Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Frank Böttcher?

Seit dem 6. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2021 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Lukas – Verleger Frank Böttcher unseren „anderen“ Fragebogen:

Frank Böttcher: „Nach wie vor am Start sein zu können, erachte ich in diesen Zeiten als Bestätigung meines Tuns. Mir hat nur noch nie eingeleuchtet, in den traditionellen Frühjahrs- und Herbstzyklen zu denken. Unsere Bücher sind ja nicht bloß für eine halbe Saison gedacht, sondern »ohne Verfallsdatum«, so das Verlagsmotto. Sie erscheinen, wenn sie fertig sind, punkt“

Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?

Als meine Tochter Elisabeth ihren Sohn und somit meinen Enkel Karl zur Welt brachte.

Worüber haben Sie sich 2020 am meisten geärgert?

Unser bedeutendstes Buchprojekt des Jahres scheiterte daran, dass sich der Autor partout nicht auf die Usancen des Verlages oder überhaupt des Verlagsgeschäfts einzulassen vermochte. Er hatte eine fundamentale Dissertation zum Theaterbau der DDR verfasst, die ich sehr gern engagiert und mit allem Knowhow, wie es mir über die Jahrzehnte zugewachsen ist, zu einem tollen Buch gemacht hätte, aber dem standen leider beim besten Willen nicht zu überbrückende menschliche Differenzen entgegen. Der Band war seit einem halben Jahr groß angekündigt, es gab etliche Vormerkungen des Buchhandels und der Presse, und ich hatte sogar schon rund sechzig (von über sechshundert) der abbildungsreichen Seiten gestaltet, als der gute Mann unverhofft absprang. Nun wird das Werk wohl überhaupt nicht in vernünftiger Gestalt erscheinen. Seltsam. Und jammerschade für alle Beteiligten.

Was war 2020 Ihr schönster Erfolg?

2016 mussten wir einen kompletten Jahresgewinn an die Verwertungsgesellschaften Bild-Kunst und Wort zurückzahlen, was uns damals um ein Haar das Genick brach, und 2019 erwischte uns sehr heftig die KNV-Pleite. Angesichts solcher Nackenschläge ist die das komplette Jahr 2020 dominierende Corona-Krise eher nur eine geringe Verwerfung. Natürlich ist der diesjährige Umsatz nicht so doll und litten verschiedene Buchprojekte unter Verzögerungen, weil die Autoren monatelang nicht in die Archive oder im Homeoffice nur notdürftig arbeiten konnten. Doch da unser Sach- und Fachbuchprogramm relativ breit aufgestellt ist und einen guten Ruf zumindest in bestimmten Kreisen genießt, hielt sich das Drama bisher in Grenzen. Nach wie vor am Start sein zu können, erachte ich in diesen Zeiten als Bestätigung meines Tuns.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Anlässlich des 25. Verlagsjubiläums verfasste ich ein Buch mit dem Titel »Belegexemplar«, in dem ich so offenherzig wie launig auf das in einem Vierteljahrhundert vielfach Geleistete, aber auch auf die damit verbundenen Niederlagen, Nöte und Zweifel zurückblicke. Es erschien rechtzeitig zur dann abgesagten Leipziger Buchmesse, wo ich es eigentlich Kollegen, Journalisten und Lesern stolz zu präsentieren gedachte. Außerdem hatten wir für Ende April eine Lesung in der befreundeten Berliner Buchhandlung »Georg Büchner« verabredet. Auch diese Veranstaltung wurde dann ein Opfer des ersten Lockdowns. Also verschoben wir die Lesung langfristig auf Ende November, was schon deshalb ein guter Termin schien, weil ja unsere Gewerbeanmeldung vor einem Vierteljahrhundert ebenfalls um diese Zeit herum stattfand. Und weil es in all den Jahren – weshalb auch immer – leider nur ein einziges ordentliches Verlagsfest gegeben hat, nämlich 2003 anlässlich des hundertsten Lukas-Buches, während wir heute weit über fünfhundert Bücher verantworten, wollte ich nun nicht bloß aus meinem »Belegexemplar« lesen, sondern endlich auch eine kleine Jubiläumsparty in den Räumen der Buchhandlung veranstalten. Mit dem zweiten Lockdown hatte die sich dann natürlich ebenfalls erledigt. Es gibt gewiss Schlimmeres als einen abgesagten netten Abend, aber dass mir Corona hier in die Suppe gespuckt hat, ist schon ein bisschen traurig!

Ihre schönste Buchhandlung in diesem Jahr?

