Home > Buchmessen > Frank Antwerpes: Geben Sie ihre Scharmützel mit Google & Co. auf!

Frank Antwerpes: Geben Sie ihre Scharmützel mit Google & Co. auf!

Frank Antwerpes

DocCheck-Geschäftsführer Frank Antwerpes hat heute auf der Buchmesse die Verlage zur Beichte ihre Todsünden an seinen Messestand gebeten. Sein Vorwurf: Die Verleger haben sich die ausgeprägte Antipathie der Verfechter der bedingungslosen Digitalisierung zu Recht eingefangen. Denn sie hätten in der Vergangenheit folgenschwere Unterlassungssünden begangen.

Die ungewöhnliche Form des Kölner Unternehmens zur Eröffnung einer Diskussion ist ironisch gemeint. Einer der ersten Internet-Fachinformationsvertreiber hat 10 Gebote für Verleger auf dem Weg in die digitale Welt aufgestellt, die Sie hier herunterladen können: download(DocCheck-Gebote.pdf) Worum es Antwerpes wirklich geht, erläutert er im Interview mit buchmarkt.de:

Buchmarkt.de: Wenn ich richtig verstehe, werfen Sie den Verlagen vor, nicht richtig zu verstehen, wie sie ihr Internet-Geschäft betreiben sollen. Und die Sünde besteht darin, es vernachlässigt zu haben. Als Klölner Unternehmen kann man da schon auf die Idee kommen, das als Totsünde zu bezeichnen. Aber es ist nicht ziemlich keck, die Verlage jetzt auf den Beichstuhl zu bitten, was hat Sie bewogen?
Frank Antwerpes: Wir haben die Beichte als Aufhänger gewählt, weil sie einem zwei wichtige Dinge vermittelt: Erkenntnis und Vergebung. Wenn man als Unternehmer eine wichtige Marktveränderung verschlafen oder falsch eingeschätzt hat, braucht man beides. Insofern bietet die Beichte für die Situation vieler Verlage den idealen metaphorischen Rahmen. Das in Köln in Gestalt des Doms eine der größten Beichtstätten besitzt, war dabei jedoch zweitrangig.

Wie reagieren die Verlage?
Durchmischt – aber das haben wir erwartet. Die Mehrheit hat die Ironie verstanden. Wir haben aber auch einige empörte E-Mails empfangen. Eine Verlegerin bezeichnete mich als „spätpubertär“. Da die Pubertät bekanntlich mit dem Erlangen der Geschlechtsreife einhergeht, weiß ich nicht, ob ich mich dadurch geschmeichelt oder beleidigt fühlen soll.

Was bieten Sie auf der Buchmesse?
Wir präsentieren den ausstellenden Fachverlagen unsere Vermarktungskonzepte für digitale Inhalte, in erster Linie unseren eBookStore „DocCheck Load“ und unser Abo für Premium-Inhalte „DocCheck Pro“.

Warum wollen Sie jetzt mit den Verlagen ins Gespräch kommen?
Wir sehen eine stark wachsende Bereitschaft unserer Nutzer, medizinischen Content online herunterzuladen und dafür auch adäquat zu bezahlen. Da die Verlage über reichlich Inhalte verfügen, liegt es nahe, das Gespräch zu suchen. Wir glauben im Gegensatz zu vielen anderen mitnichten daran, dass Content tot ist – im Gegenteil: Das Internet ist eine ideale Plattform, um seine bestehenden Produkte zu verkaufen und völlig neue Verlagsprodukte zu generieren.

Bisher haben Sie sich auf Medizin konzentriert, haben Sie mit Ihrem Vorstoß jetzt alle Verlage angesprochen, werden Sie Ihr Portfolio ausweiten?
Nein. Die Stärke von DocCheck liegt im Healthcare-Bereich. Dieser Bereich ist allerdings sehr groß. Er reicht vom Anatomiebuch über die Loseblattsammlung für Sozialversicherungsrecht bis zum Diätkochbuch. Deshalb sprechen wir nicht nur die medizinischen Fachverlage an, sondern streuen unsere Botschaft etwas weiter.

Bisher haben die Verlage vielfach den Eindruck, der Handel zieht nicht richtig mit und hat sich nicht aufgestellt. Was stimmt nun? Oder bitten sie den gleich mit auf den Beichtstuhl?
Der Präsenzhandel befindet sich in einer schwierigen Position und muss sich neu erfinden. Es ist klar, dass ein Buchhändler die Migration hin zu den elektronischen Medien nicht aktiv unterstützt. Das käme einer Aufforderung zum Suizid gleich. Ich glaube aber, dass der „Buch“-Handel sich über innovative Serviceideen neu positionieren kann. Nur das Buch wird dabei eine immer geringere Rolle spielen. Um auf ihren letzte Teilfrage einzugehen: Für die traditionelle Regalbuchhandlung ist die Beichte nicht mehr ausreichend, hier geht es wahrscheinlich schon eher darum, die Exequien zu erteilen.

Muss nicht jeder Verlag seine eigenen, dem Portfolio entsprechenden Strategien finden?
Absolut. Es gibt keine Patentrezepte, die unabhängig vom Produkt den Erfolg garantieren. Andererseits gibt es aber auch einige Strategien, die unabhängig vom Portfolio sind.

Wie kann das gehen?
Es gibt viele Wege, die zum Erfolg führen können. Wir versuchen mit unseren „10 Geboten für Verleger“ ein paar Anregungen zu geben. (Anm.: Sind angefügt)

Wie muss die Branche jetzt strategisch denken?
Der wichtigste Schritt ist, die Verteidigungshaltung gegenüber den neuen Technologien aufzugeben. Alle diese juristischen Scharmützel mit Google und Co sind reine Beruhigungspillen und führen zu nichts. Es wäre gescheiter, das Geld in die Entwicklung neuer, innovativer Verlagsprodukte zu stecken, statt damit Juristen zu beglücken.

Was lautet das SOS-Programm für die Verlage?
Nicht am Rettungsring festklammern. Schwimmen lernen.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler

Der Vortrag von Frank Antwerpes findet am 14. Oktober 2009 von 16:45 – 17:15 Uhr am Stand 4.2 P 423 statt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Carsten Knop neu im Aufsichtsrat der Beteiligungsgesellschaft des Börsenvereins

Carsten Knop, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde vom Länderrat des Börsenvereins in den Aufsichtsrat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Beteiligungsgesellschaft mbH (BBG) bestellt. Er übernimmt die Nachfolge von Frank Sambeth, der 2025 zu Thalia gewechselt ist und als Mitarbeiter eines Mitgliedsunternehmens nun aus formalen Gründen sein Amt niederlegen muss.

weiterlesen