Aus der Werkstatt der Verlage Frank Böttcher: „Wir machen natürlich weiter. Nicht aus heiliger Berufung, wohl aber professionell, engagiert und immer auch eigensinnig“

Die Verleger-Blicke in den Editorials der aktuellen  Vorschauen wollen wir mit Ihnen teilen, die Serie „Aus der Werkstatt der Verlage “ geht in loser Folge weiter.  Heute in dieser Reihe ein Brief von Frank Böttcher, dessen Berliner Lukas Verlag in diesem Jahr 25 Jahre alt wurde. Er schreibt uns aus diesem Anlass: 

Frank Böttcher: „Das auf den ersten Blick etwas gar zu breite, vielfältige, vielleicht sogar disparate Programm des Lukas Verlags mit Titeln zum Beispiel zur mittelalterlichen Backsteinarchitektur, zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, zu den ländlichen Gärten und Parken in Brandenburg oder zu illegalen Reisen von DDR-Jugendlichen durch die Sowjetunion, wo sich also nur bei genauerem Hinsehen ein klares Profil erkennen lässt, macht das Unternehmen relativ resistent gegen thematische Moden und Konjunkturen, gegen institutionelle Abhängigkeiten im Wissenschaftsbetrieb oder Zumutungen des Buchhandels und erweist sich gerade jetzt in der Krise als stabilisierend“

Lieber Herr von Zittwitz,

Ich freue mich sehr über Ihre Einladung, nach all den meist wohlbekannten und honorigen Kollegen ebenfalls an dieser Stelle schreiben zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich, denn sogar nach fünfundzwanzigjähriger Existenz und mehr als einem halben Tausend zumeist bedeutender Bücher gehört der Lukas Verlag nach wie vor zu den eher unbekannten, ja ignorierten kleineren Häusern.

Sie selbst waren ja so ehrlich zuzugeben, dass Sie erst jüngst durch das von mir verfasste Buch Belegexemplar, in dem ich so offenherzig wie launig auf das in einem Vierteljahrhundert vielfach Geleistete, aber auch auf die damit verbundenen Niederlagen, Nöte und Zweifel zurückblicke, auf uns gestoßen sind. Dabei ist solches Am-Rande-Stehen im Buchbetrieb typisch nicht bloß für meinen eigenen Verlag, sondern auch für viele weitere Außenseiter, die alle ganz bewusst nicht mit belletristischen Entdeckungen brillieren oder sich tagesaktuellen Aufregerthemen widmen. Gerne nenne ich Ihnen ein paar Namen von hochgeschätzten, aber meist wenig hofierten Kollegen, die es nach meinem Dafürhalten genauso verdient hätten, an dieser Stelle und überhaupt endlich einmal in den Fokus gerückt zu werden. Sie und ich machen Bücher nicht bloß für die Gegenwart, sondern für die nächsten Jahrzehnte.

Das selbstbewusste Credo des Lukas Verlags »Bücher ohne Verfallsdatum« gilt für deren originelle Programme nicht minder. In dieser Sach- und Fachbuchszene pflegt man kein gestalterisches Chichi, keine Zeitgeistmarotten. Aber unsere Titel sind grundsolide. Sie funktionieren und wirken. Sie sind konservativ im allerbesten Sinne. Dabei sind wir durchaus nicht dröge-akademisch, sondern regelmäßig begeisterungsfähig, neugierig, freigeistig und unvernünftig: Independentverlage reinsten Wassers also. Wir leisten die Kärrnerarbeit für die intellektuellen Diskurse und für die Erinnerungskultur im Lande, die meisten unserer Bücher sind wichtig, viele unverzichtbar, wir werden dafür vom interessierten Publikum und sogar auch von den paar verbliebenen besseren Sachbuchredaktionen überaus geschätzt, doch im Buchhandel, diesem scheuen Reh, finden wir trotzdem nur selten einen guten Platz. Und dass wir eines Tages den Deutschen oder den Berliner Verlagskreis zuerkannt bekommen, davon wagen wir bestenfalls zu träumen.

In diesem Band berichte Frank Böttcher offenherzig über „das in einem Vierteljahrhundert vielfach Geleistete, aber auch auf die damit verbundenen Niederlagen, Nöte und Zweifel“ (Durch Klick auf Coverabbildung zur Verlöagswebseite)

Den Lukas Verlag gibt es nun seit einem Vierteljahrhundert. Für den Verleger, der neulich sechzig geworden ist und dem das als jemandem, der zufällig im Osten des Landes geboren und aufgewachsen ist, partout nicht in die Wiege gelegt wurde, bedeutet es nichts weniger als ein Lebenswerk. Er hat es in all den Jahren mit dem unabdingbaren Eifer und allen Rückschlägen zum Trotz betrieben.

Einige solcher Rückschläge hatte er sich gewiss selbst zuzuschreiben, die meisten aber betrafen die seit zwei Jahrzehnten kriselnde Branche insgesamt. Sie müssen hiesigenorts nicht aufgezählt werden. Die Corona-Krise jedenfalls gehört für uns bisher zu den eher geringen Verwerfungen; andere Branchen dürfen da im Augenblick sehr viel lauter klagen oder gar verzweifeln als unsereins. Das auf den ersten Blick etwas gar zu breite, vielfältige, vielleicht sogar disparate Programm des Lukas Verlags mit Titeln zum Beispiel zur mittelalterlichen Backsteinarchitektur, zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, zu den ländlichen Gärten und Parken in Brandenburg oder zu illegalen Reisen von DDR-Jugendlichen durch die Sowjetunion, wo sich also nur bei genauerem Hinsehen ein klares Profil erkennen lässt, macht das Unternehmen relativ resistent gegen thematische Moden und Konjunkturen, gegen institutionelle Abhängigkeiten im Wissenschaftsbetrieb oder Zumutungen des Buchhandels und erweist sich gerade jetzt in der Krise als stabilisierend.

Dass das Verlagsjubiläum wegen Corona nicht gefeiert und auch werblich kaum genutzt werden konnte, tut dennoch weh. Ausgefallene Buchmessen und Veranstaltungen vor nur rudimentärem Publikum trafen uns wie jeden anderen Verlag auch. Die im Frühjahr verschickte Jahresvorschau landete mitten in den ersten Lockdown und somit im Nirgendwo. Aber wir machen natürlich weiter. Nicht aus heiliger Berufung, nicht als edlen Dienst an der Literatur, dem Geist, der Sprache, der Demokratie, der Gestaltung usw. (das sind allesamt eitel gepflegte Selbstmythisierungen der Branche), wohl aber professionell, engagiert und immer auch eigensinnig. Ein paar Jahre geht das noch, hoffe ich. Eben habe ich eine Minivorschau fürs Frühjahr in die Druckerei gegeben, und wenn wir wie immer ungefähr im März das gute alte gedruckte Verzeichnis aller Neuerscheinungen des Jahres 2021 in die Post geben, freue ich mich, lieber Herr von Zittwitz, dass auch Sie diesmal ein wenig darin blättern werden. Es lohnt sich.

Herzliche Grüße aus Berlin

Ihr

Frank Böttcher

Zuletzt brachten wir das Editorial von Jennifer Kroll.

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