Er schuf das Urmel aus dem Eis Zum 100. Geburtstag des verstorbenen Kinderbuchautors Max Kruse

Max Kruse (c) privat

Heute wäre der Schriftsteller und Kinderbuchautor Max Kruse 100 Jahre alt geworden (er verstarb am 4. September 2015) –Bärbel Dorweiler, Verlegerin Thienemann und Markus Michalek, Literaturagentur AVA international GmbH, haben ihm aus diesem Anlass einige Zeilen gewidmet:

„Es war vor Millionen Jahren. Ja wirklich! Damals legte Mutter Urmel das Urmel-Ei am Ufer des großen Meeres in den Sand, wie sie es bisher immer mit ihren Eiern getan hatte.

Es war einmal vor langer Zeit, so beginnen Märchen, Geschichten für Kinder. Und ab und an beginnt vielleicht auch eine Geschichte für Erwachsene so, oder zumöndöst so öhnlöch:

Am 19. November 1921 wird der junge Max Kruse in Bad Kösen an der Saale geboren, als eines von sieben Kindern des Bildhauers Max Kruse und der berühmten Puppenkünstlerin Käthe Kruse. Schicksalhaft sind Kindheit, Jugend und die frühen Erwachsenenjahre, in denen Käthe Kruse die erste Liebe des Sohns eine Halbjüdin, vor dem Zugriff der Nazis bewahrte. Aus dieser Verbindung entspringt eine Tochter, Sylvia Milford, die heute das Werk ihres Vaters betreut. Zu seiner Bestimmung als Schriftsteller und Autor von Klassiker-Kinderbüchern findet Max Kruse aber erst nach dem Krieg und nachdem er die Puppenmanufaktur seiner Mutter Käthe Kruse in der noch jungen Bundesrepublik wieder neu aufgebaut hat.

Max Kruse beobachtet genau, was um ihn herum in der Welt geschah. In seinem gesamten Werk, bis hinein in die derzeit noch gesperrten Tagebücher, die er über Jahrzehnte führte, spiegelt sich seine daraus entstehende Erzählkraft und Fabulierlust wider. Das Werk, das Max Kruse erschaffen wird, ist groß.

Das Urmel aus dem Eis, das bis heute das Zentrum bildet, und dem ein Dutzend Urmel-Bände und ein großer Medienverbund folgen werden, überstrahlt alles und 1999 fragt die TAZ zu Recht in einer launigen Kurzbesprechung des zehnten Urmel-Bandes: „Man kann natürlich ohne das Urmel aufwachsen. Aber warum sollte man?“ – eine Frage, die bis heute gestellt werden kann.

Doch das Urmel ist nicht alles. Der Löwe ist los legt für Max Kruse 1952 dank des Erfolgs den Grundstein für sein weiteres Schaffen als Schriftsteller und dass sein Werk in 14 Sprachen übersetzt wurde, und bis heute Leser*innen begeistert, ist sicher der Verdienst vieler der von ihm erfundenen Figuren und Geschichten. Unvergessen etwa sind die Verfilmungen der Augsburger Puppenkiste, natürlich das Urmel, aber auch Don Blech, oder Lord Schmetterhemd. Letzteres wurde just in diesem Jahr als hochkarätiges Hörspiel neu produziert. Seine Kindergedichte, wie im Band Ein Klecks ging mal spazieren sind bis heute lebendig, sie werden regelmäßig neu in Anthologien abgedruckt. Die feinfühligen und literarischen Reiseberichte, die Max Kruse in Zusammenarbeit mit seiner dritten Frau, der Illustratorin Shaofang Kruse entstehen ließ, zeigen ihn von einer anderen Seite, ebenso die Gedichte für Erwachsene aus den späteren Jahren. Die Jugendromane in Serie, die so manchem Kritiker nur als Lesefutter galten, und die im damals fast anrüchigen und heute so begehrten Nebenmarkt in hoher Auflage erhältlich waren, transportieren auf unterhaltsame Weise ebenso wie seine Kinderbuchklassiker Werte und Ansichten, die ihm wichtig waren.

Toleranz, Mitmenschlichkeit, das Streben nach einem wachen, aufgeklärten Geist, die Fähigkeit zur Kritik im humorvollen Gewand, aber vor allem ein friedliches Zusammenleben – das sind die Werte und Eigenschaften, die sein Werk umrahmen. Sie finden sich in seinen Figuren, die oft genug vermeintliche Fehler haben, abweichen von irgendwelchen Normen und die gerade in ihrer Vielfalt doch bestens zusammenleben können. Zu Unrecht vergessen sind daher auch die frühen Werke: Die bezaubernde Vorlesegeschichte Vom Lama, das nicht mehr spucken konnte etwa, oder das thematisch hochaktuelle Kinderbuch Der fremde Bill. Gegen Ende seines Schaffens wird es stiller um den Autor, die literarische Liebesgeschichte Die Tage mit Jantien oder Das Silberne Einhorn, ein Märchen für Erwachsene, erfahren nicht mehr die Aufmerksamkeit, die ein Autor wie Max Kruse verdient hätte. Doch er lässt sich nicht beirren und schreibt Tagebuch bis zuletzt, im hohen Alter von 90 Jahren erscheint bei Thienemann noch seine umfangreiche und höchst lesenswerte Autobiographie Im Wandel der Zeit. Wie ich wurde, was ich bin als gesammelte Ausgabe der autobiographischen Schriften. Und gerade eben erst beginnt die Literaturwissenschaft sein Werk zu entdecken und ordnet Max Kruse mit einem ersten umfangreichen Band im Schwabe Verlag, herausgegeben von Claudia Maria Pecher und Hans-Heino Ewers, auf seinen verdienten Platz in die lange Tradition der deutschsprachigen Kinderliteratur ein.

„Die ganze Welt ist ein Faszinosum“, hat Max Kruse einmal in einem Interview gesagt und nach diesem Motto hat er auch für Kinder geschrieben. Mit großer Neugierde für diese Welt hat er viele unterhaltsame und zugleich weise und hintergründige Geschichten erzählt; er hat die Kinder als Leser erstgenommen und wusste sehr gut, dass Humor hilft, die Welt und den anderen zu verstehen.

„Ein Dinosaurier mit sozialer Kompetenz“, schrieb die Süddeutsche Zeitung einmal, es ist noch nicht so lange her. Aber ob damit wirklich das Urmel gemeint war? Wer Max Kruse persönlich noch kennenlernen durfte, erlebte nicht nur einen Autor, mit dessen Kinderbuchfiguren man selbst aufwuchs oder bei deren Lektüre man die eigenen Kinder begleitete – man begegnete einem aufmerksamen und sanftmütigen Menschen mit einem feinen Humor.

Für den Thienemann Verlag ist Max Kruse eine wichtige Stimme und für die heutigen Leser ebenso wie für die kommenden Generationen bestehen seine Geschichten und Figuren fort. Max Kruse wäre heute 100 Jahre alt geworden. Wir dürfen sicherlich glauben, dass dör Seele-Fant för döse Gölögönheit ön höchst fröhlöches Löd gösöngön hötte.“

 

 

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