
Literaturagent Thomas Montasser über die Frage, welche Ergebnisse und Erkenntnisse und Neuerungen die diesjährige Frankfurter Buchmesse gebracht haben wird.
Längst glühen sie wieder, die Tastaturen zwischen New York, London, Berlin, München und Tokio. Nie geht es heißer zu in der Buchbranche als in den Wochen vor der Frankfurter Buchmesse. Denn jeder versucht, bereits da zu sein, wo eigentlich erst ab Dienstagabend die Pforten geöffnet und die großen Deals gemacht werden. Zeit, mal einen Blick in die Zukunft zu werfen und schon mal die kommende Messe zu bilanzieren (hinterher kann das ja jeder):
Kurz vor dem Exitus haben sich wieder einmal tausende Fachbesucherinnen und Fachbesucher aus aller Welt getroffen, um in vergnügter Eintracht den Trauergesang auf unsere ebenso wunderschöne, wie sterbende Branche anzustimmen. Jammern war bekanntlich schon immer eine Spezialdisziplin des Buchhandels. Längst singen die Verlage die zweite Stimme dazu. Die Autoren heulen die Dritte. So auch auf der diesjährigen Messe. Aber ich zitiere hier mal einen Dialog mit einer Autorin anlässlich eines Vertragsabschlusses vor wenigen Tagen:
„Dann machen wir das. Aber ihr müsst aufhören zu unken. Dass deprimiert mich arg.“
„Unken? Wer unkt denn? Und was???“
„Na, das Gerede über den schwächelnden Buchmarkt ist arg unerfreulich …“
Wo sie recht hat, hat sie recht. Umso erleichternder, dass die Messebilanzen alle stets funkeln wie frisch polierte Kronjuwelen. Hier also – nicht zuletzt für unsere liebe Autorin – die Meldungen vom nächsten Sonntagabend:
Frankfurt am Main. Die Frankfurter Buchmesse meldet, dass die diesjährige Veranstaltung sowohl für die Fachbesucher:innen als auch für das Publikum ein großer Erfolg war. Zwar sind die Ausstellerzahlen einmal mehr rückläufig gewesen, dafür gab es jedoch einen signifikanten Umsatzzuwachs im gastronomischen Bereich sowie bei den Stornierungen. Der Vorsteher des Börsenvereins für den Deutschen Buchhandel spricht von ermutigenden Zahlen und sieht die Buchbranche insgesamt auf einem guten Weg.
Hamburg. Nicht an der Frankfurter Buchmesse teilgenommen hat eine große Verlagsgruppe mit Sitz in Hamburg. Zu teuer, zu ineffizient und überhaupt zu weit weg. So lässt sich die Begründung im Wesentlichen zusammenfassen. Die Konkurrenz beobachtet das Experiment mit großer Aufmerksamkeit.
München. Ein anderer großer deutscher Verlagskonzern hat indes ein „Hit-Team Telemesse“ gegründet, um „in den kommenden Jahren eine hybride Strategie der gleichzeitigen An- und Abwesenheit“ zu testen. So lasse sich insbesondere das Konzept Messe „optimal mit der Reduzierung von Büroflächen, Reisekosten und überhaupt Ressourcen, vor allem finanzieller Art“ mit dem Konzept Homeoffice kombinieren.
Frankfurt am Main. Die Messegesellschaft hat angekündigt, eine Arbeitsgruppe „Stay & Pay“ einzurichten, die es Verlagen ermöglichen soll, an der Messe teilzunehmen, ohne hinzufahren. „Im Zeitalter der Digitalisierung ist ein solches Angebot überfällig. Messe findet ja nicht nur in den Ausstellungshallen statt, sondern vor allem in den Köpfen“, so der Messechef auf Rückfrage. Außerdem sei ein Kombi-Paket mit der Deutschen Bahn angedacht: „Stay & Pay“ sei die „perfekte Antwort auf Reisestress, Verspätungen und Investitionsstau.“ Man überlege zusätzlich, eine Premium-Version umzusetzen, die in Zusammenarbeit mit dem Food-Lieferservice Lieferando „Single-Business-Lunch at home“ anbiete.
Berlin. Die Deutsche Bahn hat sich zu den Plänen der Frankfurter Buchmesse hinsichtlich eines Kombi-Tickets „Stay & Pay“ vorsichtig optimistisch geäußert. Man betrachte den Vorstoß als überlegenswert und zeitgemäß. Eine Zusammenarbeit mit Lieferando ließe sich zu einem späteren Zeitpunkt auch in den Transportbereich ausdehnen.
