Offener Brief unabhängiger Buchhandlungen zu Verstößen gegen verbindliche Erstverkaufstage, exklusiven Vertriebsvereinbarungen und der zunehmenden Benachteiligung des unabhängigen Buchhandels:
Liebe Verleger:innen, liebe Vertriebsverantwortliche, wir müssen dringend reden! Über die viel beschworene Partnerschaft zwischen Verlagen und Buchhandlungen.
Wir sind es leid, dass der (gesinnungsgeprüfte) unabhängige Buchhandel durch Vertreter:innen der Branche und der Politik bei jeder Gelegenheit als unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Buchkultur gefeiert wird, während ihm gleichzeitig immer neue wirtschaftliche Nachteile zugemutet werden. Wir können nicht mehr hinnehmen, dass wir uns an gemeinsame Regeln halten, während deren Missachtung durch große Handelsunternehmen offenbar immer wieder stillschweigend geduldet wird. Wir haben es satt, dass die wirtschaftliche Macht einzelner Filialisten zunehmend darüber entscheidet, wer im deutschen Buchhandel welche Bücher wann und unter welchen Bedingungen verkaufen darf.
Die Ereignisse der vergangenen Wochen bringen das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen. Es häufen sich die Fälle, in denen Bücher vor dem festgelegten Erstverkaufstag in Umlauf geraten oder öffentlich angeboten werden: Erst wurden Exemplare von Rebecca Yarros Threshing Day durch Thalia zu früh verschickt. Mit einem lapidaren „Upps“-Posting auf Social Media wurde versucht, dieses eklatante Fehlverhalten als nebensächliches Versehen abzuschwächen.
Dann tauchte der neue Fitzek vorzeitig in Verkaufsflächen der Filialisten auf und wurde offenbar auch an Supermärkte ausgeliefert. Gleichzeitig berichten zahlreiche unabhängige Buchhandlungen von erheblichen Problemen bei der Belieferung mit der Sonderausgabe: Statt der bestellten Sonderedition erhielten sie teilweise einen beträchtlichen Anteil der regulären Ausgabe. Ohne Kommunikation im Vorfeld. Dadurch können bestehende Kundenvorbestellungen teilweise nicht erfüllt werden.
Und jetzt ACOTAR: In den sozialen Medien kursieren Videos, die eine vorzeitige Präsentation des neuen Titels bei Hugendubel zeigen sollen. Wir erwarten, dass diese Aufnahmen umgehend geprüft und die Vorgänge transparent aufgeklärt werden. Offenbar meint man, was im englischsprachigen Raum durch große Supermarktketten praktiziert wird, könnte man auch auf deutschsprachiger Ebene umsetzen.
Drei Vorgänge, die Fragen aufwerfen. Als unabhängige Händler:innen zweifeln wir, ob die Spielregeln unserer Branche überhaupt noch etwas wert sind: Ein verbindlicher Erstverkaufstag ist keine unverbindliche Empfehlung. Wer Regelverstöße ohne Konsequenzen hinnimmt, bestraft diejenigen, die sich korrekt verhalten. Verlässlichkeit darf im Buchhandel kein Wettbewerbsnachteil sein.
Besonders bitter ist dabei, dass wir es längst nicht mehr nur mit einzelnen Vorfällen zu tun haben. Wir erleben seit Jahren, wie sich die Gewichte innerhalb unserer Branche verschieben. Sondereditionen für große Ketten. Exklusive Erstvermarktungen von Hörbüchern, die uns einen monatelangen Umsatznachteil bescheren. Immer wieder Sonderflächen, privilegierte Präsentationen und Kooperationen, von denen kleinere Buchhandlungen ausgeschlossen bleiben.
Liebe Verlage,
natürlich wissen wir, dass große Handelsunternehmen große Umsätze versprechen. Wir sind Kaufleute und wir verstehen wirtschaftliche Interessen. Aber wir verstehen nicht, warum Verlage gleichzeitig die Bedeutung des unabhängigen Buchhandels rituell beschwören und mit ihrer Vertriebspolitik immer neue Wettbewerbsvorteile für unsere größte Konkurrenten schaffen.
Ihr könnt nicht die Vielfalt des Buchhandels feiern und gleichzeitig die Konzentration des Marktes immer weiterbefördern! Wir unabhängigen Buchhandlungen sind nicht nur die dekorative Kulisse einer vermeintlich vielfältigen Buchbranche, die in der Presse so gern gepriesen wird.
