen will, muss sie verstehen. Wir arbeiten daran“, in dem Beitrag „Warum mancher Euro nur 50 Cent wert ist“. Nun werden vielfach Honorare von deutlich weniger als 18 €/Seite gezahlt. Rechnen Sie selbst nach, was bei 15 €/Seite herauskommt – einem Standardhonorar bei Taschenbuchübersetzungen – oder bei den durchaus nicht seltenen Honoraren um 10 €/Seite.

Glauben Sie tatsächlich, dass für die Übersetzer mehr „im Topf“ ist – ich habe so viele Buchprojekte gesehen, wo der Übersetzer der einzige war, der was verdiente.

Hinrich Schmidt-Henkel: Wirklich? Haben Sie nicht wen vergessen? Der Autor: Lizenzvorschuss erhalten. Die Agenten: ihren Anteil daran. Drucker, Papierhändler und sonstige an der Herstellung Beteiligte: alle bezahlt. Angestellte im Verlag vom Lektorat über Marketing und Presse bis in die obersten Etagen, Außenlektoren und -korrektoren: alle bezahlt. Ich halte nichts davon, die Beteiligten bei Buchprojekten gegeneinander auszuspielen, auch nicht rechnerisch. Bis aber der Übersetzer aus Beteiligungen am Verkauf etwas verdient, haben andere schon längst sehr viel mehr verdient. In einer höchstrichterlichen Entscheidung wird ein Verkaufshonorar von 0,4% am Nettoladenpreis für Taschenbücher festgesetzt (und erst ab dem 5000. Exemplar) – bis da auch nur ein japanischer Kleinwagen herausspringt, können Sie ein Berufsleben lang warten. Wer uns einen Fuhrpark aus Ferraris andichtet, zeigt damit nur: Er kann nicht rechnen. Wenn Sie auf die Seitenhonorare anspielen, die ja schon gezahlt werden, bevor ein Buch in den Verkauf geht: Ein Verlag kann mit der teuer eingekauften Lizenz nichts anfangen, wenn er das Buch nicht ins Deutsche bringen lässt. Wir arbeiten im Auftrag, und da ist ein Auftragshonorar selbstverständlich. Dass dieses, also das Seitenhonorar, in einem kläglichen Verhältnis zum Aufwand des Literaturübersetzens steht, bestreitet niemand. Ja, manchmal verdient der ausländische Autor am Verkauf seines Buchs in Deutschland weniger, als das Seitenhonorar seines Übersetzers betrug. Ohne dessen Arbeit würde der Autor allerdings Null Exemplare verkaufen. Und der Übersetzungsmarkt ist sein Sekundärmarkt: Er hat schließlich in seinem Heimatland und beim Lizenzverkauf bereits verdient.

Sie zeigen in Ihrer Studie recht drastisch, dass das Problem der fairen Honorierung literarischer Übersetzer sich auf lange Sicht mit den Übersetzern selbst biologisch erledigen könnte – nur 8 % der Teilnehmer sind jünger als 35 Jahre. Brüten in 30 Jahren nur noch grundgesicherte Methusaleme über den Texten der Salingers oder Nick Hornbys von morgen, oder soll Google Translate es bis dahin richten: „’Oh, beachten Sie bitte, was du tust!‘ rief Alice, hüpft auf und ab in einem Kummer des Terrors.“

Hinrich Schmidt-Henkel: Wir steuern dem mit zwei Maßnahmen entgegen: Erstens bemühen wir uns nach wie vor um eine vernünftige Einigung über Vergütungsregeln – ein Weg, der enorm viel langen Atem erfordert. Zweitens pflegen wir unseren Nachwuchs, mit berufskundlichen Seminaren, Tagungen und Workshops – die übrigens nicht nur dem Nachwuchs dienen, sondern auch der lebenslangen berufsbegleitenden Fortbildung, die unabdingbar zu unserem Metier gehört. Vor Übersetzungsmaschinen ist uns Literaturübersetzern nicht bange – Ihr Beispiel zeigt selbst plastisch, warum nicht.

Print stagniert, der E-Book-Bereich wächst unaufhaltsam – winkt da eine günstige Erlösteilung zwischen Übersetzern, Autoren und Verlagen?

Hinrich Schmidt-Henkel: Fragen Sie das die Verlage! Es gilt jedenfalls, dass wir an allen wirtschaftlichen Verwertungen unseres Werks, also der Übersetzung, beteiligt werden müssen, beim E-Buch und anderen digitalen Verwertungen genauso wie beim Papierbuch. Auch das ist eine Aufgabe zur Einigung, die wir als Verband verfolgen.

Und gibt es beim Self-Publishing à la Apple iBook Author Erlösschancen für Übersetzer?

Hinrich Schmidt-Henkel: Siehe oben – wer unsere Arbeit in Auftrag gibt und das Ergebnis nutzen will, der muss sich mit uns über eine Vergütung einigen.

Wenn Sie in wenigen Tagen Ihren Vorsitz räumen: hatten Sie eine erfolgreiche Amtszeit?

Hinrich Schmidt-Henkel: Mal schauen, vielleicht kandidiere ich auf der Mitgliederversammlung Anfang März ja wieder? Aber das werden die Mitglieder zuerst erfahren, und nicht aus einem Interview. Ja, unser Vorstand hatte eine erfolgreiche Amtszeit – das Bewusstsein unserer Mitglieder darüber, wie sie ihre Interessen wahren, ist gewachsen, sie wissen, dass der Verband ihnen Hilfestellung gibt, wo nötig, und sie stets informiert hält. Und ich meine sagen zu dürfen, dass wir in der Branche als selbstbewusste und besonnene Gesprächspartner einen guten Ruf haben. Wir werden gehört – und gefragt.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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