Claudia Gehrke: „Der neue, erste Termin für unsere Verlagsrevue ist Freitag, der 23.4.2021 …“

Die Verleger-Blicke in den Editorials der aktuellen Vorschauen wollen wir weiter mit Ihnen teilen, die Serie „Aus der Werkstatt der Verlage“ geht deshalb in loser Folge weiter. Heute schreibt Konkursbuch – Verlegerin Claudia Gehrke:

Claudia Gehrke: „Wir haben Online-Lesungen veranstaltet und zwei Verlagslieder produziert, ein kleiner „digitaler Schub“ für uns. Persönliche Gespräche mit Leser*innen und Freund*innen und Autor*innen, auch untereinander und mit der Verlegerin, fehlten. Die Funken zwischen Menschen, die zu Ideen führen können und zu vielem mehr, lassen sich nicht ganz durch „online“ ersetzen“ (Durch Klick auf das Foto zu den Autoren-Lesungen)

 

Liebe Kolleg*innen aus Buchhandel und Medien,

Als wir die Herbstvorschau 2020 produzierten, fragten wir uns, was in dieser Zeit in Kunst und Literatur geschieht – schreiben alle über die Einschränkungen des gegenwärtigen Lebens, fotografieren und malen sie Motive von Isolation, Leere, Abstand (oder vom herrlichen Himmel ohne Kondensstreifen)? Es war zur Zeit des Frühjahrslockdowns.

Als die Vorschau für Frühjahr 2021 in Druck ging, gab es den November-Lockdown-light. Im Sommer versuchten auch wir das Wissen zu vergessen (unterschwellig begleitete es uns das ganze Jahr über), dass das Virus in der kalten Jahreszeit wieder verstärkt zuschlagen würde. Mit der Handvoll Veranstaltungen, die im Sommer und Frühherbst (mit weniger Publikum als zur Finanzierung nötig gewesen wäre) stattfinden konnten, machen wir ein größeres Minus – aber unsere Autorinnen wollten gerne lesen, die Performerinnen und Musikerinnen sowieso, es ist ihr Leben. Ein Veranstalter (Sudhaus Tübingen) wollte unsere große Verlagsrevue Love Bites mit Liedern, Live-Musik, Tanznummern und Lesungen unbedingt im Dezember zur Eröffnung des neuen großen Saales stattfinden lassen (in diesen Saal passen 800 Gäste, mit Abstandsregeln, guter Lüftung etc. wären immer noch gut 100 denkbar gewesen). Die Veranstaltung wurde verschoben. Ob größere Veranstaltungen am Welttag des Buches, am 23. April 2021, wieder möglich sein werden?  Der neue, erste Termin für unsere Verlagsrevue ist Freitag, der 23.4.2021.

Wir haben Online-Lesungen veranstaltet und zwei Verlagslieder produziert, ein kleiner „digitaler Schub“ für uns. Persönliche Gespräche mit Leser*innen und Freund*innen und Autor*innen, auch untereinander und mit der Verlegerin, fehlten. Die Funken zwischen Menschen, die zu Ideen führen können und zu vielem mehr, lassen sich nicht ganz durch „online“ ersetzen. Einer gestreamten Veranstaltung fehlt „körperliche“ Spannung, die sich zwischen Publikum und Auftretenden aufladen kann, und die auch dazu beiträgt, dass wir nach den Lesungen Bücher verkaufen. Einen Stand auf der digitalen Buchmesse hatten wir auch. Menschen, die durch die Gänge strömen und zufällig in unserem bunten von Büchern überquellenden Stand landen (wir sind seit Verlagsgründung, seit 1978 in Frankfurt, seit 1990 auch in Leipzig), sich durch Bücher blättern, hängenbleiben, wiederkommen, fehlten.

Für alle, die am „offiziellen“ Messe-Lesungsprogramm beteiligt waren, war die digitale Buchmesse ein erfreulicher Erfolg, es gab sehr viele Zuhörer*innen aus aller Welt (wobei natürlich, wie bei allen Onlineevents, manche zwischendurch auch woandershin klickten oder abschalteten). Für viele andere, die wie wir mit Link und eigenen Events auf eigenen Homepages dabei waren waren, war nicht sehr viel von der Messe zu bemerken. An Reaktionen kamen zu uns vor allem Manuskriptangebote mit Anschreiben, die deutlich machten, dass diese Vorschläge an viele Verlage auf der Messeseite geschickt wurden. Sich durch ca. 4000 Ausstellerlinks zu klicken ist anders als sich durch die eine Messe zu bewegen. Trotzdem war es gut, dass es diese digitale Buch-Messe gab, dass ausprobiert wurde, was eine „körperliche“ Messe, die hoffentlich irgendwann wieder stattfinden kann, bereichern und ergänzen könnte.

