Markt & Marketing 35 Jahre BücherFrauen: Zwei Generationen ziehen Bilanz vom Kampf gegen die gläserne Decke bis zur geschlechtlichen Vielfalt

Die BücherFrauen feiern in diesem Jahr ihr 35-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum blicken zwei Mitglieder aus unterschiedlichen Generationen zurück – und nach vorn. Während in den 1990er-Jahren die „gläserne Decke“ das prägende Bild gewesen sei, rückten heute Themen wie geschlechtliche Vielfalt und Schutzräume in einer polarisierten Gesellschaft in den Mittelpunkt.

Frauke Ehlers (Foto: Wilhelm Betz)

Für Frauke Ehlers, die Direktorin für „Product Data and Royalties“ bei der Thieme Gruppe, begann alles 1993 in der Buchhandlung H. Lindemann in Stuttgart in der sie nach ihrer Ausbildung während des Studiums arbeitete. Diese Buchhandlung „war eine Art Keimzelle der Stuttgarter BücherFrauen – dort traf ich engagierte Kolleginnen, deren Austausch und Ideen mich inspirierten, Teil des Netzwerks zu werden. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren war der Begriff der „gläsernen Decke“ sehr präsent. Die Überzeugung damals: Vernetzung ist ein wirksames Mittel, um diese Barrieren zu überwinden.“

Norma Schneider (Foto: privat)

Für die Lektorin und Sachbuchautorin Norma Schneider, die fast etwa 25 Jahre später eintrat, war es ein ähnlicher Moment: „Ich habe nach Vernetzung und Austausch gesucht und fand ein feministisches Netzwerk, das die ganze Branche umfasst, statt nur einen bestimmten Beruf.“ Sie fand „es wichtig, dass Frauen sich vernetzen und Raum nehmen, da Männer in der Branche leider immer noch am lautesten sind.“ Norma Schneider hat sich gewünscht, „von anderen zu lernen und auch mit meiner eigenen Arbeit sichtbar zu sein, das hat auf jeden Fall funktioniert.“

Beide Bücherfrauen verbindet das Mentoring. Frauke Ehlers war bereits im Jahr 2001 Teilnehmerin eines Förderprogramms der baden-württembergischen Wirtschaft („Frauen in Verantwortung“). „Damals war mir der Austausch mit erfahrenen Kolleginnen besonders wertvoll – es ging auch darum, Vorbilder zu finden. Meine eigene Erfahrung als Mentee hat mir gezeigt, wie entscheidend solche Unterstützung sein kann“, so Ehlers. Später gestaltete sie das erste Mentoringprogramm der BücherFrauen in der Stuttgarter Region mit.

Norma Schneider nahm während der Pandemie, 2020/21, am Mentoring-Programm Rhein-Main und Rhein-Neckar. Diese Erfahrung gab ihr Selbstsicherheit bei ihren beruflichen Entscheidungen. „Meine Mentorin hat mich ermutigt, Neues zu wagen. Seit damals ist es gut gelaufen bei mir, ich arbeite mittlerweile an meinem dritten Sachbuch. Besonders schön war es, dass wir uns während des Mentorings trotz Corona nicht nur online, sondern auch mal auf halben Weg zwischen unseren Wohnorten im Park getroffen haben, persönlicher Kontakt ist einfach wichtig.“

Norma Schneider engagiert sich für Akzeptanz queerer Menschen und erlebte, wie die Debatte über verschiedene feministische Positionen zu diesem Thema das Netzwerk herausforderte. Für sie gehören trans* und nichtbinäre Personen selbstverständlich dazu. Dass darüber überhaupt debattiert wurde, hat sie an ihre Grenzen gebracht. Für die Autorin und Lektorin hält es aber für wichtig, „einen Dialog zwischen den Feminismus-Generationen zu ermöglichen.“ Auch Frauke Ehlers hält das Thema der geschlechtlichen Vielfalt für sehr wichtig und „entscheidend für die Zukunftsfähigkeit unseres Netzwerks.“

Blick auf die heutige Situation

Bereits in den vergangenen Jahren kooperierten die BücherFrauen mit dem Aktionsbündnis „Verlage gegen Rechts“. Seit 2024 öffnete sich die Akademie der BücherFrauen für Teilnehmende und Referierende aus dem FLINTA Spektrum (Frauen, Lesben, Inter*, Nicht-binäre, Trans*, Agender Personen). Die Aktion „5 to Watch“ wurde gemeinsam mit The Female Publisher ins Leben gerufen, die herausragende FLINTA-Persönlichkeiten aus der Buchbranche nominiert und ein Jahr lang in den Mittelpunkt stellt.

„Wir müssen jünger werden, offener werden und lauter in Sachen Vielfalt,“ bekennt Norma Schneider offen. Frauke Ehlers bekräftigt: „und einen Rahmen zu schaffen, in dem alle Mitglieder stärker sind, als sie es allein wären.“

Frauke Ehlers, die 2015 zur Bücherfrau des Jahres gewählt wurde, erkennt an, dass sich „die Situation heute für Frauen in vielen Bereichen verbessert“ hat. Führt jedoch ernüchternd fort, „aber wir erleben aktuell wieder Rückschritte, teilweise in erschreckendem Ausmaß.“

Was Norma Schneider bestätigt: „Gerade in Zeiten von Rechtsruck und Backlash ist es wichtig, starke Netzwerke zu haben. Frauen sind noch immer Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt, antifeministische und frauen- und queerfeindliche Stimmen nehmen sich viel Raum in den sozialen Medien und der Politik, dagegen gilt es, gemeinsam einzustehen, und zwar mit Selbstbewusstsein, Sichtbarkeit, gegenseitiger Unterstützung und Solidarität.“ Unter Backlash „versteht man soziale und ökonomische Sanktionen für (erfolgreiches) genderinkonsistentes Verhalten.“ (Dorsch, Lexikon der Psychologie).

Für Frauke Ehlers wird das Netzwerk auch heute noch dringend gebraucht, „weil Gleichstellung und Chancengerechtigkeit keine Selbstverständlichkeit sind. Die BücherFrauen leisten hier einen wichtigen Beitrag – damals wie heute.“

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert