„Die Zielgruppe ist weit größer als die 140.000 Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer“
Carsten Pfeiffer mit den ersten euphorischen Rezensionen: „We don’t deal with Amazon“
Vor ein paar Tagen hatte wir über den Starterfolg des Verlages DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS mit „Die Wunderkammer der deutschen Sprache“ berichtet. Das war Anlass für Fragen an Carsten Pfeiffer, der nicht nur Verleger, sondern auch Co-Autor dieses sehr besonderen und schön gemachten Buches ist, dessen großartige Optik dazu verleitet, zum Kopfkissenbuch für Bücherfreunde zu werden:
Kurz nach der Auslieferung von Die Wunderkammer der deutschen Sprache hatten Sie Ihren Weihnachtsgrüßen noch einen kleinen Weihnachtswunsch in eigener Sache mitgesandt: „Schon jetzt liegen wir bei etwa 3000 verkauften Exemplaren, ein wenig mehr dürften es schon noch werden“. Ihr Wunsch ist in Erfüllung gegangen …
Carsten Pfeiffer: Ja, das hatten Sie ja auch schon gemeldet, die erste Auflage von 5000 Exemplaren war nach nur fünf Wochen verkauft, für uns als jungem Verlag ist das ein toller Erfolg.
Worum geht es denn in Die Wunderkammer der deutschen Sprache ?
Es ist tatsächlich ein Kopfkissenbuch, das einlädt, die Vielfalt der Deutschen Sprache und ihrer Dialekte und Mundarten, ihre Ausdrucksformen, ihre Geschichte und die Etymologie, um berufs- oder branchenspezifische Spezialwortschätze zu erblättern, die besondere Optik des Buches verführt dazu, die Fülle
an Beispielen wie St. Pauli-Jargon, Jägersprache, Drucker- und Setzersprache, die Wirkung in andere Sprachräume (deutsche Wörter im Albanischen, Finnischen, Türkischen), aber auch die Leichtigkeit, den Witz unserer Sprache zu erspüren.
„Wir Herausgeber haben, ohne Anspruch auf Komplettheit, dafür mit sehr viel Spaß bei der Erstellung zusammengestellt, was uns selber gefällt, was uns auch selber überrascht hat“ (Durch Klick auf Cover zum Buch)
Mark Twain hat gesagt, Deutsch sei schwer zu erlernen
Ich glaube, der meinte die Menge von rund 300.000 Wortschönheiten unserer Sprache. Aber das stimmt ja auch objektiv, insbesondere bezgl. Grammatik, Zeichensetzung etc. Das beweist auch unsere Wunderkammer, in der man auch Palindrome, Figurengedichte des Barock, Anagramme. Und Lieblingswörter von Mirko Bonné, Karen Duve, Arnon Grünberg, Erik Fosnes Hansen Felicitas Hoppe, Georg Klein, Sibylle Lewitscharoff u.a. findet, die man mit Spaß am Entdecken eigener Bildungslücken erlesen kann.
Es geht also um den Spaß an der Vielfalt unserer Sprache?
Aber auch um die regionalen Unterschiede – und um Unterhaltung an Hand der ausgewählten Beispiele, um Freude, schmunzeln und lachen über Dichterbeschimpfungen, Palindrome, Schnadahüpfeln und Grabinschriften oder gar schwäbische Schimpfwörter.
Wem würden Sie eine solche Sprach-Wunderkammer verkaufen?
Jedem Liebhaber der Deutschen Sprache, jedem Sprach-Aficcionado egal welchen Geschlechtes, jeder Deutsch-Lehrerin und jedem Deutschlehrer (davon gibt es m.W. über 140.000 in Deutschland), jeder Schriftstellerin und jedem Schriftsteller, jeder Journalistin und jedem Journalisten – also allen, denen Sprache zugleich den Broterwerb bedeutet. Und allen Menschen die Listenbücher gekauft haben – egal ob Rowohlts Bunte Liste, Ankowiscth, Schotts Sammelsurien oder Eichhorns 1000 Geschichtsirrtümer… Bücher, die zusammen Millionenauflagen erzielt haben! Und ich finde, man könne es auch Lesern anbieten, die Freude an
Gesellschaftsspielen haben, für Ratespiele in geselliger Runde á la Teekesselchen oder zum Rätseln darüber, was ist ein „Meuchelpuffer“ oder was ist eine „Dörrleiche“.
Ich spüre bei Ihrer Zusammenstellung der Fundstücke die Freude an Ihren Sprachentdeckungen.
Es handelt sich ja auch nicht um ein wissenschaftliches Werk. Wir Herausgeber haben, ohne Anspruch auf Komplettheit, dafür mit sehr viel Spaß bei der Erstellung zusammengestellt, was uns selber gefällt, was uns auch selber überrascht hat. Selbstverständlich stand am Anfang eine Liste von Themen, die wir unbedingt drin haben wollten, eben zum Beispiel Anagramme, Palindrome, Wörter und Unwörter des Jahres (auch für Österreich und die Schweiz), abweichendes Küchen-Deutsch in Österreich und der Schweiz, Scheinanglizismen und nicht durchgesetzte Eindeutschungen von Fremdwörtern (eben z.B. „Meuchelpuffer“ für Pistole, oder „Dörrleiche“ fürMumie und „Krautbeschreiber“ für „Botaniker“.) Aber während der Arbeit an der Wunderkammer sind wir auch auf ganz viele Themen gestoßen, die auch für uns überraschend waren, gewissermaßen „wunderlich“…
Ich habe Lust bekommen, mich künftig mehr mit unserer Sprache zu befassen.
