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Thilo Schmid: „Jedes vierte Kind. Ein Systemversagen. Und unsere Mitverantwortung.“

„Stellen Sie sich vor: Auf der Autobahn ist jedes vierte Fahrzeug nicht fahrtüchtig. Nicht nach einem Unfall. Sondern weil niemand dem Fahrer das Fahren beigebracht hat. Was wäre das für ein Chaos?“ Die Verlegerin unseres Medienhauses Oetinger Julia Bielenberg stellt diese Frage gerne — und sie trifft jedes Mal. Denn genau das passiert gerade, nur dass wir es nicht sehen, weil es sich nicht auf Asphalt abspielt, sondern in Klassenzimmern.

Jedes vierte Kind in Deutschland verlässt die Grundschule, ohne sinnentnehmend lesen zu können. Nicht in einzelnen Problemvierteln. Im Durchschnitt. Im Land von Gutenberg. Das ist kein Randproblem. Das ist Systemversagen.

Ich höre das Wort „Krise“ in unserer Branche oft. Lesekrise. Bildungskrise. Medienkrise. Ich glaube, wir sollten dieses Wort aufgeben — nicht weil die Lage gut wäre, sondern weil „Krise“ uns in eine passive Haltung drängt. Krisen geschehen uns. Situationen gestalten wir.

Und die Situation ist klar: Die PISA-Ergebnisse werden seit zwei Jahrzehnten nicht besser. Leseförderprogramme wie die Lesestarter-Aktionen wurden zuletzt still gestrichen. Was heute an Fundament fehlt, zahlen wir in zehn Jahren mit Zinsen zurück — in der Ausbildung, auf dem Arbeitsmarkt, in der gesellschaftlichen Teilhabe.

Lesen ist kein Hobby. Geschichten sind kein Luxus. Sie sind der Rohstoff, aus dem Demokratie gemacht wird.
Kinder, die Geschichten kennen, die Sprache beherrschen, die Perspektivwechsel erlebt haben — die sind widerstandsfähiger. Gegen Desinformation. Gegen Antisemitismus. Gegen Extremismus. Gegen die Verführung durch einfache Antworten auf komplexe Fragen. Das klingt groß. Es fängt aber ganz konkret an: mit einem Kind, das eine Geschichte erlebt. Das versteht, was es liest, hört oder sieht. Das sich eine Welt vorstellen kann, die anders ist als die, in die es hineingeboren wurde.

Pippi Langstrumpf ist das Freiheitsprinzip in Kinderschuhen. Katniss Everdeen ist deshalb gefährlich, weil sie die Geschichte anders rahmt — weil sie Menschen daran erinnert, dass eine andere Welt möglich ist. Diese Kraft steckt nicht nur im gedruckten Buch. Sie steckt im Hörbuch, das ein Kind auf dem Schulweg begleitet. Im Podcast, der eine Jugendliche um drei Uhr nachts nicht schlafen lässt. Im Theaterstück, das eine ganze Klasse zum ersten Mal gemeinsam berührt. Im Song, der eine Emotion in Worte fasst, für die jemand selbst keine gefunden hätte.
Geschichten wirken in vielen Formaten. Was zählt, ist nicht das Medium — was zählt, ist, ob sie ankommen.

Aber dann müssen wir auch ehrlich sein — mit uns selbst. Wir als Branche haben lange auf staatliche Unterstützung gehofft. Zu Recht, könnte man sagen — Leseförderung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber es wäre bequem und falsch, dabei stehen zu bleiben. Fördergelder kommen und gehen, Programme werden gestrichen, Prioritäten verschieben sich. Was bleibt, sind wir — und die Frage, ob wir wirklich alles tun, um die Menschen zu erreichen, die wir erreichen wollen.

Raus aus dem Elfenbeinturm. Nah an die Menschen. Zuhören, was sie bewegt, was sie brauchen, was sie begeistert. Und dann liefern — nicht was wir für richtig halten, sondern was wirklich zündet. Attraktive Inhalte, in den Formaten, auf den Kanälen, mit den Themen, die heute relevant sind. Nicht warten, bis jemand kommt und uns dabei hilft. Einfach machen.

Verlage entscheiden täglich: Welche Geschichte kommt ins Programm? Welches Format erreicht wen? Buchhandlungen entscheiden: Was liegt im Regal, was wird empfohlen, was landet in Kinderhänden? Das klingt klein. Es ist es nicht. Jede dieser Entscheidungen ist ein Schmetterlingsflügelschlag — mancher stärkt ein Kind, eine Familie, eine Gemeinde, eine Demokratie. Wir wissen oft erst im Nachhinein, welcher es war.

