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Thilo Schmid: „Jedes vierte Kind. Ein Systemversagen. Und unsere Mitverantwortung.“

Thilo Schmid (Foto: Patrick Ludolph)
Thilo Schmid (Foto: Patrick Ludolph)

„Stellen Sie sich vor: Auf der Autobahn ist jedes vierte Fahrzeug nicht fahrtüchtig. Nicht nach einem Unfall. Sondern weil niemand dem Fahrer das Fahren beigebracht hat. Was wäre das für ein Chaos?“ Die Verlegerin unseres Medienhauses Oetinger Julia Bielenberg stellt diese Frage gerne — und sie trifft jedes Mal. Denn genau das passiert gerade, nur dass wir es nicht sehen, weil es sich nicht auf Asphalt abspielt, sondern in Klassenzimmern.

Jedes vierte Kind in Deutschland verlässt die Grundschule, ohne sinnentnehmend lesen zu können. Nicht in einzelnen Problemvierteln. Im Durchschnitt. Im Land von Gutenberg. Das ist kein Randproblem. Das ist Systemversagen.

Ich höre das Wort „Krise“ in unserer Branche oft. Lesekrise. Bildungskrise. Medienkrise. Ich glaube, wir sollten dieses Wort aufgeben — nicht weil die Lage gut wäre, sondern weil „Krise“ uns in eine passive Haltung drängt. Krisen geschehen uns. Situationen gestalten wir.

Und die Situation ist klar: Die PISA-Ergebnisse werden seit zwei Jahrzehnten nicht besser. Leseförderprogramme wie die Lesestarter-Aktionen wurden zuletzt still gestrichen. Was heute an Fundament fehlt, zahlen wir in zehn Jahren mit Zinsen zurück — in der Ausbildung, auf dem Arbeitsmarkt, in der gesellschaftlichen Teilhabe.

Lesen ist kein Hobby. Geschichten sind kein Luxus. Sie sind der Rohstoff, aus dem Demokratie gemacht wird.
Kinder, die Geschichten kennen, die Sprache beherrschen, die Perspektivwechsel erlebt haben — die sind widerstandsfähiger. Gegen Desinformation. Gegen Antisemitismus. Gegen Extremismus. Gegen die Verführung durch einfache Antworten auf komplexe Fragen. Das klingt groß. Es fängt aber ganz konkret an: mit einem Kind, das eine Geschichte erlebt. Das versteht, was es liest, hört oder sieht. Das sich eine Welt vorstellen kann, die anders ist als die, in die es hineingeboren wurde.

Pippi Langstrumpf ist das Freiheitsprinzip in Kinderschuhen. Katniss Everdeen ist deshalb gefährlich, weil sie die Geschichte anders rahmt — weil sie Menschen daran erinnert, dass eine andere Welt möglich ist. Diese Kraft steckt nicht nur im gedruckten Buch. Sie steckt im Hörbuch, das ein Kind auf dem Schulweg begleitet. Im Podcast, der eine Jugendliche um drei Uhr nachts nicht schlafen lässt. Im Theaterstück, das eine ganze Klasse zum ersten Mal gemeinsam berührt. Im Song, der eine Emotion in Worte fasst, für die jemand selbst keine gefunden hätte.
Geschichten wirken in vielen Formaten. Was zählt, ist nicht das Medium — was zählt, ist, ob sie ankommen.

Aber dann müssen wir auch ehrlich sein — mit uns selbst. Wir als Branche haben lange auf staatliche Unterstützung gehofft. Zu Recht, könnte man sagen — Leseförderung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber es wäre bequem und falsch, dabei stehen zu bleiben. Fördergelder kommen und gehen, Programme werden gestrichen, Prioritäten verschieben sich. Was bleibt, sind wir — und die Frage, ob wir wirklich alles tun, um die Menschen zu erreichen, die wir erreichen wollen.

Raus aus dem Elfenbeinturm. Nah an die Menschen. Zuhören, was sie bewegt, was sie brauchen, was sie begeistert. Und dann liefern — nicht was wir für richtig halten, sondern was wirklich zündet. Attraktive Inhalte, in den Formaten, auf den Kanälen, mit den Themen, die heute relevant sind. Nicht warten, bis jemand kommt und uns dabei hilft. Einfach machen.

Verlage entscheiden täglich: Welche Geschichte kommt ins Programm? Welches Format erreicht wen? Buchhandlungen entscheiden: Was liegt im Regal, was wird empfohlen, was landet in Kinderhänden? Das klingt klein. Es ist es nicht. Jede dieser Entscheidungen ist ein Schmetterlingsflügelschlag — mancher stärkt ein Kind, eine Familie, eine Gemeinde, eine Demokratie. Wir wissen oft erst im Nachhinein, welcher es war.

Und doch treibt mich noch eine andere Frage um — eine ketzerische, die ich trotzdem stellen will. Was wäre, wenn wir alle Probleme lösten? Wenn es keine sozioökonomischen Unterschiede mehr gäbe, keine Sprachbarrieren, keine überfüllten Klassen, keine gestressten Eltern, keine unterfinanzierten Bibliotheken? Wenn wir ideale Bedingungen hätten — würden dann alle lesen?

Ich bin nicht sicher. Und das macht mir fast mehr Sorgen als das Systemversagen.
Denn es gibt noch eine andere Herausforderung, über die wir in der Branche ungern sprechen: Was ist mit denen, die lesen könnten — aber es schlicht nicht wollen? Die in einer Welt aufwachsen, in der jede Sekunde ein Feed wartet, der keine Anstrengung kostet, kein Ausharren, kein Sich-Einlassen? Ist es möglich, dass wir — wenn wir alle strukturellen Hürden überwunden hätten — auf eine noch tiefere Frage stoßen würden: die Frage nach dem Willen?

Das wäre die unbequemste Antwort von allen. Sie würde bedeuten: Wir müssen nicht nur den Zugang schaffen. Wir müssen Lust machen. Echte Lust — nicht auf das Lesen als Pflicht oder als Bildungsauftrag, sondern auf Geschichten als das, was sie im besten Fall sind: das Aufregendste, was ein Mensch erleben kann.
Und das, ehrlich gesagt, ist keine politische Aufgabe. Das ist unsere.

Ich kenne wenige Branchen, in denen Menschen so aus echtem Glauben heraus arbeiten. Nicht des Geldes wegen — das wäre anderswo leichter. Sondern weil sie überzeugt sind, dass das, was sie tun, zählt. Das ist selten. Das ist kostbar. Und das ist der Grund, warum ich glaube: Diese Branche hat eine Kraft, die größer ist als die Summe ihrer Teile.

Nutzen wir sie. Nicht für Positionspapiere und Förderanträge. Sondern für das, wofür wir angetreten sind: Geschichten, die ankommen. In Büchern, Hörspielen, Apps, auf der Bühne, im Stream — in welchem Format auch immer, das ein Kind heute erreicht. Bei den Menschen, die sie brauchen. In einer Gesellschaft, die sie dringend gebrauchen kann.

Pippi würde sagen: Na dann. Los.

Thilo Schmid ist Geschäftsführer des Medienhauses Oetinger, einem der größten unabhängigen Kinder- und Jugendmedienhäuser im deutschsprachigen Raum.

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