Kaffeehaussitzers Netzrückblick Fundstücke aus den Literaturblogs – Mai 2022

Uwe Kalkowski

Herzlich willkommen zum Mai-Bummel durch die abwechslungsreiche Welt der Literaturblogs. Wie immer sind auch in den vergangenen vier Wochen wieder viele lesenswerte Texte zusammengekommen – und wie immer ist dieser Netzrückblick nur ein Kratzen an der Oberfläche; eine Einladung, selbst durch die Literaturblogszene zu flanieren, sich treiben zu lassen und auf Entdeckungsreise zu gehen.

Seit inzwischen einem Vierteljahr verwüstet die russische Soldateska große Teile der Ukraine. Daher beginnt diese Kolumne mit zwei Texten zu diesem Thema. Im Blog Lesestunden setzt sich Tobias Zeising mit einem Zeitungsartikel der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko auseinander, in dem sie die russische Literatur unter Generalverdacht stellt, die Aggression gegen westliche Werte befeuert zu haben – inklusive der großen Klassiker. Und im Online-Magazin 54Books schreibt Natalia Sadovnik über die jahrhundertealte russische Tradition, die ukrainische Sprache und Kultur gewaltsam zu unterdrücken.

Der Blog LiteraturWeimar versteht sich als »Forum für Gesellschaft, Literatur und Kultur in der Weimarer Republik«. Es ist eine großartige Seite und eine wahre Fundgrube; ein Besuch dort lohnt sich immer. Im Mai hat Blogger Jörg Mielczarek seine persönliche Top-20-Liste der Romane vorgestellt, die in dieser Epoche erschienen sind.

Immer wieder spannend ist es, wie unterschiedlich manche Bücher wahrgenommen werden. Im Blog Buchbube gibt es eine Besprechung des Romans »Die neue Wildnis« von Diane Cook; Blogger Christoph Walter sah darin viel verschenktes Potential und empfand die Erzählweise in weiten Teilen als spröde. Genau am gleichen Tag wurde im Blog Feiner Reiner Buchstoff eine  Rezension veröffentlicht, in der »Die neue Wildnis« als vielschichtig beschrieben wird, mit einer Handlung, die einen Sog entwickelt. Diese unterschiedlichen Beurteilungen machen neugierig und es bleibt wohl nur eines übrig: Selbst das Buch zu lesen.

Noch einmal Feiner reiner Buchstoff: Vorgestellt wurde hier im Mai der Lyrikband »Dass die Erde einen Buckel werfe« von Wolfgang Schiffer, der in Dinçer Güçyeters Elif Verlag erschienen ist.

Wolfgang Schiffer wiederum stellt in seinem Blog Wortspiele den ukrainischen Lyriker Vladimir Koljazin vor, der anlässlich des russischen Vernichtungskriegs gegen sein Land drei Texte verfasste, die er »Gleichnisse« nennt.

Simone Finkenwirth schreibt im Blog Klappentexterin sehr persönlich über das Buch »endlich. Über Trauer reden« von Caroline Kraft und Susann Brückner. Überschrieben ist der Blogbeitrag mit »Jeder Tag ein Geschenk« – und dieser Gedanke ist mir in den letzten Jahren ebenfalls immer bewusster geworden.

Am 2. Mai 2022 war der 250. Geburtstag des Dichters Novalis. In seinem Blog AISTHESIS hat Lars Hartmann eine Würdigung veröffentlicht, die den Dichter, seine Zeit und die Bedeutung für unser Heute wunderbar einordnet. Und für Blog literaturundfeuilleton verfasste Andreas Martius eine melancholische Erinnerung an den jung gestorbenen Novalis.

Im Blog literaturleuchtet schreibt Marina Büttner über den Roman »Ocean State« von Stewart O`Nan, ein Buch, das auf meiner Anschaffungsliste weit oben steht.  Und für Pacal Mathéus ist im Blog Aufklappen klar, dass spätestens mit dem Roman »Spitzweg« Eckhart Nickel zu den ganz großen deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart gehört – da seine Prosa sich keinen Deut um aktuelle Stilvorschriften schert. Auch dieses Buch werde ich noch unbedingt lesen müssen, zumal ich seit dem grandiosen ersten Satz seines letzten Romans »Hysteria« großer Fan des Autors bin: »Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.«

Im englischen Blog warm days will never cease ist im Mai der schöne Beitrag »10 Long Poems I Love« erschienen. Und das »Long« ist dabei ernst gemeint: Ein Gedicht unter 1.000 Zeilen ist nicht dabei.

Bettina Schnerr stellt in ihrem Blog Bleisatz das Sachbuch »Quallen altern rückwärts« von Nicklas Brendborg vor. Erschienen ist es im Eichborn Verlag, für den ich arbeite – daher freut mich die schöne Rezension ganz besonders.

Und meinem eigenen Blog Kaffeehaussitzer schreibe ich über alte Bücher. Sie sind nie einfach nur gedruckte Texte, sondern Objekte der Epochen, in denen sie veröffentlicht wurden. Und viele erzählen selbst schon Geschichten.

Zum Schluss gibt es noch zwei Ausblicke. Wieder einmal hat sich Petra Reich für ihren Blog LiteraturReich durch die Vorschauen der Verlage gearbeitet, hat Titel ausgewählt, die sie interessieren und gibt damit einen wunderbaren Einblick in die Litaturveröffentlichungen des kommenden Halbjahres. Und auch wenn der Herbst noch jenseits des Sommers liegen mag, finde ich darin schon etliche Bücher, auf die ich mich freue. Im Blog Buch-Haltung von Marius Müller hat der Blick in die Vorschauen ebenfalls eine feste Tradition – auch hier wird ein Besuch mit zahlreichen, fein kuratierten Leseanregungen belohnt.

Mit diesem Blick in den Herbst beende ich die Mai-Kolumne – in der Hoffnung, dass bis dahin die russischen Aggressoren aus der Ukraine vertrieben sein werden. Mit unserer Unterstützung.

#StandWithUkraine

 

Uwe Kalkowski ist seit über 25 Jahren in der Buchbranche tätig und kennt sie aus unterschiedlichen Perspektiven: Als Buchhändler, als Absolvent des Studiengangs Verlagswirtschaft in Leipzig und als Mitarbeiter verschiedener Verlage. Seit August 2019 arbeitet er als Produktmanager für den Eichborn Verlag in Köln. In seinem Blog Kaffeehaussitzer schreibt er über Bücher, Literatur und Leseerlebnisse und stellt in der monatlichen Kolumne »Kaffeehaussitzers Netzrückblick«auf buchmarkt.de lesenswerte Fundstücke aus den unterschiedlichsten Literaturblogs vor. »Vollkommen subjektiv, handverlesen und rein persönlich ausgewählt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn eine solche kann es in einer so vielschichtigen Szene gar nicht geben«, wie er sagt.

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