Und doch treibt mich noch eine andere Frage um — eine ketzerische, die ich trotzdem stellen will. Was wäre, wenn wir alle Probleme lösten? Wenn es keine sozioökonomischen Unterschiede mehr gäbe, keine Sprachbarrieren, keine überfüllten Klassen, keine gestressten Eltern, keine unterfinanzierten Bibliotheken? Wenn wir ideale Bedingungen hätten — würden dann alle lesen?

Ich bin nicht sicher. Und das macht mir fast mehr Sorgen als das Systemversagen.
Denn es gibt noch eine andere Herausforderung, über die wir in der Branche ungern sprechen: Was ist mit denen, die lesen könnten — aber es schlicht nicht wollen? Die in einer Welt aufwachsen, in der jede Sekunde ein Feed wartet, der keine Anstrengung kostet, kein Ausharren, kein Sich-Einlassen? Ist es möglich, dass wir — wenn wir alle strukturellen Hürden überwunden hätten — auf eine noch tiefere Frage stoßen würden: die Frage nach dem Willen?

Das wäre die unbequemste Antwort von allen. Sie würde bedeuten: Wir müssen nicht nur den Zugang schaffen. Wir müssen Lust machen. Echte Lust — nicht auf das Lesen als Pflicht oder als Bildungsauftrag, sondern auf Geschichten als das, was sie im besten Fall sind: das Aufregendste, was ein Mensch erleben kann.
Und das, ehrlich gesagt, ist keine politische Aufgabe. Das ist unsere.

Ich kenne wenige Branchen, in denen Menschen so aus echtem Glauben heraus arbeiten. Nicht des Geldes wegen — das wäre anderswo leichter. Sondern weil sie überzeugt sind, dass das, was sie tun, zählt. Das ist selten. Das ist kostbar. Und das ist der Grund, warum ich glaube: Diese Branche hat eine Kraft, die größer ist als die Summe ihrer Teile.

Nutzen wir sie. Nicht für Positionspapiere und Förderanträge. Sondern für das, wofür wir angetreten sind: Geschichten, die ankommen. In Büchern, Hörspielen, Apps, auf der Bühne, im Stream — in welchem Format auch immer, das ein Kind heute erreicht. Bei den Menschen, die sie brauchen. In einer Gesellschaft, die sie dringend gebrauchen kann.

Pippi würde sagen: Na dann. Los.

Thilo Schmid ist Geschäftsführer des Medienhauses Oetinger, einem der größten unabhängigen Kinder- und Jugendmedienhäuser im deutschsprachigen Raum.

7 Kommentare

  1. Lieber Herr Schmid, Ihr Beitrag ist genial! Vielen Dank! Ich meine, er sollte bei allen Politkerinnen und Politikern auf dem Schreibtisch landen ( und nicht nur bei jenen, die für Kultur zuständig sind). Ich versuche auch als Lesefuchs einen kleinen Beitrag in einer Münchner Grundschule zu leisten. Ja, man kann Kinder für Geschichten begeistern!

  2. Ich hätte unter diesem wichtigen Artikel eines nicht erwartet: dass nämlich kein einziger Kommentar seine Dringlichkeit, Aktualität und absolute Notwendigkeit hervorhebt! In so vielen Bereichen ist mittlerweile spürbar, dass wir es versäumt haben, Kindern, Jugendlichen – und nicht zu vergessen: Erwachsenen, denn es ist nie zu spät – nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den vielfältigen Nutzen des Lesens zu vermitteln. Zum Spaß, zur Weltflucht etc. liest ja so manche(r). Aber man versteht das Leben besser, man begreift eher, was in der Welt, in der Politik, in der Gesellschaft vor sich geht, wenn man durchs Lesen gelernt hat, komplexe Zusammenhänge zu entwirren, zu durchschauen. Man lässt sich nicht so leicht an der Nase herum- und ver-führen. Sich in ein Thema, in einen Text hineingearbeitet haben, die Gedanken, die Absicht des Autors erfasst und verstanden zu haben. Das ist am Ende eine Befriedigung, die nicht vergleichbar ist mit allem, was social media, youtube oder Netflix & Co. anbieten. Bringt den Kindern nicht nur das Lesen bei, sondern zeigt ihnen, was sie verpassen, wenn sie es nicht eigenständig und neugierig tun. Was sie sich selbst damit antun, nur passiv und ungefiltert digital zu konsumieren.
    Danke für den Artikel.
    Bitte irgendwie breiter streuen, als nur an BuchMarkt-Leserinnen und Leser.

