Unser Kolumnist bedankt sich für die zahlreichen Weihnachtskolumnenwünsche. In den nächsten Wochen wird er sich u.a., wie gewünscht, die „Auswirkung von übertriebenen Alkoholkonsum auf den Lektüregenuss“, den „Unsinn des Sortierens von Büchern nach Größe“ und der „richtigen Leselampe“ beschäftigen.
Heute jedoch erfüllt er den jahreszeitlich treffenden Kolumnenwunsch von GABAL-Verlegerin Ursula Rosengart:
Wenn Sie diese Kolumne heute in Ruhe lesen können, sind sie wahrscheinlich nicht Buchhändler(in), weil die – vermute ich, der leider auch keiner ist – heute mit nichts anderem beschäftigt sind als mit Last But One Minute-Geschenken; letzte Minute ist ja erst morgen. Ich stelle mir diese Tage im Buchhandel vor als Potenzierung all dessen, was es im Jahr an fragmentarischen Buchtiteln, falschverstandenen Autorennamen, verdrehten ISBN-Nummern gibt: „Haben Sie ‚Die Vermessung des Schwarms’ von diesem Fernsehmoderator, der nach Rom gepilgert ist?“
Erste Auswirkung wäre somit das Schaffen von Klarheit auf Seiten des Käufers, der im konstruierten Beispielsfall glücklich mit drei Büchern davonzugehen hätte. Was sich wiederum in der Kasse des Buchhändlers niederschlägt, womit eindeutig die zweite und wichtigste Auswirkung der Last Minute-Geschenke genannt wäre. Eine Wirkung – jetzt spricht der Idealist (ist ja Weihnachten) –, die über verschlungene Umwege für „die“ Literatur gut ist und somit für (uns) alle.
Womit auch die Unter(titel)frage beantwortet wäre: Was schenken? Bücher sind ja eh, auch laut jüngster Umfrage, das beliebteste Weihnachtsgeschenk. Oder steckt der Sinn der Frage just in der Reihenfolge „Man(n) Frau“? Bekommen Frauen zuviel Douglas- und zuwenig Buchgutscheine? Dann frage ich weiter: Warum hat Douglas noch keine eigene Edition? (Parfümierte) Briefwechsel der Weltliteratur wäre doch eine Editionsmarktlücke.
Aber noch mal zurück zu den Auswirkungen, diesmal für den buchverkaufenden Menschen:
1. Streß – besonders, wenn die Hörensagentitel zu Weihnachten nicht lieferbar sind
2. Spaß – wenn man den Kollegen die aberwitzigen Buchwolpertingergeschichten erzählen kann
3. Genugtuung, daß man trotzdem rausgekriegt hat, was der Kunde wollte (oder im Fall 1 ein lieferbares Buch als „Ersatz“ anbieten konnte.)
4. (Sekundenweise) Frustration, weil die Last Minute-Menschen immer nur die Stapelware nachfragen und sich nicht wirklich beraten lassen wollen. (Weil sie noch schnell weiter zu Douglas müssen?)
Fall vier fordert heraus. Kennen und schätzen wir nicht alle bessere Bücher als die, die grade auf der Bestsellerliste stehen? Aber natürlich braucht es den richtigen Ansatz, die besseren Bücher zu verkaufen. Ich empfehle folgenden: Will jemand das Ich-geh-auf-Nummer-Sicher-und-kauf-was-alle-kaufen-Buch sagen Sie: „Das haben wir im Weihnachtsgeschäft sooft verkauft – könnte sein, daß Ihr(e) Mann (Frau) das noch von jemand anderem geschenkt bekommt – schenken Sie Ihr doch was Besonderes.“ Und wenn Sie dann nachsetzen müssen: „Sie würden bei Douglas ja auch nicht nach 4711 fragen.“
In diesem Sinne: Wohlige Düfte – von Papier und Parfüm – zu Weihnachten.
Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.
Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de
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