Frankfurt am Main. Die Börse reagiert nervös auf die Andeutungen der Deutschen Bahn, es könnte zu einer Zusammenarbeit mit Lieferando kommen. Während der Kurs der DB vorbörslich um mehr als sieben Prozent zulegt, stürzen die Lieferandowerte ins Bodenlose. Der Börsenvorstand hat angekündigt, die Aktie im morgigen Handel auszusetzen …
Okay, an der Stelle blenden wir aus. Wir wollen ja nicht unken, siehe oben. Aber das wird doch von der geschäftlichen Seite her schon mal eine bemerkenswerte Bilanz gewesen sein. Künstlerisch wird zu vermelden sein:
Der Deutsche Buchpreis wird eine würdige Preisträgerin haben. Es handelt sich um Shida Bazyar, die unter anderem den denkwürdigen Satz gesprochen haben wird: „Keine Minderheit in Deutschland kann keine Angst haben.“ Das hat nicht zuletzt zahlreiche Buchleserinnen und -leser als solche sehr nachdenklich gemacht.
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird an den französisch-britischen Autor Philippe Sands verliehen worden sein. In ergreifenden Reden wird an die Mahnungen der Vergangenheit und die Verantwortungen der Gegenwart erinnert worden sein. Anschließend wird es Häppchen gegeben haben (über die wir lieber schweigen).
Bundeskanzler Friedrich Merz wird bei einem anonymen Messerundgang in Halle 4.0 mit Bundeskanzler Friedrich Merz verwechselt und mit einem Cosplay-Preis für „das fieseste Kostüm ever“ ausgezeichnet worden sein, was unter den Anwesenden zu heftigen Diskussionen geführt haben wird. Das vor Ort befindliche Awareness- und Antidiskriminierungsteam wird die Situation aber schnell und kompetent unter Kontrolle gebracht haben.
Im Agent-Center wird gelöste Stimmung geherrscht haben. Alles, was es an attraktiven Stoffen gab, werden die Agentinnen und Agenten aus aller Welt bereits vor der Messe in nervenzerfetzenden Auktionen zu Mondpreisen vertickt haben, sodass man sich eine entspannte Zeit in „Good ol‘ Frankfurt“ geleistet haben wird – und sogar ohne Nachmessekater die Hotelpreise, die wie jedes Jahr die Hotellerie in Singapur, Dubai und Paris vor Neid erblassen gelassen haben werden.
Bleibt noch ein Blick auf die Leserinnen und Leser. Für die wird es in Frankfurt einmal mehr eine geniale Ausweitung des Angebots gegeben haben! Lifestyle Hören, CMF Stages, Inspiration Stage, Matsuri Stage, Paperterie & Geschenke, Screen World und unzählige andere Ideen werden die Messemacher:innen gehabt haben, um Volk in die Hallen zu locken. Muss ja nicht immer Buch sein, richtig?
Immerhin werden hunderte Meet&Greets geboten worden sein, unzählige Signierstunden, Podiumsveranstaltungen, in denen kluge Köpfe kluge Dinge gesagt haben werden, und natürlich auch etliche Happy Hours, Empfänge, Partys und Sundowners.
Wer sagt, das klingt alles nicht so richtig ermutigend, hat es nicht kapiert. Denn ja, die alten Reden, die alten Rezepte und der immergleiche Verlautbarungs- und Managementsprech mögen sich nicht geändert haben. Aber dahinter und daneben stehen immer noch die engagiertesten Büchermacher:innen, Buchhändler:innen und Leser:innen. 65.000 Novitäten sind 65.000 gute Argumente, warum das Buch und seine Branche nicht tot ist, sondern quicklebendig. Und dass aus einem Biotop der gesetzten Lettern immerzu neue Blüten wachsen, die ganz anders aussehen und ganz anders wirken, das beweist nur, dass es auf der Welt nichts Inspirierenderes gibt als gute Bücher und dass diese Branche auch heute noch die Welt bewegen kann.
Kurz, die Frankfurter Buchmesse 2026 wird einmal mehr die vielleicht überflüssigste, aber auch schönste, anregendste und vor allem unverzichtbarste Veranstaltung des Jahres gewesen sein. Deshalb: Auch wenn Sie jetzt bereits alles wissen, sollten Sie hingehen. Es lohnt sich. Denn die Buchmesse ist alles, nur nicht tot. Gestorben wird an einem anderen Tag.
Thomas Montasser







