Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Wie wir gelernt haben, den Ulysses zu lieben“: Im Jahr des hundertsten Jubiläums von Ulysses ist die Begeisterung in der Heimat des Schriftstellers riesig. Doch was hat sich gegenüber der früheren Ablehnung geändert? „Mit seinem Werk schuf Joyce radikal neue Möglichkeiten: sowohl für den Roman im zwanzigsten Jahrhundert als auch für die irische Identität und sogar für Hiberno-Englisch als eine kreative Weiterentwicklung des King’s English.“
„Und im Landwehrkanal treiben die Leichen“: Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen: Kristy Bell porträtiert die deutsche Hauptstadt und bringt historische Betrachtungen mit privaten Erlebnissen in Schwingung. „Ausgerechnet von diesem trüben, vermeintlich abseitigen Ort zeichnet sie mit Gezeiten der Stadt ein fesselndes Berlin-Porträt. Es reicht vom neunzehnten Jahrhundert über die Weimarer Jahre und das Kriegsende bis in die Gegenwart und handelt viel von Wunden und Narben der Stadt. Ausgehend vom Blick aus ihrem Küchenfenster und den Macken des Hauses, bringt die Autorin einen langen Gedankenstrom aufs Papier, der nie abbricht, stolpert oder sich in einer Sackgasse verliert.“
Kirsty Bell, Gezeiten der Stadt. Eine Geschichte Berlins (aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff; Kanon Verlag)
„Spiegel von meisterlichem Schliff“: Nach 24 Jahren erscheint der estnische Roman Gegenwindschiff von Jaan Kross erstmals auf Deutsch. Er widmet sich dem Leben des Optikers Bernhard Schmidt und treibt mit der Reflexion ein artistisches Spiel. „Eine wohltuende Ruhe geht von diesem Buch aus. Dessen Ich-Erzähler, der aus Estland stammende, durch seine Erfindungsgabe bis heute die Astronomie bestimmende Optiker Bernhard Schmidt, ist auf innige, manchmal schmerzhaft ehrliche, aber stets bewundernswert klare Weise bei sich. Er sieht seine Begabungen und seine Behinderungen, die des Körpers – die Verstümmelung seiner rechten Hand – wie die durch seine geographische und soziale Herkunft; er sieht seine Sehnsüchte wie seine Verklemmungen und Verfehlungen, sieht die Schrecknisse in der politischen Geschichte Europas während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und darin die eigene hilflose Angst. Und doch schlummert am Grunde dieses Buches ein durchtriebener, geradezu abenteuerlicher Witz.“
Jaan Kross, Gegenwindschiff. (aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt und Maximilian Murmann; Osburg Verlag)
„Eine Frage der Macht“: Henry Kissinger, Eric Schmidt und Daniel Huttenlocher betrachten die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz aus verschiedenen Perspektiven. Dabei machen sie eines unmissverständlich klar: Die KI ist längst ein Instrument politischer Macht. „Zu den Vorzügen dieses Buches gehört, dass die KI tatsächlich aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird, ohne – wie das gelegentlich geschieht – ins Hollywoodhafte abzuirren. Solche Darstellungen dürfte es gerne mehr geben.“
Henry A. Kissinger, Eric Schmidt und Daniel Huttenlocher, The Age of AI. And Our Human Future (Little, Brown and Company)
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„Endlose Korrekturen“: Es sah aus, als würde James Joyce nie fertig mit dem Ulysses. Aber an seinem 40. Geburtstag wollte er den Roman gedruckt sehen – die berühmteste Deadline der Weltliteratur. Von Colm Tóibín.
„Ihr werdet für meine Liebe bezahlen“: Immer noch schockierend: Alba de Céspedes über Unterwerfung und Aggression einer Frau. „1953, als der Roman erschien, konnte solche Klarheit nur schockierend wirken. Fast siebzig Jahre später tut sie das immer noch. Fassungslos sieht man eine Frau im Dauer-Furor agieren, die ihrer eigenen Einschnürung bewusst zustimmt, und weiß: Das Modell ist ja nicht aus der Welt.“
Alba de Céspedes, Das verbotene Notizbuch. Roman (aus dem Italienischen von Verena von Koskull; Insel)
„Anstöße und Anstößigkeit“: US-Schulbezirk streicht Holocaust-Comic Maus. „Der Schulbezirk McMinn County im amerikanischen Bundesstaat Tennessee hat Art Spiegelmans weltberühmtes Comic Maus über das Schicksal eines jüdischen Ehepaars während der NS-Zeit aus dem Lehrplan der achten Klasse gestrichen.“
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„Die Erzählung von Jedermann“: Ein Wunder en gros und en détail: Hundert Jahre Ulysses von James Joyce. „Der Ulysses ist kein Werk der Aufklärung, kein Beitrag zur Ent-, sondern zur Verzauberung der Welt. ‚Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren Jahrhunderte lang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe, und nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit.‘ So der sich amüsierende, aber auch stets zum Selbstlob aufgelegte Autor.“
„Ein Mann erfindet sein Leben“: Abbas Khider führt mit seinem Roman Der Erinnerungsfälscher nach Bagdad. „Abbas Khider lässt seinen Helden im Schreiben Zuflucht finden, indem er das, woran er sich nicht erinnern kann oder will, neu erfindet. Fotos oder Tagebücher braucht er dafür nicht. Saids Texte seien Versuche, ‚eine einzige wahre Geschichte zu schreiben, nämlich seine, die niemals wahr sein kann‘. So ist dieses schmale, aber reiche Buch auch eine Allegorie auf das autofiktionale Erzählen: Die Erkundung der eigenen Prägungen, ohne in jedem Detail der Wirklichkeit zu entsprechen – der Wahrheit aber schon.“
Abbas Khider, Der Erinnerungsfälscher. Roman (Hanser)