Moritz Heger über seinen Roman "Aus der Mitte des Sees" „Manchmal liegt das Glück darin, Widersprüchliches auszuhalten“

Moritz Heger, der Vorsitzende des Stuttgarter Schriftstellerhauses, ist jetzt mit seinem Roman als Autor neu bei Diogenes,  „Aus der Mitte des Sees“ erscheint dort Mitte Februar. Das war Anlass für unser freitägliches  Autorengespräch:

Moritz Heger: „Wenn ich mir wünschen könnte, was der Roman bei Menschen bewirkt, wäre es, dass sie das Gefühl haben, etwas Tiefes über Menschen – ob sie nun Mönche sind oder nicht – zu erfahren, was sie – die Leser und Leserinnen – anregt, über sich selbst nachzudenken. Produktive, öffnende, bereichernde Gedanken“ (c) Maurice Haas / Diogenes

Herr Heger, das ist immer unsere erste Frage: Worum geht es in Aus der Mitte des Sees?

Moritz Heger: Aus der Mitte des Sees ist ein Buch der Selbsterforschung, und es handelt von einem jungen Mönch, der auf der Suche ist nach den grundlegenden Dingen im Leben: Liebe, Nähe, Tod und die Kraft der Natur.  Die Hauptfigur des Romans ist Lukas. Er ist Ende dreißig und Benediktinermönch in einem Kloster, das sehr idyllisch an einem Vulkansee liegt. In sehr heißen Augusttagen beschäftigt ihn, dass sein bester Freund und Mitbruder, das Kloster verlassen, eine Familie gegründet und ein Kind bekommen hat. Daraufhin denkt Lukas auch über sein eigenes Leben nach. Sein Nachdenken durchkreuzt eine Frau, die auf einmal an den Badesteg der Mönche, Lukas´ Rückzugsort, geschwommen kommt. Das ist Sarah, die in seinem Leben auftaucht und es ein Stück weit auf den Kopf stellt. 

Sie ziehen sich jedes Jahr zum Schreiben ins Kloster zurück, wie ich weiß.

Ja, da bin ich auch auf die Idee zu Aus der Mitte des Sees gekommen, im Sommer 2017 im Kloster Maria Laach in der Eifel. Ich bin dort regelmäßig im August für etwa zwei Wochen zum Schreiben, aber auch zum Wandern, Schwimmen, an Stundengebeten Teilnehmen. Und nach drei Tagen hatte ich auf einmal die Eingebung: So ein Setting, das ist es! Nimm das Naheliegende! Da steckt so viel drin.

Dann wäre ich bei unserer zweiten Standardfrage: Für wen steckt da so viel drin? Wem könnte ein Buchhändler Aus der Mitte des Sees mit welchem Argument am besten verkaufen? 

Mit dem Roman möchte ich die Leserinnen und Leser mit in die Welt des Klosterlebens nehmen und ermöglichen, dass man beim Lesen ganz darin eintaucht. Andererseits hat der Roman Potential zur Selbsterkenntnis und kann für die Leser wie ein Spiegel funktionieren. Lukas denkt über verschiedenste Lebensfragen nach, versucht ehrlich mit sich zu sein und Ambivalenzen auszuhalten. Dabei wird die Leserschaft auch mit dem eigenen Leben konfrontiert und viele Stellen im Roman geben Anstoß, über Glauben, Nähe, Liebe und viele andere Themen nachzudenken.

Wie fühlt sich so eine Klosterklausur an?

Man darf sich die Klausur in einem Benediktinerkloster heute nicht mehr total streng vorstellen. Aber es gibt sie natürlich. In Maria Laach dürfen männliche Gäste zum Essen ins Refektorium der Mönche. Das ist eine tolle Erfahrung, Mahlzeiten in dieser liturgischen Form mit Schweigen und Tischlesung. Mönche sind großartige Vorleser.

Meine eigentliche Frage war: Ist so eine Klausur schwer auszuhalten?

