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Thea Dorn: „Die Millionen-Dollar-Frage der Demokratie“

Thea Dorn (Foto: Alberto Novelli)

Der heutige Internationale Tag der Demokratie ist eingebettet in die Themenwoche „Demokratie braucht viele Stimmen“ vom 14. bis 19. September 2026, der sich zahlreiche Medien angeschlossen haben. Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) hat zu diesem Anlass mit Thea Dorn gesprochen. Auch BuchMarkt unterstützt die Woche und gibt das Interview im Folgenden wieder.

BDZV: Braucht Demokratie nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch den Mut, sie tatsächlich zu nutzen?

Thea Dorn: „Mut“ ist ein großes Wort, das ich im Zusammenhang mit Meinungsäußerungen in Demokratien nicht besonders mag. In autoritären Gesellschaftssystemen braucht es Mut, Dinge zu sagen oder zu schreiben, die den Machthabern nicht passen. In Demokratien muss man lediglich aushalten können, dass einem scharf widersprochen wird, wenn man eine Meinung äußert, die auf Gegenwind trifft.

Allerdings gefährdet es durchaus die Demokratie, wenn der Gegenwind regelmäßig Shitstorm-Stärke erreicht und zudem nicht nur der Meinung gilt, sondern ebenso der Person, die sie äußert.

In der ersten Demokratie der Welt, im antiken Athen, galten zwei fundamentale Prinzipien für den politischen Diskurs: Isegorie und Parrhesie. Jeder Bürger hatte das Recht, in gleicher Weise von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen, ohne befürchten zu müssen, dafür niedergemacht zu werden. Daran sollten wir uns auch heute orientieren. Woran wir uns ebenfalls orientieren sollten: In Athen ging man davon aus, dass jeder Bullshit eine Meinung sein kann. Dennoch hütete man sich als Bürger und Politiker davor, Bullshit zu verbreiten – nicht, weil es als moralisch verwerflich gegolten hätte oder verboten gewesen wäre. Man hütete sich, weil man nicht als Trottel dastehen wollte.

Literatur lässt uns die Welt mit fremden Augen sehen. Ist das auch eine demokratische Fähigkeit?

Ein Mensch, der nur „ich, ich, ich“ denkt, liest vermutlich nicht gern – siehe Donald Trump. Andererseits werden die meisten Leser schon mal die Erfahrung gemacht haben, dass sie in einem literarischen Werk Ausschau nach einer Figur halten, mit der sie sich identifizieren können, oder nach Sätzen, die ihnen aus der Seele sprechen. Schlechte Literatur befriedigt dieses Bedürfnis ohne Wenn und Aber.

Gute Literatur hingegen besteht eigentlich nur aus Wenn und Aber. Ihre Sätze nehmen erstaunliche Wendungen; sie zeigt uns Figuren so, dass wir begreifen: In jeder Heldin steckt mehr Abgrund, als uns lieb ist, jede Schurkin hat eine Geschichte, die mehr aus ihr macht, als einfach nur böse zu sein.

Ich würde gern sagen: Nur Demokraten sind gute Leser, weil sie auch Stimmen ertragen, die ihnen gegen den Strich gehen. Aber Friedrich Nietzsche zum Beispiel war ein ebenso wilder wie genauer Leser – und ganz gewiss kein Demokrat.

Wie viel gemeinsames „Wir“ braucht eine Demokratie, damit sie unterschiedliche Stimmen aushält?

Tja, das ist die Millionen-Dollar-Frage der Demokratie. Einige Verfechter des bürgerlichen Rechtsstaats hoffen, dieser ließe sich auch mit einem Volk von Egoisten und Narzissten machen – ich bin da skeptisch. Wer nur seine eigenen Interessen und Weltanschauungen kennt, wer meint, dass es sich bei Gemeinwohl um ein antiquiertes Konzept für Dumme handelt, der hört immer nur sich selbst zu – auch wenn er sich für eine Weile mit vermeintlich Gleichgesinnten in einer Bubble zusammentut.

Die Crux ist nur: Wie heterogen kann/darf/muss ein demokratisches „Wir“ sein, damit es den Geist der Toleranz atmet, ohne den jede Demokratie erstickt? Und wie homogen kann/darf/muss dieses „Wir“ sein, damit es nicht zu einem völlig beliebigen Konglomerat wird, das bei Spannungen und Konflikten zerfällt?

Ich kann leider nur sagen, welche Antworten ganz sicher falsch sind: Das demokratische „Wir“ im 21. Jahrhundert kann nicht das kulturell oder gar ethnisch homogene „Wir“ sein, das Rechtspopulisten predigen. Andererseits übersteigt das allumfassende Menschheits-„Wir“, das den Verfechtern von universell verstandener Gleichheit und Gerechtigkeit vorschwebt, die realistischen Möglichkeiten jeder konkreten, demokratisch verfassten Gesellschaft. Die Millionen-Dollar-Antwort wird irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegen.

Thea Dorn ist Schriftstellerin, Fernsehmoderatorin und Philosophin. Seit 2020 moderiert sie das „Literarische Quartett“ im ZDF, seit 2024 ist sie Sprecherin des PEN Berlin. Zu ihren bekanntesten Büchern zählen „Die deutsche Seele“, „Die Unglückseligen“, „deutsch, nicht dumpf“ und „Trost. Briefe an Max“. In Büchern und öffentlichen Debatten beschäftigt sie sich immer wieder mit Meinungsfreiheit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und demokratischer Streitkultur.

2 Kommentare

  1. Es ist so richtig, was Thea Dorn zu Demokratie als Basis für letztlich nichts als Menschenrechte sagt. Und richtig ergänzt, sie sind kein „homogenes Wir“, womöglich noch völkisch. Das Wort „Rechtspopulisten“ fällt. „Gute Literatur“, wie Thea Dorn sie passend nennt, profitierte sicher davon, dass sie Freiheit hatte, zu schildern, was sie zum Ausdruck bringen wollte. In öffentlicher Verlautbarung von Medien, auch in den großartigen Leitmedien, begann aber – und da muss das Zäsurjahr 2015 genannt werden – eine Art von Lügenhaftigkeit, die viele aus der Rezipientenschaft im sichtbar Drängendsten wie dem Migrationsgeschehen ratlos, misstrauisch werden ließ – und, jetzt kommts: sie in rechte Narrative trieb. Die Medien sind keine „Lügenpresse“, aber der Jaspersche Ausdruck der Lügenhaftigeit (in einem genialen Psychogramm über Heidegger) muss Hinweis an die Medien sein – wenn auch wohl zu verstehen aus dem Erinnern an das Schicksal Salman Rushdie oder Charlie Hebdo. Migration geschieht, selbst wenn nur medial vermittelt, leibnah. Und genau da trat rechte Gesinnung auf. Hätten die Medien, vielleicht sogar europaweit, den im Interview genannten Mut aufgebracht, sozusagen Ross-und-Reiter im migrantischen Geschehen zu nennen, wäre den Demokratien die Verwerfungen gen rechts wohl ziemlich erspart geblieben. Schön, dass BuchMarkt die „Millionen-Dollar-Frage der Demokratie“ branchenbezogen an Thea Dorn gestellt hat.

    1. Die Frage wurde wie oben geschrieben vom BDZV gestellt, aber mit freundlicher Genehmigung von uns genutzt. Freundliche Grüße, Hanna Schönberg

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