Runde Geburtstage Christine Paxmann (60)

Christine Paxmann wird heute 60 Jahre alt. Der Eselsohr-Verlegerin gratuliert Ulrich Störiko-Blume:

Christine Paxmann: Sie hat zahllose Bücher, Kampagnen und Markenauftritte gestaltet, Verlage beraten sowie Programmbereiche und ganze Verlage geleitet

Früher hieß es ja, bei Damen erwähnt man das Alter nicht. Kaum jemand hält sich mehr daran. In den Branchenblättern werden 40-jährige Marketing-Managerinnen für ihr Lebenswerk gefeiert. Dorothee Hess-Maier erfährt zu ihrem 85. Geburtstag eine (verdiente) Würdigung. Von Patricia Highsmith werden zum 100. Geburtstag lange verborgene, private Tagebücher veröffentlicht. Da wird es wohl angemessen sein, eine so unerschöpflich agile und omnipräsente Bücherfrau wie Christine Paxmann anlässlich ihres 60. Geburtstags ein wenig ins Rampenlicht zu stellen. 

Christine kann alles*. Christine erschrickt vor nichts. Christine ist überall. Das stimmt und stimmt natürlich auch nicht.

Christine kann sehr viel; dazu gehört: aus Fehlern lernen; sie kann die Schrecken aussichtsloser Unterfangen einschätzen und ist zu klug, um sich jede Arbeit aufzubürden. Christine überlegt sich genau, wo sie hingeht. Und wenn Sie sich befinden, wo Christine auftaucht, können Sie sich auf die Schulter klopfen. Denn es gibt sie nur einmal – auch wenn immer mal wieder der Verdacht geäußert wird, ihre beiden angeblichen Pseudonyme Claire Singer und Nora Bernstein seien gar keine Tarnnamen, sondern gute Freundinnen, die ihr wenigstens einen Teil der Arbeit abnehmen. Sie hat – nach eigenen Angaben – seit 1996 mehr Bücher geschrieben, als sie heute an Jahren zählt, nämlich 63. Auf eine solche Zahl kommt mancher sogenannter Vielschreiber nicht, und bei ihr ist die Schriftstellerei eine Art Nebenbeschäftigung. Ihr Werk reicht vom Großen Buch des Teufels (2000) über Mami, Papi, ich bin da (2007) bis zu Demokratie für Kids (2021). 

Sie hat zahllose Bücher, Kampagnen und Markenauftritte gestaltet, Verlage beraten (und auch Verleger, neuerdings von ihr Verleger*innen geschrieben) sowie Programmbereiche und ganze Verlage geleitet. Ihre kreativen Fähigkeiten zeigen von Anfang an eine beeindruckende Bandbreite: als Artdirektorin in der legendären Agentur Kraxenberger war sie zuständig für so unterschiedliche Verlage wie Gräfe & Unzer und Franz Schneider. Wenn man genauer hinschaut, kann man allerdings erkennen, dass beide Verlage einen ausgeprägten Sinn für ihre jeweilige Marke hatten. Eine Marke, das ist Christine Paxmann auch. Wiedererkennbar, von verlässlicher Qualität, kommunikationsstark, eigenwillig. 

Sie hat viel angefangen und manches auch wieder bleiben gelassen. Es gab lange Jahre der fruchtbaren Zusammenarbeit in der Agentur Paxmann Teutsch. Sogar im selbstzufriedenen Verlagsmekka München richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die Vorgänge in den neuen Bundesländern, und so kam es für einige Jahre zur Gesellschaftertätigkeit beim nach der Wende gegründeten Leipziger Kinderbuchverlag leiv, zum Einstieg in den Buchverlag für die Frau und beim Altberliner Verlag. Auch am Baumhaus Verlag war sie zeitweilig beteiligt (vor dessen dädalusartigen Höhenflug, der später in den Armen von Bastei Lübbe endete, von wo aus es dann zum raketenartigen Neustart dank „Gregs Tagebüchern“ kam).

Ihr opus magnum aber wurde die Übernahme der Fachzeitschrift Eselsohr im Jahre 2003. Das Blatt hatte nach seiner spektakulären Gründung 1982 eine wechselvolle Geschichte durchlaufen. Gabriela Wenke und Iris Schürmann-Mock hatten das (richtige) Gefühl, dass die üblichen Buchmarkt-Medien dem Kinder- und Jugendbuch nicht genügend Raum und Aufmerksamkeit schenkten. Es war ein wichtiges, aber keineswegs das einzige Fachmagazin für die aufstrebende Kinder- und Jugendbuchbranche, und musste natürlich immer um Aufmerksamkeit und Anzeigen kämpfen, sich Kritik anhören für übergangene Bücher ebenso wie für übertrieben gelobte. Heute ist es das unabhängige Fachmagazin für die Branche (neben den mit öffentlichen Mitteln geförderten Magazinen 1001 Buch aus Österreich und Buch und Maus aus der Schweiz).

Der kühne Vergleich sei gewagt: Michael Krüger hat einmal sinngemäß gesagt: Literatur ist, was bei der Buchhandlung Lehmkuhl in München auf dem Flügel steht. Kinder- und Jugendliteratur ist, was im Eselsohr besprochen wird. Im nächsten Jahr wird das Eselsohr 40 – das wird sie mit den Verlagen (dieser von ihr so genannten „herrlich schönen Blase, in der gedacht, gesponnen, gelernt, geflunkert, gebastelt, getüftelt, gehofft, gebangt, gepokert, gelegentlich auch gelesen und vor allem eben auch gut gefeiert wird“) hoffentlich mit einem rauschenden Fest hochleben lassen können. Nicht zufällt heißt der Verlag, in dem das Eselsohr erscheint, Leseabenteuer.

In der November-Ausgabe schließt Christine Paxmann ihr Editorial, das unter Kennern (pardon: und Kennerinnen) ähnlichen Kultstatus genießt wie das Streiflicht in der Süddeutschen Zeitung, mit den Worten „Lassen Sie uns hellhörig und friedfertig diskutieren“. Typisch Christine. Typisch? Sie kann auch anders. „Mag ja Lesen und Schreiben ein einsames Geschäft sein, aber zum Bücherleben gehört das Miteinander, das Anstoßen und gelegentlich auch das Anrempeln, das Angeben und das Anregen.“ (so im Editorial zum Oktober-Heft). Für den blv-Verlag hat sie die Reihe Kraftquelle mit mehreren Titeln aus ihrer Feder bereichert. Doch den unveröffentlichten Ratgeber Kraftquelle Büchermachen – den behält sie in ihrer inneren Schublade. Wir alle, die Branche, profitieren trotzdem davon.

Ulrich Störiko-Blume

* Das stimmt, Christine kann sogar Fußball spielen – legendär unser Kampf auf dem Rasen von  Friedrich Karl Sandmann in Steinhagen damals mit Christian Strasser und Felicitas Feilhauer; ich glaube, Du hast sogar gewonnen. Dein CvZ

Kontakt: paxmann@eselohr-leseabenteuer.de

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