
Ich will ehrlich sein. Ich weiß auch noch nicht ganz, woher das Geld für neue Konzepte kommen soll. Zu undurchsichtig sind die finanziellen Strukturen bei Verlagen. Wir reden ja nicht mal offen über Honorare und den katastrophalen Stundenlohn im Vergleich zum Arbeitspensums des Großteils dieser Branche.
Diese Kolumne ist ein Spielplatz für meine Beobachtungen und Analysen. Vor allem aber auch ein Versuch diese Branche, die ich so sehr liebe und von der ich hoffe eben auch noch in 20 Jahren Teil von sein zu können, mitzuprägen. Junge Stimmen, die den Konsum und das Leben einer digital aufgewachsenen Generation beleuchten, braucht diese Branche mehr denn je.
Aber wenn ich gefragt werde? Dann sag ich:
Teuer wird vor allem das strategische Management und die Startphase eines jeden innovativen Projekts. Die Buchbranche verwässert Konzepte gerne, verweichlicht, passt an oder schlichtweg lektoriert weg.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen:
Mein Buch Fehlfunktion habe ich inkusive Hörbuch für ca 2.400 EUR vollständig produziert. Satz, Cover, Studioaufnahme und Grafik. Sorry an alle im Korrektorat: KI hats gemacht. Fehler hat’s trotzdem. Aber es ist ja auch ein Buch über Fehler…
Von meiner Arbeit an meinem Roman weiß ich, dass für Debüts und die Arbeit mit Agenturen von Debütant:innen mittlerweile immer mehr fast druckreife Manuskripte gefordert werden.
Ebenso kenne ich befreundete Autor:innen, die teils von ihren Konzernverlagen kaum noch ausreichende Lektoratsdurchgänge gestellt bekommen. Das natürlich nicht pauschal. Aber: insgesamt geht der Trend eher zum Verlag, der ein fertiges Produkt kauft als dass er es bei der Entstehung begleitet.
Wenn es um die Finanzierung geht, glaube ich, braucht es keine exorbitanten Budgets. Vielmehr braucht es Synergien. Zusammenschlüsse. Kleine Verlage, die anstatt den Nachdruck der Backlist mit flauem Magen zu veranlassen, weil man lieber auf dem Lager sitzen bleibt als sich einzugestehen, dass es nicht mehr so läuft, Kooperationen. Editionen für Neuauflagen. Taschenbuch im Print on Demand oder schlichtweg mal wirklich Geld um eine gute Social Media Person zu beauftragen. Am Besten eine, die sonst per se zuerst mal nix mit Büchern zu tun hat, sondern knallharte Zahlen und Verständnis mitbringt.
Ebenso einfach mal Dinge aussetzen, die man immer schon so getan hat. Manchmal merkt man dann erst, was es wirklich braucht und was man lassen kann.
Ebenso: radikale Banden bilden. Warum gibt es jedes Jahr so viele kleine Verlagsstände bei den Buchmessen? Lieber mal einen geilen großen Indie-Stand. Oder sich zusammenschließen für Medienpartnerschaften und Veranstaltungen. Ich bin mir sicher, da passiert schon viel. Aber die Großen werden immer größer und ich merke selber als Freelancer in der Kultur, dass meine Karriere ja nur funktioniert, weil ich Brücken baue und weil Menschen über diese Brücken auch zu mir finden und weil ich mich nicht auf ein Konzept festgelegt, sondern stattdessen agiler vorangehe. Mehr Autonomie.
Ein radikaler Vorschlag, den ich einer Cheflektorin bei einem Kennenlernen für ein Buchprojekt mal wohl zu mutig präsentiert habe – aus dem Buch wurde damals nichts – ob sie denn auch Co-Publishing machen würden. Sprich anstatt Vorschuss großes fixes Marketingbudget plus direkte bessere Tantiemen von Buch 1. Die Social Media Buchbubble zeigt ja schon, dass sie das Marketing für ihre Bücher selbst stemmt und wer vielleicht dank einer Bestsellerplatzierung Geld sparen konnte, könnte es auch wieder in seine eigene Karriere investieren.
Ich denke langfristig werde ich die Frage mit der Finanzierung aber nur beantworten können, wenn ich selber als Kurator anfange zu arbeiten. Vielleicht mit einer eigenen Edition oder einem Co-Publishing Modell für Verlagsautor:innen, die Bock haben ihre Herzensprojekte radikal eigen umzusetzen. Mit geteilten Kosten und dafür maximaler Authentizität. Wir werden sehen. Wie bildet ihr Banden? An welchen Stellen baut ihr Brücken? Wo liege ich falsch?
Josia Jourdan
Josia Jourdan gehört zu den profiliertesten jungen Stimmen der Schweizer Buchszene. Mit 14 Jahren betrieb er den meistgelesenen Buchblog des Landes, heute ist er Autor des Essaybands Fehlfunktion und schreibt u. a. für die ZEIT, den Freitag und den Tagesspiegel. Er hat die Schweizer Buchbranche in digitalen Strategien und auf BookTok begleitet. Bei BuchMarkt veröffentlicht er seine monatliche Kolumne „Josias Branchenblick“.