Wir sind ein wirtschaftlicher Teil dieser Branche. Wir bezahlen Mieten, Gehälter, Rechnungen und tragen persönlich unternehmerische Risiken. Wir investieren ganz nebenbei noch in Kultur und in unsere Innenstädte. Wir empfehlen Bücher, die nicht auf Bestsellerlisten stehen. Wir schaffen Öffentlichkeit für Debüts und kleine Verlage. Wir veranstalten Lesungen, die sich wirtschaftlich kaum rechnen. Wir bringen Kinder mit Büchern in Berührung. Wir verkaufen natürlich auch die großen Bestseller, denn mit diesen Umsätzen finanzieren wir die literarische Vielfalt, die unsere Branche so gerne als ihren besonderen Wert hervorhebt.
Der Buchmarkt steht unter Druck. Gerade deshalb sollte es in unser aller Interesse sein, seine Vielfalt zu bewahren. Denn wenn am Ende nur noch wenige große Handelsunternehmen darüber entscheiden, welche Bücher auf der (gekauften) Fläche sichtbar werden, welche Titel besonders beworben werden und welche Geschichten ihre Leser:innen finden, verliert nicht nur der unabhängige Buchhandel, sondern unsere gesamte Branche.
Die zunehmende Marktkonzentration ist kein Naturgesetz. Sie ist auch das Ergebnis eurer unternehmerischen Entscheidungen.
Irgendwann wird es nicht mehr reichen, die Vielfalt des Buchhandels zu beklatschen, sondern dann werden wir uns fragen müssen, wer sie eigentlich abgeschafft hat.
Wir fordern euch auf:
1. Konsequenzen bei Verstößen gegen verbindliche Erstverkaufstage.
Wer einen EVT festlegt, muss auch dessen Einhaltung sicherstellen. Verstöße müssen untersucht und bei nachgewiesenem Fehlverhalten entsprechend zum Umfang sanktioniert werden. Ein Erstverkaufstag, dessen Missachtung folgenlos bleibt, ist wertlos.
2. Transparenz gegenüber allen Handelspartnern.
Wir wollen wissen, wie Verlage mit Verstößen umgehen, welche Maßnahmen sie ergreifen und wie sie verhindern wollen, dass sich solche Vorfälle wiederholen. Wer Fairness verspricht, muss sie auch nachvollziehbar praktizieren.
3. Ein klares, wirtschaftlich wirksames Bekenntnis zum unabhängigen Buchhandel.
Nicht nur in Grußworten und auf Plakaten oder wohlklingenden Branchenkampagnen. Sondern in konkreten Entscheidungen über Vertrieb, Exklusivität, Belieferung und die Durchsetzung gemeinsamer Regeln. Wie wäre es mal mit einer limited Edition nur für den unabhängigen Buchhandel?
Es liegt an euch, diese Fragen und Forderungen mit eurem Handeln zu beantworten.
Mit freundlichen Grüßen
Andrea Lunau und Ute Hentschel, gemeinsam mit ihrem Team
Buchhandlung Ute Hentschel e.K., Burscheid (Rheinland)
Erstunterzeichner:innen:
Tina Lohrenz, Parchim – Buchhändlerin
Der Bücherdrache Buchhandlung, Regensburg – Johannes Feifel
Buchhandlung Leseglück, Weingarten – Stephanie Wöstmann
Literarische Buchhandlung Epple, Erlangen – Dr. Ulrike Epple
Buchhandlung Fuchs, Nußloch – Alina Fuchs
Calibri Buch&Café, Cadolzburg – Jana Brammer
Petri und Waller oHG, Sarstedt
Bücher am Lambertiplatz, Lüneburg – Melanie Beck
Buchhandlung Perspektiven, Hamburg – Amelie Stertenbrink
Genniges Bücher, Roth – Max Stein
Kinderbuchladen Knirps&Riese, Köln – Ina Raki
Buchhandlung Jürgensen, Wuppertal – Gesa Jürgensen
Tönisvorster Buchhandlung, Tönisvorst – Judith Rüther-Zeiß
Buchhandlung van Wahden, Wermelskirchen – Gabriele van Wahden
Buchhandlung List, Wien – Nicole List
IsarBuch, Ismaning – Julia Zahnweh
Die Buchfischerei, Halle – Jasmin Fischer
Buchhandlung Löffelholz, Neunkirchen-Seelscheid – Paulina Löffelholz
Buchhandlung Nettesheim GmbH, Wuppertal – Alexander Schuster
Buchhandlung Hilberath&Lange, Mülheim a.d. Ruhr- Silvia Becker & Suse Mertens
Eppelheimer Buchladen, Eppelheim – Dr. Christine Beil
Buchhandlung Schlichte Carree, Steinhagen – Nathalie Hunke
herr holgersson lesen&leben, Gau-Algesheim – Sabine Kruesemer
Buchhandlung Glückskiste eG, Rheine – Birgitta Bolte
Buchhandlung im Teutschhaus, Gerolzhofen – Julia Gellhaus
Buchfux – Bücher und mehr, Traben-Trabach -Jenny Scherr