Zum Blättern in der Frühjahrsvorschau

Yoko Tawada hatte, seitdem sie Bücher veröffentlicht (ihr erstes „Nur da wo du bist da ist nichts“ erschien 1987 bei uns), um die 1200 Lesungen in Literaturhäusern, Theatern, Buchhandlungen, Goethe-Instituten, Museen, Kirchen, Tempeln, Schulen und Universitäten in vielen Ländern der Welt. In diesem Jahr hatte sie eine einzige Lesung, im Sommer.

„Seit über dreißig Jahren bin ich als Autorin auf allen Kontinenten unterwegs. In meinem letzten Roman ‚Sendbo-o-te‘ schrieb ich über die Isolation eines Landes wegen einer Katastrophe. Jetzt bin ich selber isoliert und rede hauptsächlich mit toten Autoren (gestern mit Celan, heute mit Platonov) …  Anders als sonst stelle ich mir zurzeit oft den Alltag eines Krankenpflegers oder einer Mutter vor, die den ganzen Tag auf ihre Kinder aufpassen muss. Es gibt gerade in der Corona-Zeit mehr ‚soziale‘ Kontakte im Kopf als sonst“, formulierte Yoko Tawada im März, zur Zeit des Lockdowns, als Einstieg in einen Text zu Corona für eine Zeitung, und endet so: „Die Göttin der Wissenschaft ist deshalb schön, weil sie genau weiß, dass sie vieles nicht weiß.“

Im Herbstprogramm erscheint ihr 2020 in der Corona-Zeit auf Deutsch geschriebenes Buch, der Roman „Paul Celan und der chinesische Engel“: Die ersten Reaktionen: „Buch der Woche“ (WDR 5), „Eine kostbare kleine Erzählung“ (Wilhelm Triebold, Schwäbisches Tagblatt, 12.12. 2020), „… bestrickender Roman“ (Judith von Sternburg , Frankfurter Rundschau 23.11.2020 ), „Der Roman ‚Paul Celan und der chinesische Engel‘ lässt sich nicht anders als ein fulminantes Literaturereignis beschreiben.“ (Torsten Flüh, nightoutatberlin, 23.11.2020)

Die Zeit der Kontaktbeschränkungen war eine Zeit der Einsamkeit für Alleinlebende oder des Zusammengepferchtseins mit der/dem Liebsten, der Familie – was passiert mit der Liebe, in der Familie, mit den Beziehungen, dem Sex? Wie ist es, sich neu verliebt zu haben, und die Partnerin/den Partner nicht treffen zu können. Wie ging es Singles auf der Suche?

In unseren erotischen Jahrbüchern 2020 (Mein heimliches Auge, Mein lesbisches Auge, Mein schwules Auge) tauchen diese Themen (neben vielen anderen) auf, in klugen, kritischen, bösen, amüsanten, poetischen, schönen, traurigen, erotischen (denn die Erotik befand sich nicht im Lockdown, oder?) Beiträgen. Aus einer ersten Besprechung eines der Jahrbücher: „Die Reihe ‚Mein lesbisches Auge‘ feiert ihre 20. Ausgabe. Regina Nössler und Claudia Gehrke ist zum Jubiläum ein besonders schöner und diverser Band gelungen. Und auch das Thema Corona darf nicht fehlen. Ein Novum […] es gab bis dato im deutschsprachigen Raum so gut wie keine gedruckten Erzeugnisse aus queerer Sicht dazu … Ganz besonders ist das Geschenk zu erwähnen, welches die Herausgeberinnen anlässlich der Jubiläumsausgabe den Leser* innen machen: Regina Nössler übersetzte erstmalig mehrere Gedichte der US-amerikanischen Autorin und Aktivistin Eileen Myles ins Deutsche. Diese durchziehen den gesamten Band und sind berührend wie aktuell zugleich – dabei entstanden sie Jahrzehnte vor Corona.“ (Siegessäule, Dezember 2020)

