Eine der bedeutenden Stimmen der neuen albanischen Lyrik, Luljeta Lleshanaku wird in diesem Jahr mit dem Horst-Bienek-Preis für Lyrik ausgezeichnet.
Die 1968 in Elbasan geborene Dichterin wuchs unter der kommunistischen Diktatur Enver Hoxhas auf und konnte erst nach deren Ende an der Universität studieren. Neben ihrer Arbeit als Dichterin und Übersetzerin leitet sie in Tirana das Institut für die Aufarbeitung des kommunistischen Genozids. Ihre Gedichte wurden vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2009 erhielt sie den Kristal-Vilenica-Preis; 2019 war sie Finalistin für den GRIFFIN International Poetry Prize.
Der Horst-Bienek-Preis für Lyrik ist mit 10.000 Euro dotiert.
Begründung der Jury: »Luljeta Lleshanaku schreibt Gedichte von großer Klarheit, in denen persönliche Erinnerung und geschichtliche Erfahrung unauflöslich ineinandergreifen. Ihre Sprache ist präzise und zurückgenommen, dabei von einer eigentümlichen Spannung, die das Alltägliche unvermittelt ins Existentielle kippen lässt. Mit feinem Gespür für Brüche, Verluste und die Nachwirkungen politischer Gewalt macht sie sichtbar, wie Geschichte sich in Körper, Beziehungen und Lebensläufe einschreibt. Ihr Werk gehört zu den eigenständigsten Stimmen der europäischen Gegenwartslyrik und verdient weit über den albanischen Sprachraum hinaus Aufmerksamkeit.«
Den Horst-Bienek-Förderpreis für Lyrik erhält in diesem Jahr die Lyrikerin Halyna Kruk.
1974 in Lwiw, dem früheren Lemberg, geboren, studierte sie dort ukrainische Literatur und promovierte anschließend. Seitdem lehrt sie als Hochschullehrerin in Lwiw. Neben ihrer Tätigkeit als Lyrikerin verfasst sie auch Kinderbücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, und übersetzt selbst Literatur aus dem Polnischen ins Ukrainische.
Der Horst Bienek Förderpreis für Lyrik ist mit 5.000 Euro dotiert.
Begründung der Jury: »Halyna Kruks Gedichte legen Zeugnis ab, doch obwohl sie einem grauenhaften Krieg abgerungen werden, in Zeiten von Aufruhr und Unsicherheit komponiert werden, zeigt sich die Meisterschaft der ukrainischen Dichterin auf jeder Seite, machen die präzise beobachteten Szenen und erschütternden Details die Lage ihres Landes, aber auch die Widerständigkeit seiner Bewohner und seiner Sprache, selbst für uns bislang Verschonte erfahrbar – ›der Krieg passt nicht zum Rest der Welt / wie die Verstümmelung zum Abendkleid‹. Wie die Hoffnung bewahren in Zeiten, da Granaten statt Zugvögeln auf den Feldern landen? Was mit sich nehmen, wenn der Schlüssel des zerstörten Hauses sinnlos geworden ist, die Grillen aber trotz allem weiter singen? Mal zärtlich und mit Zeilen von hartnäckiger Schönheit, mal bitter und krass und im Zwiegespräch mit einem Gott ohne Gande, erinnern Kruks Gedichte uns daran, dass der Mensch so viel mehr ist als das Wärmebild im Suchlauf des Scharfschützen; sie sind so notwendig wie stärkend.«
Beide Preise werden am Mittwoch, 2. Dezember 2026 um 19 Uhr in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, überreicht.
Die Laudatio auf Luljeta Lleshanaku hält Andrea Grill, über Halyna Kruk wird Ulrike Almut Sandig sprechen.
Der international ausgerichtete Preis wird aus dem Nachlass des Dichters Horst Bienek (geb. 1930 in Gleiwitz, gest.1990 in München) ermöglicht, den er der Akademie vermacht hat mit der Auflage, eine Stiftung zu errichten. Im Mittelpunkt Bieneks literarischen Schaffens steht die Gleiwitzer Tetralogie (1975-1982), in der er die Erinnerung an seine Kindheit mit der Chronik Oberschlesiens während des Zweiten Weltkriegs verbindet. Im Traumbuch eines Gefangenen (1957) und im Roman Die Zelle (1968) verarbeitete Bienek seine mehrjährige Haft in sowjetischen Straflagern des GULag.
Die letzte Preisträgerin war 2024 Agi Mishol, der Förderpreis ging an Ana Pepelnik.
Die Mitglieder der Jury sind Daniela Danz, Wolfgang Matz, Holger Pils, Elisa Primavera-Lévy, Beate Tröger und Jan Wagner.