  3. Lieber Thilo Schmid, Sie sprechen mir aus dem Herzen!
    Sie haben das Eigentliche, Wesentliche angesprochen und und Lust auf „Los“ gemacht.
    Ich hoffe auf viele Follower!
    Monika Thaler
    (vor Urzeiten Kinderbuch-Lektorin und Verlegerin von „Frederking&Thaler Verlag“)

  4. Thilo Schmid hat mit seiner Analyse des Problems recht: Es ist nicht hinnehmbar, dass jedes vierte Kind die Grundschule verlässt, ohne sinnentnehmend lesen zu können. Und selbstverständlich sind Geschichten weit mehr als Unterhaltung. Sie fördern Sprache, Fantasie und Empathie.
    Doch genau an diesem Punkt beginnt das Missverständnis.
    Seit Jahrzehnten diskutieren wir darüber, wie wir Kinder zum Lesen bringen. Wir entwickeln Förderprogramme, Kampagnen, Aktionen und immer neue Konzepte. Und seit Jahrzehnten verschlechtern sich die Leistungen. Vielleicht wäre es endlich an der Zeit, sich einzugestehen, dass nicht die Kinder das Problem sind – sondern unser Blick auf sie.
    Der Beitrag von Thilo Schmid steht beispielhaft für genau dieses Denken. Wieder geht es darum, was Erwachsene erreichen wollen. Wieder suchen Erwachsene nach Wegen, Kindern Lust auf das Lesen zu machen. Wieder wird darüber gesprochen, wie wir Kinder fördern können.
    Kaum jemand stellt dagegen die entscheidende Frage: Wie entwickeln sich Kinder überhaupt?
    Die Entwicklungspsychologie gibt darauf seit Langem eine klare Antwort. Kinder lernen nicht deshalb, weil Erwachsene die richtige Methode gefunden haben. Sie lernen, weil sie von sich aus verstehen wollen. Entwicklung lässt sich nicht verordnen. Sie lässt sich nicht organisieren. Und sie lässt sich schon gar nicht durch immer neue Förderprogramme herstellen.
    Lesen ist deshalb nicht der Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis einer gelungenen Entwicklung. Kinder müssen nicht zum Lesen überredet werden. Sie müssen in einer Umgebung aufwachsen, in der Sprache lebendig ist, Geschichten berühren, Erwachsene zuhören und Neugier wachsen darf. Erst dann entsteht der Wunsch, selbst lesen zu können.
    Genau deshalb sind viele Leseförderprogramme der vergangenen Jahrzehnte weit hinter ihren Erwartungen geblieben. Sie setzen bei Defiziten an, statt bei der Entwicklung des Kindes. Sie folgen der Logik: Wir wissen, was Kinder können sollen – jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie wir sie dorthin bringen. Diese Denkweise hat uns in die heutige Situation geführt.
    Umso mehr hätte ich mir von einem Geschäftsführer eines der bedeutendsten Kinder- und Jugendmedienhäuser Deutschlands eine andere Perspektive gewünscht. Wer sich täglich mit Kindern, Geschichten und Bildung beschäftigt, sollte nicht zuerst fragen, wie man Kinder für das Lesen begeistert. Die wichtigere Frage lautet: Was brauchen Kinder in ihrer Entwicklung, damit sie überhaupt Leser werden wollen?
    Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Paradigmenwechsel, den unser Bildungssystem so dringend braucht. Weniger Vertrauen in Programme, Kampagnen und gut gemeinte Fördermaßnahmen. Mehr Vertrauen in die Entwicklung des Kindes.
    Denn Bildung beginnt nicht mit unseren Zielen.
    Sie beginnt immer beim Kind.

    1. Vielen Dank für diese Replik – und für die Perspektive, die Sie einbringen.

      Sie haben recht. Kinder lernen nicht, weil wir die richtige Methode gefunden haben. Sie lernen, weil sie verstehen wollen. Weil etwas in ihnen antwortet. Weil sich eine Frage in ihnen formuliert hat. Das ist der Kern – und ehrlich gesagt auch der Kern unserer Arbeit.

      Wenn ich von Mitverantwortung spreche, meine ich nicht, Kinder durch Programme zum Lesen zu steuern. Ich meine, Erfahrungsräume zu schaffen – Geschichten, die wirklich ankommen. Nicht weil wir als Erwachsene entschieden haben, dass sie gut für Kinder sind, sondern weil Kinder uns zeigen, was sie bewegt.

      Das versuchen wir ernst zu nehmen: Wir entwickeln Themen und Produkte immer mehr gemeinsam mit Kindern. Sie sind keine Zielgruppe – sie sind diejenigen, von denen wir lernen. Was beschäftigt sie? Was mutet ihnen die Welt gerade zu? Was stärkt sie, was lässt sie nicht los? Diese Fragen stellen wir ihnen direkt. Und wir hören zu.

      Genau das, was Sie einfordern, versuchen wir im Medienhaus Oetinger zu leben: weniger Vertrauen in Programme, mehr Vertrauen in die Entwicklung des Kindes – und in das, was Kinder uns sagen, wenn wir wirklich zuhören. Mehr Vertrauen in die Kinder.

      Ihr letzter Satz trifft es gut: Bildung beginnt beim Kind. Gute Geschichten auch.

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