Die eben erwähnte Buchhandlung »Georg Büchner«. Aber auch ein paar andere, die uns Außenseiterverlag seit vielen Jahren wohlwollend auf dem Schirm haben, schätze ich sehr, so etwa die rührige Insel-Buchhandlung in der Greifswalder Straße, den Bücherbogen am Savignyplatz oder das Internationale Buch in Potsdam.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Von Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Von Donald Trumps Macken. Von Denkmalsstürzen, Straßenumbenennungen und gendergerechten Sprachverhunzungen. Von populistischem Ausspielen der Radfahrerinteressen gegen diejenigen von Autofahrern. Ich hege einen tiefen Argwohn gegen alle selbsterklärten Weltverbesserer jeglicher Couleur. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass ich die ersten dreißig Jahre meines Lebens im Osten verbracht habe. Ich bin dadurch weitgehend ideologie- und utopieresistent.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Von deutscher Solidarität mit dem gebeutelten, von der Welt rüde im Stich gelassenen armenischen Volk und Staat. Von deutscher Solidarität mit den mutigen Menschen in Belarus, die beharrlich und unter großen Opfern gegen das Lukaschenko-Regime demonstrieren. Von deutscher Solidarität mit dem ukrainischen Staat, der sich gegen die fortgesetzten imperialistischen Zumutungen Russlands wehrt. Wir brauchen mehr Bücher wie Navid Kermanis »Entlang den Gräben« oder Swetlana Alexijewitsch’ »Secondhand-Zeit«. Wir brauchen hier im Westen mehr Aufmerksamkeit für Osteuropa, denn dort entscheidet sich unsere Zukunft.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Bei mindestens zwei Titeln war ich bei der Höhe der Erstauflage zu feige. Lieber von vornherein ein paar Exemplare mehr drucken als nach wenigen Monaten die bittere, teure Pille des Nachdruckens schlucken müssen!

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?

Keinen einzigen. Hoffe ich.

Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Ehrlich gesagt: mein eigenes.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Ich agiere, was die Programmplanung angeht, stets etwas unorthodox, weil mir noch nie eingeleuchtet hat, in den traditionellen Frühjahrs- und Herbstzyklen zu denken. Unsere Bücher sind ja nicht bloß für eine halbe Saison gedacht, sondern »ohne Verfallsdatum«, so das Verlagsmotto. Sie erscheinen, wenn sie fertig sind, punkt. Außerdem ist bei der Hälfte der geplanten Titel jedwede Zeitplanung eh sinnlos, weil Autoren später als verabredet abliefern, weil ungeahnte Schwierigkeiten bei der Finanzierung auftreten oder weil urplötzlich hochspannende Projekte ins Haus flattern, die ganz kurzfristig und also völlig unangekündigt realisiert werden müssen… Schon deshalb ist heute noch nicht alles spruchreif, ob oder was in die nächste Jahresvorschau kommt. Aber natürlich gibt es trotzdem schon ein paar Favoriten. Am meisten werde ich mich wohl verlieben in ein äußerst sperriges, abgefahrenes, herausforderndes, gestalterisch anspruchsvolles und vermutlich schwierig zu verkaufendes Buch, nämlich über eine sogenannte Chronologiemaschine, mit welcher der französische Universalgelehrte und Aufklärer Jacques Barbeu-Dubourg (1709–1779) die Weltgeschichte zu fassen suchte und gleichsam das Scrollen im Internet vorwegnahm. Sowas liebe ich. Bücher über Rembrandt oder Warhol kann jeder.

Von wem würden Sie gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Detlev Kopp vom Aisthesis Verlag. Oder von Hans-Jürgen Wirth vom Psychosozial-Verlag. (Meine Frau ist Psychoanalytikerin.)

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht als Verleger fungieren?

Hier können Sie die auch beantworten:

Mit meinem Freund Olaf beim meist erfolglosen Angeln am Borker See sitzen und die Dinge des Dorfes und der Welt bereden. Sich jeden Donnerstagabend gemeinsam mit Freunden zum Aktzeichnen treffen und hinterher im »Seeblick« ein paar Biere trinken. Mit meinem Freund Ewald schräge Musik hören und dazu was rauchen. Endlich mal wieder in Konzerte gehen. Und Bücher lesen, die rein gar nichts mit dem eigenen Verlag zu tun haben. Mit meiner Frau und Freunden wilden Doppelkopfexzessen frönen. Meinen Enkel beim Sichentwickeln begleiten und sehen, wie meine Tochter und ihr Mann bei ihm vieles besser machen, als ich es seinerzeit als jahrelang alleinerziehender Vater bei ihr vermochte.

Gestern antwortete Lorenz Borsche, morgen fragen wir Vito von Eichborn.

Kommentare (2)
  1. Das allerschönste und allerbeste Interview bisher.
    Diesen Frank Böttcher würde ich gerne einmal kennenlernen. Ich werde erstmal sein Buch „Belegexemplar“ lesen.
    Allen Frohe Weihnachten – und auf ein trumpfreies Neues Jahr ohne diese ganzen selbsternannten Querdenker!
    Bleibt gesund!
    Dieter Klug

  2. Er ist ein echter Zauberwirker, der deine Liebe zurückbringen kann, die dich verlassen hat. Danke für deine Hilfe: Jacobman41@ outlook. com

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