Und die neue Ausgabe unseres kulturellen Jahrbuchs „Konkursbuch“ hat das „schwere“ Thema „Tod“. Wir arbeiten schon seit letztem Jahr daran, nicht ahnend, dass uns eine Pandemie bevorsteht und dass auf einmal viele über die Fragilität des Lebens und das Sterben nachdenken, sich in Medien äußern. Für uns ist Tod immer ein großes Lebensthema – denn um das Leben geht es auch in der Ausgabe Nr. 56: Wie lebt man mit der Sterblichkeit? Mit dem Abgrund Tod? Auf das Leben! Aus der ersten Besprechung: „Dialog am Frühstückstisch: ‚Ist das eigentlich tauglich als Geschenk?‘ – Meine Frau: ‚Bist du verrückt? Du kannst doch niemand etwas über den Tod schenken.‘ Doch, kann man. Finde ich. Und wenn, dann das hier. Konkursbuch 56 – Tod, 606 Gramm, angenehm haptisch in der Hand, 456 Seiten, fein illustriert – und ungeheuerlich vielfältig […] Herausgeberin Claudia Gehrke, die schon für viele Bücher verantwortlich zeichnete, hat sich hier im Verbund mit Stephanie Sellier selbst übertroffen. Aufgebaut ist der ebenso kompakt wie großzügig wirkende Band wie ein Spaziergang, den man sich selber zusammenstellen kann. Inhalt wie Gestaltung atmen die Freiheit des Geistes, das Buch ist ein Fest des Lebens – mit unserer aller Sterblichkeit, eine überaus kurzweilige, bunte und wundersame Collage.“ (CulturMag)

Eine schöne Nachricht des Jahres war für uns: Regina Nössler erhielt nach dem Deutschen Krimipreis (Platz 2) den Hauptpreis der Stuttgarter Krimipreise 2020. „Die Putzhilfe handelt von Kontrolle und sozialen Normen, von Einengung und Befreiung, von realer und eingebildeter Überforderung. Alle diese Themen bilden den schwebenden Hintergrund einer ebenso überraschenden wie spannungsreichen Handlung …“ (Tobias Gohlis, DLF).

Leider fiel die für 24.10.2020 geplante Preisverleihung in Stuttgart (und die dazugehörige Presse) Corona zum Opfer. Das Buch ist in der 3. Auflage, wird immer noch gerne gelesen und ist sichtbar: So trug „Die Putzhilfe“ dazu bei, dass wir dieses Jahr einigermaßen gut überstehen konnten. Auch der Verlagspreis 2019, den wir uns erst 2020 haben auszahlen lassen und mit dem wir u.a. einige aufwendige Bücher aus dem Frühjahrsprogramm finanziert haben, half. Der Buchhandel war bis auf Ausnahmen noch vorsichtiger beim Einkauf als sonst, was verständlich ist. Sodass leider viele Bücher des Jahres, vor allem das gesamt Frühjahrsprogramm, untergingen. Dazu fehlen uns die Anzahlen der durch Lesungen und nach den Verlagsrevuen verkauften Bücher –  wie vermutlich vielen Kolleg*innen, die ihre Bücher mit großem Engagement den Leser*innen persönlich nahebringen.

Wie ich von befreundeten Buchhändler*innen hörte, haben sie die Zeit bisher einigermaßen gut überstanden. Alle waren mit guten und neuen Ideen für ihre Kund*innen auch zu Zeiten des Lockdowns da, es gab lokale Online-Einkaufsmöglichkeiten mit Fahrradeauslieferung etc. Und Stammkund*innen unterstützten ihre Läden.

Trotzdem, so scheint mir, fehlt in der Coronazeit die Freude am Stöbern. Mit Maske, auf Abstand bedacht, viel Zeit in einem Laden zu verbringen und zufällig etwas zu entdecken (das brauchen unsere Bücher) … das findet seltener statt. Viele gehen in die Läden, kaufen, was sie sich vorher notiert haben, lassen sich kurz beraten, wollen schnell wieder heraus.

Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute in dieser schwierigen Zeit, kommen Sie gut in den Frühling. Danke für Ihr Engagement. Wir freuen uns sehr über jede Bestellung. Gerne schicken wir auch Leseexemplare!

Ihr Konkursbuch Verlag

Claudia Gehrke

https://www.youtube.com/watch?v=B3ixJ5_OHqM

https://www.youtube.com/watch?v=elrN3BSK1L0&t=27s

Zuletzt brachten wir das Editorial von Sascha Nicoletta Simon

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