
Die Umsätze im Buchhandel sorgen nicht für Euphorie, unabhängige Buchhandlungen werden von Konzernen geschluckt oder schließen. Umso überraschender ist, dass bei manchen Verlagen in der Schweiz weiterhin ein Gründergeist vorhanden ist, schreibt Urs Heinz Aerni in einem Gastbeitrag bei BuchMarkt.
Erfrischend zwischen den Meldungen von Fusionen und Sparmaßnahmen im Buchhandel und Verlagswesen sind die Mitteilungen von neu gegründeten Verlagen in der Schweiz.
Zu diesen gehören Ars Remata, Geparden, Zeitkind und Kalligraf.
Geparden Verlag: Elegante Bücher einem flinken Panther gleich
Der 2023 von Anne Wieser und Bettina Spoerri gegründete Geparden Verlag konnte sich schnell etablieren. Das Programm besteht aus deutschsprachiger und internationaler Literatur, Essays und Kinder- und Jugendliteratur. Zu den Autorinnen und Autoren zählen Andrea Gerster, Willi Wottreng, Sunil Mann, A. L. Kennedy, Hanspeter «Düsi» Künzler und Iris Keller. Im Herbst kommen Daniel Goetsch und Silvio Blatter dazu. 2026 wurde Geparden vom Schweizer Buchhandels- und Verlagsverband (SBVV) für den Verlag des Jahres nominiert.
Bei der Verlagsgründung sagte Bettina Spoerri dem „Tages-Anzeiger“ gegenüber: „Die Verlagsbranche wurde in den letzten Jahren ausgedünnt, und wir fanden, es braucht einen neuen Qualitätsverlag“ und setzte nach mit: „Ein Buch ist nicht nur ein Marktprodukt, sondern auch ein Kulturgut.“
Ars Remata: Vom Hilfsprojekt zum Literaturverlag
Der Augenarzt Armin Junghardt gründete eine Stiftung für eine Augenklinik in Togo und verfasste als Co-Autor ein Buch über deren Entstehung. Dazu gründete er den Verlag Ars remata was auf gut Deutsch „Die Kunst der Worte“ bedeutet. Mittlerweile mausert sich der Verlag in Ennetbaden im Aargau zu einem Unternehmen mit professioneller Verlagsleitung, Grafik, Herstellung und Marketing. Das Programm besteht aus Sachbüchern, Lyrik, Kinderbüchern und Belletristik aus den Federn von Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Gebiet wie Renate Ahrens, Cornelia Franz, Tanja Jeworutzki, Waseem Hussain und Sascha Rechstein. Die tragische Lebensgeschichte von Willi Fegble über seine Kindheit in Heimen und das traumatische Erlebnis eines Übergriffs durch einen bekannten Sportjournalisten, sorgte für hohe Verkaufszahlen, das Krimi-Debüt von Silke Amberg überraschte laut Verlag mit der Menge von Vormerkungen und die kritische Auseinandersetzung mit Deutschland im Buch „TKS – Die Teutonische Kernschmelze“ von Roland V. Weber generierte Diskussionsstoff bei der Messe in Leipzig. Die Baslerin Kat Splitterberg verblüffte mit ihrem Debüt „Die Wirbellosen“ das Publikum im Literaturhaus Zürich und bei den Solothurner Literaturtagen.
Zeitkind Verlag: Bücher für den Zeitgeist?
