
Machiavellis Der Fürst, dieses immer wieder zitierte Schlüsselwerk der modernen Staatskunde erklärt nach sieben Jahrhunderten gehaltreich und höchst anregend nationale und globale Regierungsformen sowie deren Auswirkungen auf die jeweils davon betroffene Gesellschaft. Es beschreibt geistliche Herrschaften, pseudodemokratische autoritäre Regierungen oder Tyranneien.
Meine erste Begegnung mit diesem Werk wurde von Irritationen und Widersprüchen begleitet. Das war in den 1960er Jahren, als sich die noch junge Republik noch nicht an Geist und Verfahren einer Demokratie gewöhnt hatte. Adenauer galt in meinem Umfeld damals als übler, katholisch-jüdischer Machiavellist. Hitler– und Mussoliniversteher – waren zur eigenen sowie zur Rechtfertigung ihrer geheiligten Führer überzeugt davon, die beiden Tyrannen und Verbrecher hätten die „Kardinaltugenden“ des Nicolo Machiavelli, Zeitgenosse von Martin Luther, Albrecht Dürer oder Michelangelo befolgt. Allein ein Blick auf diese Tugenden entlarvt die Verblendung damaliger und noch abscheulicher – heutiger Gefolgschaften:
In der Tat, außer zuweilen nach damaliger Herrscher Selbstrechtfertigung „unvermeidbarem“ Betrug, in „Notlagen“ erlaubter Gewalt und Grausamkeit wertschätzte Machiavelli Weisheit, Besonnenheit, Mut und Gerechtigkeit als Kardinaltugenden guter Herrschaft. Damit sind wir beim Titel des Buches und seinem Inhalt:
Zutreffender wäre das 150-Seitenbuch nämlich mit „Herrschaft“ übertitelt worden. Denn der Autor (1469 – 1527), ein exzellenter Verwaltungspolitiker, Diplomat Gesandter sowie Staatstheoretiker, hat keinen universellen Ratgeber für erfolgreiche Fürsten verfasst, sondern nach der Beschreibung vieler Herrschaftsformen eine bestimmte Variante, demokratisch angelegter Alleinherrschaft vorgestellt.
Das hindert ihn jedoch nicht, die übelsten Haltungen und Handlungen zu empfehlen, solange sie dem Erwerb oder Erhalt politischer Gewalt dienen und als „unvermeidbar“ begründet werden können.
Damit regt dieses Werk besonders dazu an, immer noch und immer wieder praktizierte Herrschaftssysteme und deren Nutznießer zu durchschauen, sie zu akzeptieren oder abzulehnen.
Welche Themen behandelt Machiavelli?

Die hiermit uneingeschränkt empfohlene aktuelle Krönerausgabe zeichnet sich durch ein Geleitwort Herfried Münklers aus. Dieses rundet die bereits vor Jahrzehnten verfasste Einleitung und Erläuterung des Übersetzers
und Herausgebers Rudolf Zorn zu einer perfekten Leseanleitung ab:
Ererbte Herrschaften / Vermischte Alleinherrschaften /
Vom Erwerb einer Herrschaft durch Verbrechen /
Von geistlichen Herrschaften / Was sich für einen Herrscher zu tun schickt, um zu Ansehen zu kommen /
Von vertrauten Mitarbeitern, die Herrscher in ihrer Umgebung haben / Schmeichler muss man meiden.
Herrscher jeden Zuschnitts gab und gibt es, seit sich Menschen in Verbänden oder Nationen organisierten,also seit vielen tausend Jahren.
Herrscher und Untertan könnten aus der Geschichte lernen und ein konstruktiveres Miteinander auf Erfahrungen gründen.
Einige Auszüge aus diesem Kapitel (XXIII) belegen, dass es seit jeher fragwürdige Charaktere gab, denen die Macht und der Genuss ihrer Vorzüge wichtiger waren, als der Dienst am Wohl einer Gemeinschaft oder Nation
(„…Es gibt nämlich kein anderes Mittel, Schmeicheleien zu vermeiden, als den Menschen beizubringen, dass sie dich nicht beleidigen, wenn sie dir die Wahrheit sagen… wer anders handelt, wird entweder ein Opfer der Schmeichler oder er ändert infolge der Verschiedenheit der Meinungen häufig seine Entschlüsse. Die Folge davon ist, dass er weniger geachtet wird…ein Herrscher, der nicht selber gescheit ist, kann auch nicht gut beraten werden…).“
Ihnen wünsche ich viele gehaltreiche Einsichten und anregende Lektüre!
Helmut Benze
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