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Bergen-Enkheim: Stadtschreiberin Ruth Schweikert lädt Paula Fürstenberg ein

Paula Fürstenberg, Ruth Schweikert

Gestern Abend waren trotz hoher Temperaturen und Badewetters viele Interessierte in die Buchhandlung Bergen erlesen gekommen: Die noch bis zum 2. September amtierende Stadtschreiberin Ruth Schweikert [mehr…] hatte ihre Schriftsteller-Kollegin Paula Fürstenberg eingeladen.

Gemeinsam präsentierten die beiden Autorinnen Fürstenbergs ersten Roman Familie der geflügelten Tiger, gerade im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

„Wir haben nicht mit so vielen Gästen gerechnet. Aber in Bergen wird eben viel gelesen“, begrüßte Joachim Netz, Geschäftsführer der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, die Besucher – unter ihnen war auch die ehemalige Inhaberin der Berger Bücherstube Monika Steinkopf.

Ihre Nachfolgerin Anna Doepfner [mehr…] hatte für diesen Abend Stühle aufgestellt und vorsorglich einen Ventilator besorgt.

Ruth Schweikert verriet, dass eine Geschichte die beiden Autorinnen verbindet: Paula Fürstenberg, 1987 in Potsdam geboren, studierte von 2008 bis 2011 am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Damals war Schweikert ihre Mentorin. „Es ist schon ein besonderer Moment, wenn eine Studentin zur Kollegin wird“, sagte die Dozentin.

Fürstenberg las zunächst aus dem ersten Kapitel. Die Zuhörer lernten die junge Frau Johanna und ihre Mutter Astrid kennen. Johanna ist vor vier Monaten aus der heimischen Uckermark nach Berlin gezogen und nun zum ersten Mal wieder zuhause zu Besuch. Ihre Mutter kümmert sich seit Jahren um Fundtiere, päppelt sie auf. Den Hausbewohnern wurde nun angekündigt, dass der Komposthaufen mit einer Mauer umgeben werden soll. Prompt malt die Mutter ein Protestschild: „Ja zum Igel – nein zum Ziegel“.
Nach 19 Jahren ruft Johannas Vater Jens an: „Ich schaue von der anderen Seite auf die Mauer“, sagt er mit brüchiger Stimme. Als Johanna zwei Jahre alt war, war der Vater gegangen, kurz vor dem Fall der Mauer. Aber was steckt wirklich hinter der Familiengeschichte?

„’Hic sunt leones’ oder ’Hic sunt dracones’ stand früher auf alten Karten, um unbekannte Regionen zu beschreiben. Gegenden, in denen Fabeltiere und Drachen wohnen. Paula Fürstenbergs Protagonistin Johanna interessiert sich sehr für Karten; Stadtkarten, Landkarten. Das Unbekannte früher Atlanten wird auf das Unbekannte in der Familie übertragen“, erläuterte Schweikert zum Titel des Buches.

„Bei meinen Auslandsaufenthalten in Frankreich und in der Schweiz wurde ich oft nach der DDR gefragt und habe gemerkt, wie wenig die Leute wussten – und wie wenig ich wusste“, sagte Fürstenberg.

Anschließend las sie aus dem elften Kapitel, in dem es auch um DDR-Witze geht – früher musste man dafür mit Gefängnisstrafen rechnen. „Warum sehen die Leute in der DDR so müde aus? Weil es 40 Jahre nur bergauf ging“, erzählt die Romanfigur Reiner. Der aus der DDR stammende Reiner bringt Johanna in Berlin das Straßenbahnfahren bei und erzählt viele einst politische Witze. Nun kann ihm die Stasi nichts mehr anhaben.

„1989, als die Mauer fiel, gab es in der Schweiz den Fichen-Skandal. Etwa 900.000 Staatsschutz-Akten wurden zwischen 1900 und 1990 angelegt, Organisationen und Personen wurden systematisch beobachtet. Max Frisch – auch er wurde jahrzehntelang überwacht – hat 1990 unter dem Titel Ignoranz als Staatsschutz? darüber geschrieben, 2015 erschien das unvollendete Buchmanuskript mit Kommentaren bei Suhrkamp“, fügte Ruth Schweikert an.

„Die Stasi-Akten haben mich fasziniert, aber es ist aufregend und schwierig zugleich, damit umzugehen“, berichtete Paula Fürstenberg.

Zum Abschluss der Buchvorstellung las die Autorin noch ein paar Passagen aus dem 13. Kapitel. Mit ihrer Halbschwester Antonia besucht Johanna das DDR-Museum in Berlin. Die beiden geraten ein bisschen in Streit; Antonia hat ein völlig anderes Bild von der DDR als Johanna. Die Exponate betrachten die Schwestern mit unterschiedlichen Empfindungen. „Hinter den Vitrinen gab es eine andere DDR“, stellt Johanna fest.

Nach Lesung und Gespräch hatten die Besucher die Möglichkeit, den Roman zu erwerben und ihn von der Autorin signieren zu lassen.

JF

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