Gabriela Merz gründete in Meilen bei Zürich und am Zürichsee 2024 den Zeitkind Verlag mit folgender Philosophie hier im Originalton:
„zeitkind Literatur heißt: Fiktion, Sachtext, Autobiographie, Biographie, Lyrik, Episodenroman, Epos, Novelle, Autofiktion, Roman, Short Story, Non-Fiction, Comic – oder gar Drama…
zeitkind Literatur ist in jedem Fall: erzählerisch und lustvoll, informativ und gehaltvoll, zeitgemäß und diskussionswürdig
zeitkind Bücher wollen: anregen, erfreuen, diskutiert werden, anstoßen, durchstoßen, abstoßen?, modern sein, historisch sein, wichtig sein, prodesse et delectare, Neues erzählen, Perspektive zeigen, Standpunkte vertreten, gefallen.“
Zu den Debütautor:innen zählen Franziska Meister („Der Geruch von Lehm“, ein Psychogramm nach einem Gewaltdelikt am Zürcher Bahnhof) und Islème Sassi („Von denen, die jagen“). 2026 folgte der Roman „Handlungsstörung“ der tschechischen Autorin Emma Kausc – eine queere Geschichte über Verschwinden, Klimawandel und die großen Fragen der Welt.
Kalligraf Verlag: Die Kunst der Schrift
Zu den jüngsten Verlagen in der Schweiz gehört der Kalligraf Verlag in Zumikon bei Zürich. „Wir verlegen Werke, die berühren, überraschen und bewegen. Bücher sind Kunst – Schrift, Grafik und Farbwahl ist essentiell.“ so die Gründerin und Inhaberin Agnes Graf. Der Verlag soll für Schweizer Literatur, die inspirieren, begeistern und ermutigen soll, stehen. Agnes Graf: „Unser Fokus liegt auf tiefgründigen Biografien und wahren Lebensgeschichten – von bewegenden Schicksalen bis zu lebensverändernden Erfahrungen.“ Das erste Buch erscheint im Herbst und fragt sich, wie „das Glück aussehen“ könnte.
Eine neue Verlagskultur?
Diese jungen Verlage schwören auf das gedruckte Buch, sind unabhängig, mutig und glauben an die Lust des Lesens. Natürlich wird immer wieder die Frage nach den Finanzierungsmöglichkeiten gestellt. Der Umsatz im Buchhandel stagniert oder schrumpft, nebst aufbäumenden Hochzahlen dank einzelnen Bestsellern. Dem Lesen auf gedrucktem Papier wird der Untergang angekündigt, wie auch für die Print-Presse. Vielleicht glauben die neuen Verlage an die Kultur des Haptischen, so im Sinne des immer noch bestehenden Marktes für Schallplatten. Nicht mehr in den Mengen vergangener Zeiten aber als stabiler Nischenmarkt. Das erfordert wohl auch ein Umdenken in der Finanzierung, die nicht mehr hundertprozentig aus dem Verkauf von Büchern und Lizenzen garantiert werden muss. Stichwort „Querfinanzierung“.
Ungern lassen sich die Verlage in die Karten oder in die Buchhaltung schauen. Die hier genannten Verlage sind durch erwirtschaftetes Vermögen, Erbschaften und Eigenfinanzierung entstanden. Für die Gründung einer GmbH ist in der Schweiz ein gesetzliches Kapital von 20.000 Franken notwendig. Dazu kommt die Verlags- und Kulturförderung durch Kantone und Bund und nicht zuletzt ist da noch die Hoffnung auf den Verkauf und auf einen Bestseller. Andere Verlage wie der Rotpunktverlag in Zürich retteten ihre Existenz dank Spenden, Gönner:innenbeiträge und Sammelaktionen. Baobabs Books in Basel existiert als gemeinnütziger Verein, der mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden über die Runden kommt. Kurz: So vielfältig die Programme der Verlage sind, so sind es auch deren Finanzierungsmodelle.
Aber spielt das Wie am Ende eine Rolle ? Denn wenn aus Erbschaften, Gewinnen in anderen Branchen oder einer Investition aus Leidenschaft neue schöne Bücher und Lesewelten entstehen, wird das nicht nur Bücherfreunde erfreuen, sondern eine lebendige und vielstimmige Gesellschaft, die gerne liest und darüber diskutiert. Und schön, wenn Verlage nicht nur verkaufen wollen, sondern auch erzählen.
Urs Heinz Aerni