
Seit Anfang Oktober 2026 präsentiert ein Raum in Olten in der Leberngasse 17 namens „Schweizer Bücher – Schweizer Verlage“ das Angebot von unabhängigen Verlagen. Eine schöne Idee, doch was steckt dahinter ?
Eine Medienmitteilung kündigte die Eröffnung eines Lokals in Olten an, in dem Bücher von unabhängigen Verlagen sichtbar und öffentlich gemacht werden sollen. Es handelt sich um ein Projekt des schweizweit führenden Logistik- und Dienstleistungsunternehmens für den Buch- und Fachhandel Buchzentrum AG (BZ) und dem von Thomas Knapp gegründeten Veranstaltungsort „Literatur & Bühne“. Thomas Knapp erklärt, dass jetzt 55 Verlage hier ihre Bücher ausstellen können und das Lokal von Montag bis Freitag geöffnet ist. Der Raum soll auch als Sitzungs- und Arbeitsraum dienen. In der Kellerbühne darunter mit 50 Plätzen werden weiterhin Veranstaltungen stattfinden. Die Konditionen gibt es auf Anfrage.
Traditionsort für das Kulturgut Buch
Olten ist eine Stadt mit rund 20.000 Einwohner:innen (mit Bezirk rund 59.000) und ist per Bahn aus den Städten Zürich, Basel, Bern und Luzern innerhalb einer Stunde erreichbar. Hier finden nicht nur die bekannten Kabarett-Tage statt, sondern Olten labelt sich selbst auch als «Literaturstadt». Zu Recht, denn von hier stammen zum Beispiel bekannte Autor:innen wie Franz Hohler, Alex Capus, Peter Bichsel oder Rolf Lappert bzw. Lisa Christ und Alexandra von Arx. In Olten fanden auch Rebekka Salm und Pedro Lenz ihren Lebensmittelpunkt. Ein «Schriftstellerweg» führt mit 70 Hörstationen durch die Stadt, an denen via QR-Code Geschichten gehört werden können. 1971 bis 2002 machte die «Gruppe Olten» von sich reden, eine politisch engagierte Vereinigung von Schweizer Autorinnen und Autoren u. a. mit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, die sich im legendären Bahnhofsbuffet trafen. Deshalb passt dieser neuer Raum für Buchverlage ganz gut in diese Stadt.

Zwischen Kulturvermittlung und Geschäft
Laut Mitteilung, soll in diesem neuen Lokal nicht „aktiv verkauft, sondern gezeigt“ werden. Ist es wohl eine Rücksichtnahme auf die Buchhandlungen in der Stadt wie die Buchhandlung Schreiber oder Klosterplatz? Einerseits eine schöne Idee und doch zugleich wären wohl die Verlage nicht unglücklich, wenn das Publikum nach dem Durchblättern das Buch auch gleich mitnehmen könnte. Die Buchzentrum AG als Betreiberin gehört der Genossenschaft „Schweizer Buchzentrum“ und gilt als größter Zwischenbuchhändler der Schweiz mit einer marktbeherrschenden Funktion, von der man schon fast von einem Monopol sprechen kann, abgesehen von anderen Auslieferungen wie AVA und Balmer Bücherdienst. Daraus ergeben sich Fragen zum Motiv für dieses Engagement. Im ersten Jahr dürfen die Verlage den sogenannten „Coworking-Bereich“ kostenlos benutzen, und dann? Gilt dies auch für Verlage, die beim Buchzentrum nicht Auslieferungs-Kunden sind? Sandra Wachsmuth, von der Geschäftsleitung Buchzentrum fasst die Kriterien für die Verlage, die mitmachen können, wie folgt zusammen: «Das einzige Kriterium ist, dass es sich um Publikumsverlage handeln muss, mit einem allgemeinen Sortiment, also kein Fach- und Schulbuch, Wissenschaft etc.» Auf die Frage, ob Verlage, die nicht beim BZ als Auslieferungskunden sind, auch eine Chance haben, hier dabei zu sein, erklärt Sandra Wachsmuth: «Die Verlage unserer Auslieferung bilden das Rückgrat des Verlagsraums. Gleichzeitig ist es uns wichtig, die Vielfalt des Schweizer Buchmarkts abzubilden und ausgewählten Verlagen aus unserem Barsortiment Sichtbarkeit zu ermöglichen. Der Verlagsraum versteht sich als Schaufenster für die Schweizer Verlagslandschaft und als Ort der Begegnung zwischen Verlagen, Buchhandel und Leser:innenschaft.“
Verlage und ihre Unabhängigkeit
„Unabhängige Verlage“ ist ein unklarer Begriff, denn dazu gehören Kleinstverlage, die schöne Bücher auf den Markt bringen aber das nötige Geld für Mitgliedschaften bei Verbänden und Genossenschaften nicht haben. Ihre Bücher sind mit ISBN, professionellem Lektorat und ebensolcher Produktion im Handel erhältlich und doch sind diese Verlage nicht in der Lage, marketingtechnisch unterwegs zu sein wie größere. Angesichts dessen stellt sich folgende Frage: Welche Verlage verdienen den Status, damit sie an solchen Angeboten wie in Olten teilnehmen dürfen? Wie wird „unabhängig“ definiert?
Da gibt es die Großverlage oder auch Publikumsverlage mit einem breiten Sortiment, mit Konzernstrukturen und Finanzkraft, die einen entsprechenden Marktanteil zu generieren vermag. Oft sind sie ein Teil eines Großunternehmens, das gleichzeitig in anderen oder ähnlichen Branchen tätig ist.
Unter «Unabhängiger Verlag» reihen sich inhabergeführte Verlage, deren Programme nischenorientiert sein können aber nicht müssen, aber sich bewusst sind, dass sie mit ihrem Programm eine Gratwanderung zwischen Kultur und Rendite begehen. Doch auch bei ihnen können die Besitzer:innenverhältnisse facettenreich sein, von Aktiengesellschaften über Genossenschaften bis zu privaten Investitionen, die durch Erbschaften und Privatvermögen möglich sind.

So reichhaltig die Existenzformen von Verlagen sein können, so vielfältig ist (noch) die Verlagslandschaft der Schweiz mit Namen wie Bilger, Engeler, Lectorbooks, Zeitkind, Edition 8, Limmat, Edition Königstuhl, Lenos, Lockwort, Pudelundpinscher um nur einige zu nennen. Aber wie sollen Verlage wie Diogenes, Kein & Aber und Kampa eingeordnet werden. Als Nichtunabhängige?
Auf Anfrage beim neuen und inhabergeführten Verlag Ars Remata, der mit viel Belletristik gestartet ist, ob eine Einladung für den neuen «Raum für unabhängige Verlage» in Olten eingetroffen sei, teilt der Inhaber Armin Junghardt mit, dass dies nicht der Fall sei, «wir hätten gerne mitgemacht».
Urs Heinz Aerni







