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Mirjam Zadoff gratuliert dem Verleger Wolfgang Beck zum 85. Geburtstag

Wolfgang Beck (Foto: Isolde Ohlbaum/Bayerische Staatsbibliothek)

Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, zum 86. Geburtstag von Wolfgang Beck:

Lieber Wolfgang,

auf diesem Weg überbringe ich dir sehr herzliche Glückwünsche zu deinem 85. Geburtstag. Meine Stimme reiht sich ein in den Chor derer, die dir in Dankbarkeit verbunden sind. Wir sind viele, und während manche von uns zum Stift greifen, stimmen andere lesend und nickend zu. Wieder andere sind nicht mehr da, doch der Chor der Gratulant:innen wäre ohne sie nicht vollständig. In Flucht und Ferne getrieben, gab ihnen der Verlag C.H.Beck nach dem Holocaust ein Stück Heimat zurück: durch Bücher in ihrer Muttersprache und eine – in Deutschland ungewöhnliche – Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Günther Anders zählte dazu, Fritz Stern, Saul Friedländer, Gershom Scholem und seine Mutter Betty. Letzterer war es nicht vergönnt, aus dem australischen Exil zurückzukehren, aber zwischen zwei Buchdeckeln war ihrer spitzen Feder und ihrem Berliner Humor der späte Ruhm gewiss. Sie alle würden jetzt mit dir feiern.

Ihre Bücher haben sich seiltänzerisch gespannt über die Leere und Stille, die das Ergebnis gewaltsam abgebrochener Beziehungen war. Es ist dir und dem Beck-Verlag zu danken, dass diese Bücher Eingang fanden in die Wohnungen und Häuser der deutschen und österreichischen Nachkriegszeit. Ich wuchs auf, umgeben von diesen Buchrücken und hörte die Namen und Themen, über die beim Abendessen gesprochen wurde. So vertraut schienen sie mir, fast wie ein erweiterter Freundeskreis, dass der Griff ins Bücherregal nahe lag, als ich alt genug war. Ich verdanke es den Beck-Autoren Egon Friedell, Jacques Le Goff oder Kurt Flasch, mich anfänglich für das Mittelalter, dann für die Geschichte an sich zu begeistern und besonders für jene Autor:innen, die wissen zu erzählen. Auch verstand ich bald, dass für Historiker:innen jeder Richtung dieser Verlag nicht weniger war (und ist) als der Olymp des Publizierens.

Gemeinsam mit ihnen allen möchte ich dich als großen Sachbuchverleger ehren, und beiße mir doch gleich auf die Zunge. Nicht nur hast du den Verlag kurz vor der Jahrtausendwende um ein erfolgreiches literarisches Programm erweitert, du hast auch deiner Unzufriedenheit über das deutsche Wort „Sachbuch“ immer wieder Ausdruck verliehen: zu „dürr“ schien es dir im Vergleich zu dem sehr viel umfassenderen englischen Wort „non-fiction“ oder dem französischen „Essai“. So vieles, meintest du weiter, verberge sich dahinter – von Platon bis Wittgenstein, von Biographien über Essays und großen Weltgeschichten bis hin zu Memoiren oder Briefen.

Seit du den Verlag 1972 übernommen hast, hast du dich als Verleger der humanistischen Tradition verpflichtet gefühlt, und das Programm immer weiterentwickelt zu einer großen Vielfalt der Epochen und Regionen. Unter der Leitung deines Nachfolgers und Sohnes Jonathan im Jahr 2015 fand diese Entwicklung ihre eigenständige Fortsetzung in E-Books, Graphic Novels und vielem mehr. Heute zählt auch der Schweizer Unionsverlag, dessen literarisches Programm auf Europa, Asien, Afrika und die arabische Welt spezialisiert ist, zur Verlagsgruppe.

