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Janet Zentel: „Nicht die KI ist das Problem, sondern das Schweigen darüber“

Janet Zentel (Foto: privat)
Janet Zentel (Foto: privat)

Wie weit kann künstliche Intelligenz den Schreibprozess übernehmen? Dieser Frage ist die Autorin, Lektorin und Schreibcoach Janet Zentel in einem ungewöhnlichen Experiment nachgegangen. Für ihren Thriller „Die zweite Stimme“ ließ sie nach eigenen Angaben nicht nur den Romantext von KI erstellen, sondern auch Lektorat, Korrektorat, Buchsatz, Covergestaltung und sogar die Veröffentlichung auf Amazon. Das Ergebnis versteht sie ausdrücklich nicht als Blaupause für die Zukunft des Schreibens, sondern als Diskussionsbeitrag für die Buchbranche.

Auslöser für das Experiment sei die Beobachtung gewesen, dass viele Autorinnen und Autoren bereits mit KI arbeiteten, darüber aber kaum offen sprächen. „Ich glaube, das Schlimmste für uns wäre nicht die KI, sondern eine Branche, die unehrlich mit ihr umgeht“, so Zentel gegenüber BuchMarkt.

Zwei Monate Training

Ganz ohne menschliche Vorarbeit entstand das Buch allerdings nicht. Nach eigenen Angaben investierte Zentel mehr als zwei Monate in die Vorbereitung. Sie beantwortete rund 200 Fragen zu ihren Werten, ihrem Schreibstil und ihrer Figurenentwicklung, trainierte die Systeme mit acht ihrer bereits veröffentlichten Bücher und entwickelte zusätzlich eigene KI-Werkzeuge für Korrektorat und Lektorat.

Für sie liegt genau darin der eigentliche Mehrwert der Technologie: „Der Mensch bleibt die Quelle, die KI erweitert nur, was schon da ist.“ KI könne insbesondere Schreibhemmungen abbauen und Menschen helfen, Geschichten umzusetzen, die sie sich bislang nicht zu schreiben zugetraut hätten. Gleichzeitig eigne sie sich als Sparringspartner für Plotentwicklung, Struktur und Recherche.

Vom Schreiben zum Coaching

Sorgen, dass KI ihre eigene Arbeit als Schreibcoach oder die Dienstleistungen ihrer Plattform Bookerfly überflüssig machen könnte, hat Zentel nach eigenen Angaben nicht. Im Gegenteil: Die Anforderungen verschöben sich.

„Der Wert wandert vom Machen zum Führen und Beurteilen“, sagt sie. Gerade weil KI viele Aufgaben günstiger erledigen könne, werde die Fähigkeit wichtiger, Ergebnisse fachlich einzuordnen und Schwächen zu erkennen. Viele Menschen seien derzeit noch gar nicht in der Lage, KI-generierte Texte angemessen zu bewerten.

Qualität mit Grenzen

Auch ihr eigenes Experiment bewertet Zentel differenziert. Die KI habe ihren Stil erstaunlich gut übernommen – einschließlich ihrer sprachlichen Eigenheiten. „Die KI hat keinen Fehler gemacht, sie hat meine Stimme gelernt – mitsamt meiner Marotten.“

Gleichzeitig habe das Experiment gezeigt, wo die Grenzen heutiger Systeme liegen. Besonders das Weglassen falle der KI schwer. Statt pointiert zu erzählen, neige sie dazu, zu viel erklären zu wollen. Und sie macht Fehler. „Die Grenze liegt meines Erachtens nach nicht beim Schreiben, sondern beim Lektorat“, sagt Zentel, und erläutert das weiterführend in einem ganzen Blogbeitrag. Für das fertige Buch würde Zentel deshalb selbst die Schulnote 2,5 vergeben.

Die Resonanz falle unterschiedlich aus. Während viele Leserinnen und Leser außerhalb der Branche den Thriller als spannende Unterhaltung wahrnähmen, reagiere das Fachpublikum deutlich kritischer. Neben Zustimmung erhalte sie ebenso viele skeptische Rückmeldungen bis hin zu grundsätzlicher Ablehnung von KI.

Kennzeichnung statt Verbote

Beim Thema Urheberrecht sieht Zentel erheblichen Handlungsbedarf. Patentlösungen gebe es aus ihrer Sicht nicht. Stattdessen fordert sie klare Kennzeichnungspflichten sowie faire Vergütungs- und Lizenzmodelle für Werke, mit denen KI-Systeme trainiert werden. Kreative müssten der Nutzung ihrer Inhalte zustimmen und dafür bezahlt werden. Notwendig seien Regulierung und gemeinsame Branchenstandards.

Gleichzeitig geht Zentel davon aus, dass vollständig KI-generierte Bücher langfristig eine Nische bleiben werden. Der Wunsch, eigene Geschichten zu erzählen, werde durch künstliche Intelligenz nicht verschwinden. „Ich sehe KI als Werkzeug – nicht als Autor.“

Die Debatte dürfte erst beginnen

Das Experiment trifft auf eine Branche, die sich intensiv mit den Folgen generativer KI beschäftigt. Während viele Autorinnen und Autoren KI bereits für Recherche, Ideenfindung oder Marketing einsetzen, bleibt der Umgang mit dem Thema häufig intransparent. Gleichzeitig beschäftigen Fragen nach Urheberrecht, Kennzeichnungspflichten und Qualitätsstandards Verlage, Verbände und Politik gleichermaßen. Mit ihrem Selbstversuch will Janet Zentel nach eigenen Angaben genau diese Diskussion anstoßen – unabhängig davon, wie das literarische Ergebnis letztlich bewertet wird.

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