Dann geht es Ihnen wie uns. Es gibt natürlich sehr viel mehr Anagramme, Palindrome, Bildgedichte, schwäbische Beschimpfungen etc., als hier exemplarisch abgedruckt sind. Auch unsere Auswahl innerhalb eines Themas ist zwar durchdacht, aber nicht komplett. Wir mussten auch „Mut zur Lücke“ beweisen – sonst wäre der Band wohl sicher über 1000 Seiten stark geworden. Meint: Es ist kein Mangel, kein Fehler, wenn nun z.B. das Wort „Gesichtserker“ als nicht durchgesetzte Verdeutschung für „Nase“ fehlt — wir fanden einfach andere Beispiele spannender. Und: Zu dieser Themen gibt es ja auch umfangreiche monothematische Publikationen in anderen Verlagen – da kann der Handel also z.B. weitere Titel verkaufen an interessierte LeserInnen.
Ich wette, Sie arbeiten schon an einer Wunderkammer – Teil 2. Gestartet sind Sie, wenn ich mich recht erinnere, mit Fundstücken aus Grimms Wörterbuch, ist das das Hauptthema des Verlages?
Da täuscht Sie, lieber Herr von Zittwitz, die Erinnerung. Gestartet ist der Verlag im Frühjahr 2017 mit der ersten Deutschen Übersetzung von Voltaire seit der letzten durch J.W. v. Goethe („Der Fanatismus oder Mohammed“ – ausgezeichnet als eines der schönsten Bücher 2017), einem sehr heutigen, aktuellen Flüchtlingsschicksal aus dem 18 Jahrhundert (Mittelberger, Reise in eine neues Leben), einem frühen Beispiel von Fake news (Richard Adams Locke). Wir haben Romane wiederentdeckt von Alfred Neumann, Günter Birkenfeld, Ernst Ottwalt. Oder versucht, den großen Humanisten, Pazifisten und Weltbürger Erasmus von Rotterdam mit seinen eigenen Worten und Texten (einer Auswahl aus den Adagia unter dem Titel „Der sprichwörtliche Weltbürger“) der dreisten Vereinnahmung durch die AfD-nahe „Desiderius Erasmus“-Parteistiftung zu entreißen. Sprache, Linguistik etc. ist also nicht unser Schwerpunkthema . Es geht uns zumeist um Bücher, um Inhalte der Vergangenheit, die uns auch in der Gegenwart etwas zu sagen haben, die zum politischen und gesellschaftlichen Diskurs etwas beitragen können. Aber Sie haben Recht: Peter Grafs wunderbare Auswahl an Wortschönheiten aus Grimms Wörterbuch ist ein Titel, der, auch bezüglich der wunderbaren und sehr aufwändigen Gestaltung der Wunderkammer nahe steht. Nun hoffen wir, dass wir mit der Wunderkammer auch an den Erfolg von Grimms Wortschönheiten (die 5. Auflage ist lieferbar) anknüpfen können.
Wie ist denn, Autor seines eigenen Verlages zu sein?
Thomas Böhm und ich haben den Band ja gemeinsam, mit Unterstützung des Verlegerteams herausgegeben, also die Themen ausgesucht, kompiliert, zum Teil erstellt oder kommentiert. Das ist von der Arbeit her betrachtet nicht anders, als für einen anderen Verlag zu arbeiten – sowohl Thomas Böhm wie ich habe ja auch in anderen Verlagen bereits Bücher herausgegeben. Sicherlich aber haben wir als gleichzeitige Mitverleger etwas mehr Freiheiten und Möglichkeiten der Einflussnahme z.B. auf Format und die ganz besonders schöne und aufwändige Gestaltung, die 2xGoldstein + Schöfer geleistet haben. Bei einem Erfolg des Titels – danach sieht es aus – profitiert eben in diesem Falle der „eigene“ Verlag. Umgekehrt liegt natürlich auch das Risiko beim „eigenen“ Verlag. Meint: Im „eigenen“ Verlag sind die Freiheiten größer, der Erfolg zahlt auf den „eigenen“ Verlag ein — aber wir tragen in der Rolle der Mitverleger auch das Risiko stärker.
Sie haben ein ungewöhnliches Verlags-Konstrukt.
Ja, das stimmt. Wir Verleger (neben Thomas und mir auch Peter Graf und Tobias Roth) zahlen uns ja keine Gehälter und tätigen keine Entnahmen aus dem Verlag, alle Einnahmen und eventuellen Gewinne bleiben im Verlag und finanzieren die folgenden Programme. Und da wir keine großen Overheads haben, können wir natürlich die Bücher besonders gestalten. Die täglichen Brötchen verdienen sich alle Verleger in ihren Hauptberufen.
Ich weiß, Sie haben eine Botschaft an den den stationären Buch-Einzelhandel.
Ja, auch das stimmt. We don’t deal with Amazon. Unsere Bücher sind dort zwar via Grossisten erhältlich, aber wir unterhalten ganz bewusst keine direkte Geschäftsbeziehungen mit Amazon. Wir wollen ganz gezielt den stationären Buchhandel unterstützen – und hoffen natürlich auf Gegenseitigkeit: Dass auch der Sortimentsbuchhandel unsere schönen, zum Teil auch mal anspruchsvolleren oder beratungsbedürftigen Titel führt und erfolgreich verkauft.
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