„Alles, was jetzt nicht sichtbar wird, ist enttäuschend und auch existenzgefährdend für uns Verleger und unsere Autoren“
„So stehen unsere Bücher nun als Obdachlose vor verschlossenen Türen“ – mit diesem „offenen Brief an unsere Freunde im Buchhandel“ hatte sich Lothar Schirmer in der vergangenen Woche zu Wort gemeldet. Das war Anlass für uns, heute bei dem Münchner Verleger noch einmal nachzufragen:
Lothar Schirmer: „Wann wäre ein Sachbuchpreis für einen Autor und seinen Verleger wichtiger gewesen als in diesem Jahr?“ (Foto: Michaela Angermair)
BuchMarkt: Der Brief ist raus, und hinterher fällt auf, dass damit längst nicht alles gesagt ist?
Lothar Schirmer: Das ist tatsächlich der Fall, ich hätte noch ansprechen sollen, dass ich mich über unseren Verband gewundert habe. In seinem umfangreichen Forderungskatalog an die Politik hat er versäumt, die überlebenswichtige Wiedereröffnung der Läden zu fordern. Denn der Politik ist sichtlich nicht klar, dass Bücher für viele mehr als Lebensmittel sind, und für uns sind offene Läden überlebenswichtig
Ist der Leser nicht mündig genug, sich diese geistige Nahrung selber zu besorgen?
Es ist großartig, dass die Buchhändler so vielfältige Aktivitäten entfaltet haben, um die Menschen mit Büchern, von denen sie wissen, dass es sie gibt und dass sie sie brauchen, zu versorgen. Warum über diese Aktionen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, will mir nicht einleuchten. Kunst und Kultur stehen unter besonderem Schutz des Grundgesetzes. Und sich dafür engagieren kann man in aller Öffentlichkeit, es wäre gut, wenn der Börsenverein seine Mitglieder ermuntern würde.
Sie haben es mit Ihrem Brief versucht …
… aber das war halt nur eine, meine Stimme, aber es gab angenehme und ermutigende Reaktionen. Und einig waren wir uns alle über Amazon. Das ist niederschmetternd, fast ein Fall von Hochverrat.
Der Buchhandel vor Ort nutzt das recht erfolgreich, um seinen Kunden deutlich zu machen, dass es eine Bestellalternative zu Amazon gibt.
Aber die Neuerscheinungen bleiben obdachlos, das ist, wie wenn man die Geburtshilfe einstellen würde – wir werden auf dieses spezielle Problem der unterlassenen Geburtshilfe noch gesondert hinweisen und die Presse aufrufen, diesem Zustand entgegenzuwirken.
Die Presse hat ihre eigenen Probleme.
Ja, aber durch den Ausfall von Opern- und Theateraufführungen und Sportereignissen etc. hat sie vielleicht jetzt auch mehr Platz, sich Buchneuerscheinungen zuzuwenden, die es in sich haben.
Viele Verlage reagieren darauf mit redaktionellen Angeboten an die Medien.
Auch wir werden in einer speziellen Aktion die Presse darauf hinweisen und die örtlichen Buchhandlungen sollten es ebenfalls tun. Die Situation bei den elektronischen Medien ist im Übrigen sehr ähnlich, jedenfalls, was die Berichterstattung zu Neuheiten anbetrifft. Aus diesem Grund werden wir unser neues Notre-Dame-Buch mit einem Video promoten. Der steht natürlich auch allen Buchhandlungen zur Verfügung und ist ab kommenden Mittwoch auf unserer Website abrufbar. Dann gibt es dort auch einen kleinen Film über all unsere Frühjahrsneuerscheinungen.
Unter denen das wichtigstes Buch Ihre Reden aus 46 Jahren Verlegertätigkeit sind?
Durch Klick auf Cover zum Verlagsprogramm
Über mein Künstler – Reden und Vorträge ist mir natürlich wichtig, aber natürlich nicht das wichtigste. Viel, viel wichtiger ist mir jetzt: Alles, was jetzt nicht sichtbar wird, ist enttäuschend und auch existenzgefährdend für uns Verleger und unsere Autoren“.
Enttäuschend fand ich übrigens auch die Absage der Verleihung des Sachbuchpreises 2020 unter dem Vorwand, die Jury könne unter diesen Bedingungen keine Entscheidung fällen. Nachdem nun schon alle politischen Gremien ihre Entscheidungen über Videokonferenzschaltung treffen und wir unsere Vertreterkonferenz ebenso organisieren, ist doch nicht einzusehen, warum eine Jury nicht eine Entscheidung treffen könnte mit den gleichen Hilfsmitteln. Und die Frage ist sicher erlaubt: Wann wäre ein Sachbuchpreis für einen Autor und seinen Verleger wichtiger gewesen als in diesem Jahr?
So weit hatte ich gar nicht gedacht…
Der Verdacht liegt nahe, dass sich hier menschliche Trägheit mit anderen negativen menschlichen Eigenschaften zu – einem Bündel verknotet, das dann unter dem Etikett der Volksfürsorge auftritt.
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