
In einem Offenen Brief wendet sich HarperCollins-CEO Jürgen Welte an die Branche und begründet, warum die Verlagsgruppe in diesem Jahr nicht an der Frankfurter Buchmesse teilnehmen wird. Stattdessen will man in den unabhängigen Buchhandel investieren.
Liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler,
liebe Autorinnen und Autoren, liebe Kreative,
liebe Freundinnen und Freunde unserer Verlage,
die Frankfurter Buchmesse war für uns über Jahrzehnte nicht nur ein gesetzter Termin im Kalender,
sondern – wie sicherlich für viele von uns – eine der Traditionen der Buchbranche. Doch wir erkennen
uns bei HarperCollins und bei Gräfe & Unzer eher in dem wohl Jean Jaurès zuzuschreibenden Gedanken
wieder, Tradition sei nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.
Die Zeiten, zu denen die Frankfurter Buchmesse eine Fachmesse war, sind verweht, und auch als Publikums- und als Autorinnen- und Autorenmesse hat die Leipziger Buchmesse Frankfurt längst den Rang abgelaufen. Die Frankfurter Buchmesse hat nun im vergangenen Jahr ein neues »Konzept« entwickelt. Wir hätten uns, wie viele andere Aussteller auch, gewünscht, dass die Neuausrichtung der Messe in enger Zusammenarbeit mit uns Verlagen und mit dem Buchhandel erfolgt, um eine zukunftsfähige Lösung zu entwickeln. Eine Neuzuweisung der Ausstellungsflächen ist kein Konzept, sondern resultiert lediglich in einem Möbeltransport.
Die Frankfurter Buchmesse wird unserem Empfinden nach uns Verlagen, unseren Autorinnen und Autoren und ihren Büchern, sowie dem Buchhandel, die wir alle zusammen den Wesensgrund und den verbindenden Rahmen einer Buchmesse bilden, nicht mehr gerecht. Wenn also der Rahmen dem Inhalt nicht mehr dient, muss man den Rahmen wechseln.
Wir haben uns entschieden, 2026 nicht mehr als Aussteller mit eigenem Stand in Frankfurt vertreten zu
sein. Unsere Abwendung von der Buchmesse ist eine noch viel intensivere Hinwendung zum unabhängigen,
kleinen und mittelständischen Buchhandel, eine Entscheidung für das Rückgrat unserer Branche und
für unsere Autorinnen und Autoren.
Die finanziellen Mittel, die wir in der Verlagsgruppe HarperCollins durch den Verzicht auf den Messeauftritt einsparen, werden wir direkt in die Stärkung des unabhängigen Buchhandels und in die Förderung des buchhändlerischen Nachwuchses investieren. Denn Bücher brauchen mehr denn je kompetente, leidenschaftliche Vermittlung und Sichtbarkeit.
Konkret bedeutet das unter anderem: Wir finanzieren gezielte regionale Werbekampagnen für den unabhängigen, kleinen und mittelständischen Buchhandel, wir finanzieren gezielt Veranstaltungen vor Ort, wir bauen unsere Kapazitäten im Außendienst und im Key-Account-Management für eine noch intensivere,
partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem unabhängigen, kleinen und mittelständischen Buchhandel aus. Wir nehmen uns mehr Zeit für den regelmäßigen persönlichen, intensiven Austausch mit Ihnen, bei Ihnen vor Ort oder auch bei uns an den Verlagsstandorten, und nicht in einer Messehalle.
Und wir setzen ein Zeichen für die Zukunft: Das HarperCollins Stipendium
Besonders am Herzen liegt uns die Förderung derer, die das Rückgrat unserer Branche bilden: die jungen Talente im Buchhandel. Wer heute eine Ausbildung im unabhängigen kleinen und mittelständischen Buchhandel ermöglicht, und wer heute eine solche Ausbildung abschließt und sich bewusst für diesen Beruf entscheidet oder sogar den Schritt in die Selbständigkeit wagt, verdient unsere volle Unterstützung.
Im Rahmen des HarperCollins Stipendiums stellen wir jährlich 25.000,– Euro zur Verfügung und unterstützen damit zehn unabhängige, kleine und mittelständische Buchhandlungen, die ihre Auszubildenden nach erfolgreichem Abschluss in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen haben. Das Preisgeld von je 2.500,– Euro fließt direkt an die Buchhandlung und ist zweckgebunden für die gezielte Weiterbildung, Förderung und Qualifizierung der jungen Kolleginnen und Kollegen.
Darüber hinaus fördern wir jährlich mit einem einmaligen Betrag von 10.000,- Euro eine Buchhändlerin oder einen Buchhändler beim Schritt in die berufliche Selbstständigkeit, sei es durch die Übernahme einer Buchhandlung oder die Neuerögnung einer Buchhandlung.
Zusätzlich bieten wir den Gewinnerinnen und Gewinnern die Möglichkeit, auf unsere Kosten ein zweiwöchiges Verlagspraktikum bei Gräfe & Unzer in München oder bei HarperCollins in Hamburg zu absolvieren.
Wir investieren langfristig in die Kompetenz von morgen, statt in Messebau für fünf Tage. Wir freuen uns
darauf, Sie nicht in einer anonymen Messehalle, sondern direkt bei Ihnen vor Ort, in Ihren Buchhandlungen, bei gemeinsamen Abenden und Veranstaltungen zu tregen.
Veränderung erfordert Mut, aber sie schagt Raum für echte Innovation und gestaltet unsere Zukunft.
Mit herzlichen Grüßen
Jürgen Welte
CEO & Verleger