Der Selbstkonfrontation entgeht man dort nicht. Nach dem letzten Gebet des Tages, der Komplet, und vor dem ersten des neuen herrscht Schweigen in der Klausur. Von außen haben wir das Bild in sich ruhender Menschen im Kloster, die irgendwie vergeistigter sind als wir Normalen. Wenn man näher hinschaut, sieht man aber, dass auch Mönche recht normale Menschen sind.

Schwimmen spielt im Roman eine große Rolle. In einem See schwimmt man über einem Abgrund und wird doch getragen, beides wird einem nicht bewusst. 

Ich glaube, Schwimmen ist ein starkes Bild für Gott. Dass Gott uns trägt, stellen wir uns vielleicht ziemlich handfest vor. Dass er uns trägt wie Wasser – das ist das bessere Bild, denke ich. Wenn Kinder oder auch Erwachsene schwimmen lernen, denken wir oft zu technisch, es würde nur um Bewegungen und deren Koordination gehen. Das Entscheidende ist aber, eine Erfahrung mit dem Wasser zu machen: Es trägt dich, wenn du dich tragen lassen kannst.

Sie haben einmal gesagt: »Manchmal liegt das Glück darin, Widersprüchliches auszuhalten.« 

Das glaube ich, ja. Ist das nicht zum Beispiel in der Liebe so, dass wir auch widersprüchliche Gefühle zur Geliebten oder zum Geliebten haben? Da auf Eindeutigkeit zu drängen, kommt mir oft gewaltsam vor, manchmal der sicherste Weg, dass es auseinanderfliegt. Wenn der Partner, die Partnerin Ambivalenz aushalten kann, kann das ein überströmendes Gefühl des Glücks, des Verstandenwerdens auslösen. Und es kann dabei helfen, die Ambivalenz zu überwinden. Aber leicht ist das nicht.

Auch Ihr eigenes Leben ist, wenn man so will, ambivalent. Sie sind nicht nur Schriftsteller, Sie sind auch Lehrer. Es gibt eine Gemeinsamkeit mit Ihrer Figur Lukas: Auch an Ihnen zupft und zerrt die Außenwelt. Empfinden Sie das als Konkurrenz zum Schreiben? 

Eher als Ergänzung. In beiden Bereichen werde ich ganz unterschiedlich gefordert, kann ich verschiedene Seiten von mir ausleben. Als Lehrer muss ich große Gruppen für etwas begeistern, gedanklich mitnehmen. Da ist Leben, Unruhe, Energie. Als Autor kann ich mich ganz in meine Geschichte hineinbegeben, Erlebtes verarbeiten. Da ruhe ich nicht eher, als bis ich die richtigen Worte gefunden habe. Ich möchte keines meiner zwei Standbeine missen – beide können auch Spielbeine sein.

Würden Sie einem jungen Menschen eine Auszeit im Kloster empfehlen? 

Unbedingt. In meiner Schule fahren wir regelmäßig auf Klostertage. Das ist für die Fragen nach Sinn und Identität sehr wertvoll. Ein längerer Einzelaufenthalt kann das noch deutlich vertiefen. Junge Menschen haben heute viele Ängste, gerade weil sie so viele Informationen haben. Bei zigtausend möglichen Studienoptionen, wie finde ich die richtige? Bei tausend möglichen Partnern gibt es immer einen, der noch besser passt: Wie ist in so einer Welt eine verlässliche Bindung möglich? Kloster kann helfen, die eigenen Ängste anzuschauen, aber sich von ihnen nicht bestimmen zu lassen. Dieser Rahmen, den ein Kloster auf vielen Ebenen setzt, tut sehr gut.

Wenn Sie sich wünschen könnten, was dieser Roman bei Ihren zukünftigen Lesern und Leserinnen bewirkt, was wäre es? 

Dass sie das Gefühl haben, etwas Tiefes über Menschen – ob sie nun Mönche sind oder nicht – zu erfahren, was sie – die Leser und Leserinnen – anregt, über sich selbst nachzudenken. Produktive, öffnende, bereichernde Gedanken.

Die Fragen stellte Ursula Baumhauer

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