Nun werden auch in Deutschland Boykott-Aufrufe gegen Elsevier laut [mehr…], wonach der Verlag mit der vielfach ehrenamtlichen Arbeit von Wissenschaftlern bei der Herausgabe von Fachzeitschriften viel Geld verdiene. Angelika Lex, Vizepräsidentin von Elsevier, stellt sich buchmarkt.de-Fragen.
Buchmarkt.de: Seit Tagen kursieren bereits Boykott-Aufrufe von Wissenschaftlern gegen Elsevier. Jetzt wurden sie öffentlich, worum geht es?

Angelika Lex: Unter dem Banner The Cost of Knowledge, werden drei Kritikpunkte in Bezug auf Elsevier genannt: 1. Hohe Preise, 2. Gebündelte Inhaltsangebote and 3. Elseviers Unterstützung der US Gesetzgebung, das heißt vor allem für den Research Works Act“.
Was ist dran an den Vorwürfen?
Ich bin seit 1987 bei Elsevier und sah in den 90er Jahren starke Preiserhöhungen, die nicht immer einhergingen mit mehr Inhalten oder verbessertem Service. Wir haben damals sicherlich Fehler gemacht. Das hat sich jedoch seit 2000, also vor inzwischen 12 Jahren drastisch geändert.
Zum Beispiel?
So haben wir zum Beispiel rasante und sicherlich auch sehr investitionsintensive elektronische Entwicklungen vorangetrieben und können nun eine ganze Reihe unterschiedlicher Zugangsoptionen bieten: Man kann einen einzelnen Artikel kaufen, eine einzelne Zeitschrift, eine Kollektion von Zeitschriften innerhalb einer Fachdisziplin, oder alles, was wir publizieren abonnieren. Universitäten begannen, sich in Konsortien zusammenzuschließen und poolten ihre Subskriptionen. Folglich war es möglich, dass eine Universität, die vorher z.B. 300 gedruckte Zeitschriften abonnierte, jetzt Zugang zu 1300 oder sogar 2000 Online Zeitschriften hat.
Findet eine solche Menge an Zeitschriften denn ihre Nutzer?
Wir wissen, dass das neue Material, also die Zeitschriften, die vorher nicht abonniert waren, viel genutzt wird, in manchen Fällen genauso oft oder sogar öfter als das Inhalt der ursprünglichen Print Kollektion. So hat der „gebündelte Inhalt” erheblich dazu beigetragen, den Zugang zu erhöhen und gleichzeitig den Preis pro Download zu drücken.
Was bedeutet das für die Kosten?
In Deutschland kostet dieser nun cirka 2 Euro, also ein Fünftel im Vergleich zu vor 10 Jahren! Gleichzeitig ist die Nutzung der Zeitschriften ist um cirka 20 Prozent pro Jahr gestiegen! Tatsächlich ist es so, dass sich der Preis mit der Titelanzahl ändert mit dem Ergebnis, dass Akademisch Institutionen und Öffentliche Einrichtungen inzwischen zwischen 10% und 75% weniger bezahlen als für die institutionellen Print Preise der Titel, die so oft zitiert werden.
Sind das nicht nur Rechenspiele?
Über das Subskriptionsmodel hinaus hat Elsevier sich aktiv in der Entwicklung neuer Modelle engagiert, da wir glauben, dass es nicht nur ein einziges Model gibt, das den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Nutzer entspricht. Wir publizieren zum Beispiel inzwischen acht reine goldene Open Access Titel, unter anderem auch die sehr renommierte Zeitschrift Cell Reports. Autoren können in über 1000 unserer Zeitschriften ihre Artikel über Sponsorship allen via Open Access zur Verfügung stellen und wir arbeiten in dieser Hinsicht mit vielen Organisationen weltweit zusammen. Wichtig erscheint uns ebenfalls, uns für die WissenschaftlerInnen in Entwicklungsländern zu engagieren, die über Programme wie PatientInform oder Research4Life Zugang zu wissenschaftlicher Information haben.
Aber warum überlassen Sie es nicht den Wissenschaftlern, wo sie publizieren und unterstützten die US-Gesetze, die freie Publikationen im Netz einschränken soll?
Wir unterstützen Teile der US Gesetzgebung, da wir glauben dass Piraterie im Netz ein ernst zu nehmendes Problem ist und aus unserer Sicht Regierungsmandate nicht förderlich sind, um Verlagsinvestitionen in Forschungsunterstützung, wie Such- und Discovery Enhancements, Verlinkungen, Archivierung oder Prozessoptimierung rundum Peer Review voranzutreiben. Wir arbeiten zum Beispiel schon seit 2005 mit dem NIH zusammen und stellen inzwischen rund 40 Prozent aller vom National Institutes of Health finanzierten Manuskripte allein via Elsevier auf PubMed Central® bereit. Das ist ein frei zugängliches Archiv von biomedizinischen und biowissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln am U.S. National Institutes of Health’s National Library of Medicine.
Das scheint den Wissenschaftlern aber nicht zu reichen.
Wie überall, gibt es auch sicherlich hier Verbesserungspotentiale. Insgesamt bin ich jedoch schon sehr stolz, meinen Beitrag zu diesem Übergang zu einem neuen Medium mit resultierenden neuen Zugangsmodellen geleistet zu haben. Gleichzeitig beunruhigt es mich dass dies heute fast nicht wahrgenommen wird.
Und was wollen Sie dagegen tun?
Daher möchte ich an dieser Stelle gerne alle TeilnehmerInnen der Wissenschaftswelt zum Dialog einladen, um gemeinsam an langfristig nachhaltigen Lösungen zu arbeiten.
Die Fragen stellte Matthias Koeffler