Unter deiner Leitung hat C.H.Beck einem deutschsprachigen Publikum das Judentum und jüdisches Denken in all seinen – partikularen wie universalistischen – Schattierungen nahegebracht. Zugleich entstand mit der Orientalischen Bibliothek ein Wissensspeicher der Kultur, Philosophie und Sprache des Islams und der arabischen Welt. Dahinter steht nicht nur Humanismus, sondern auch eine nicht einfach zu stillende Neugier auf die Welt, und eine von feiner Ironie gelenkte Offenheit dafür, überrascht zu werden. Als passionierter Bergsteiger scheust du weder die großen Anstrengungen noch das unwegsame, einsame Gelände. Als Cellist macht es dir keine Angst, – wenn es das Musikstück erfordert – auch einmal die begleitende Stimme zu spielen. Beide Tätigkeiten – das Gehen in den Bergen ebenso wie das gemeinsame Musizieren – verlangen einem viel ab: Ruhe, Konzentration, Konsequenz und die Fähigkeit zur Freundschaft.

„Der Leser“, so schreibt Marcel Pagnol in seinen provenzalischen Memoiren, „ist fast immer ein Freund. Er hat das Buch ausgesucht, hat es unter dem Arm nach Hause getragen und zu sich eingeladen. Er wird es still für sich lesen, an seinem Lieblingsplatz in vertrauter Umgebung, und nicht dulden, dass jemand über seine Schulter mitliest.“ Ohne den Verleger wären Lesende und Schreibende keine Freund:innen, denn kein anderer macht sich so viele Gedanken über ihre Beziehung untereinander. Um diese Beziehungen herzustellen, ihnen Raum zu geben und sie zu entwickeln, muss der Verleger nicht nur sprechen können und lesen, sondern vor allem auch zuhören. Wenn er, so wie du, dann auch noch die größtmögliche Offenheit mitbringt und eine universelle Menschenfreundlichkeit, dann mag er wirkliche Veränderungen bewirken.

Im Moment des Feierns soll die Sorge pausieren. Und doch kann ich nicht umhin, selbstkritisch auf das eigene Gegenwartsverständnis zu schauen. Denn wir Zeithistoriker:innen haben uns täuschen lassen: Unser Blick auf das 20. Jahrhundert mit seinen Katastrophen hat uns glauben lassen, es könnte und müsste jetzt alles besser, vielleicht sogar auf Dauer gut werden. Damit haben wir uns, nicht zum ersten Mal in der Geschichte unserer Zunft, zu Prophet:innen gemacht. Und doch ist es anders gekommen. Wie erhalten wir uns jetzt – angesichts der Verteilungskämpfe, der fehlenden Leitlinien und der über Bord geworfenen Moral – die humanistische Tradition? Wie erweitern wir sie, ungeachtet oder gerade wegen des Gegenwindes, um Menschen, Gruppen und Regionen einzubeziehen, die zu lange vergessen wurden?

Vielleicht hilft ein Blick ins Verlagsprogramm nach einer ermutigenden Lektüre, etwa über die guten, aber auch schlechten Zeiten, die in der Antike oder im Mittelalter überwunden wurden?  Ist es nicht tröstlich, wenn wir uns daran erinnern, wie viele Krisen überwunden, wie viele Rechte erkämpft wurden? Oder dass in der Eskalation nicht das Ende liegen muss, sondern der Beginn einer Veränderung? In jedem Fall brauchen wir dafür eine Portion Zugewandtheit und ein bisschen Großherzigkeit, die Fähigkeit, Freundschaften zu knüpfen, zu ermöglichen und zu erhalten, und die Bereitschaft bis ins hohe Alter die Kunst des Zuhörens zu pflegen.  Für diese Einsicht danke ich dir! Mit dem Verlag und seinen Büchern hast du uns dieses Land – und damit uns selbst – ein Stück liebenswerter gemacht hat. Das will gefeiert sein!

Mirjam Zadoff ist Autorin, Kuratorin und Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. 2025 erschien im Hanser Verlag ihr Buch Wie wir überwintern: Den Lebensmut durch die harten Zeiten retten.

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