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Tote tragen keine Makros: Literaturagent Thomas Montasser über Vertrauen auf dem Buchmarkt

Thomas Montasser (Foto: Mariam Montasser)
Thomas Montasser (Foto: Mariam Montasser)

„Spannung geht immer“ ist so ein Satz, den man in Verlagsgesprächen gerne mal hört. Stimmt so nicht mehr, schon seit einigen Jahren, wenn Sie mich fragen. Aber trotzdem prüfe ich Spannungsstoffe immer wieder gerne. Erstens lese ich gerne auch mal einen Krimi oder Thriller, zweitens bin ich neugierig, ob in dem Genre, in dem ja nun wirklich alles schon erfunden wurde, nicht doch irgendeine gewitzte Autorin oder ein cleverer Autor einen neuen Dreh gefunden hat. Gab’s ja immer mal wieder. Ingrid Noll hat einst eine ältere Dame zur Heldin eines Täterkrimis gemacht und damit zumindest für sich ein neues Subgenre erfunden. Leonie Swann hat den Schafs-, Wolfgang Zdral den Schweinekrimi erfunden. Mehrere Autoren teilen sich den Ruhm, als erste und einzige den Wissenschaftsthriller geboren zu haben. Ähnliches gilt für den Klimathriller … Aber ich schweife ab. Denn in diesem Stück geht es nicht um Spannungsliteratur. Das war bloß der konkrete Anlass für die Prüfung einer Einsendung.

Sehr geehrte Agentur Montasser,

ich möchte Ihnen meinen Roman „Kaltgemacht“ (Titel geändert, Anm. d. Red.) vorstellen, einen Polit-Thriller, der in der nahen Gegenwart spielt. Es geht darin um die Frage, wie die zunehmende Radikalisierung und der durch Algorithmen befeuerte Hass unsere Gesellschaft in den Abgrund reißen. Meine Heldin …

Will ich lesen. Klar. Ist ein Thema, das mich auch interessiert. Darum geht es zwar bei der Prüfung unverlangt eingesandter Manuskripte nicht (sondern um die Frage, ob man es verkaufen kann). Aber man ist schließlich auch nur ein Mensch. Und da springt man auf manche Dinge eben eher an als auf andere. Zum Beispiel auf Spannungsstoffe, die zusätzlich noch gesellschaftliche Relevanz versprechen.

Ich öffne die angehängte Datei und begebe mich in den „Jetzt-einfach-mal-unbefangen-das-Beste-erwarten-Modus“.

Und schließe die Datei 15 Sekunden später wieder.

Wie jetzt? Der Agent erkennt in 15 Sekunden, ob ein Text gut ist oder nicht? Oder ob er verkäuflich ist oder nicht?

Nein. Kein Agent kann das. Man kann schnell prüfen. Man weiß oft nach sehr kurzem, ob man der Richtige ist für ein Projekt und ob es dafür überhaupt einen Markt gibt. Aber man muss schon lesen und Zeit investieren.

Was war es dann hier?

Lieber Autor,

wenn Sie vielleicht zufällig diese Kolumne lesen, könnte es sein, dass Sie sich wiedererkennen. Ich habe Ihr Anschreiben nur soviel abgewandelt, dass es Dritten keinen Einblick in Ihr tatsächliches Projekt gibt. Sie haben sich schließlich vertrauensvoll an mich gewendet. Und ich möchte Ihr Vertrauen nicht missbrauchen.

Dass ich Ihnen hiermit absage, hat auch etwas mit Vertrauen zu tun.

Der Autor hat sich nämlich Mühe gegeben, sein Manuskript hübsch zu schmücken. Nun ja, ein bisschen Mühe: Er hat die KI ein – ziemlich gut gemachtes – Titelbild dazu kreieren lassen. Richtiger Gedanke, falsches Mittel.

Auch wir schicken unsere Angebote an Verlage gerne gut gestaltet raus, oft auch mit einem Titelblatt. Ist ja keine neue Erkenntnis, dass das Auge mitisst. Will ich den Appetit auf einen Stoff anregen, sollte ich ihn lecker präsentieren. Soweit so gut. Allerdings arbeiten wir noch mit Fotos, Typo, Grafiken, hie und da ein wenig Clip-Art. Bastelarbeit irgendwo zwischen Grundschul-Kunstunterricht und Blockseminar für die Design-Hochschul-Erstsemester. KI würde ich da nicht ranlassen. Warum?

Weil ich in dem Augenblick, in dem ich ein Manuskript mit KI gestalte, die Frage aufwerfe, ob es dann nicht auch mit KI geschrieben sein könnte. Wer sagt mir, dass ein mir unbekannter Autor, der sich nicht die Mühe macht, selbst zu designen, sich die viel größere Mühe macht, ein ganzes Buch zu schreiben? Wenn er designen lässt, dann kann er doch auch gleich schreiben lassen.

In dem Moment aber ist es für uns kein Projekt mehr, das irgendwie in Betracht kommt. Wer die KI schreiben lässt, soll auch die KI vermitteln und verlegen und am besten kaufen lassen. Ein geschlossener Kreislauf, in dem sich Computerprogramme mit sich selbst vergnügen.

Für uns bleibt Literatur etwas, das von Menschen für Menschen gemacht sein sollte. Auch das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Immerhin vertraue ich beim Lesen eines Buchs einen nicht ganz unbedeutenden Teil meiner Lebenszeit einer Autorin bzw. einem Autor an. Ihre Gedanken werden zu meinen, sie erzeugen Bilder, Töne, Erlebnisse in meinem Kopf, greifen auf meine Emotionen zu. Ich öffne mich ihrem Einfluss, erlaube ihnen, mich zu manipulieren. Es ist ein Pakt, der auf einem Vertrauensvorschuss basiert. Und der wiederum basiert auf einer simplen, aber entscheidenden Gewissheit: Wir sind alle Menschen. Wo diese Gewissheit fehlt, fehlt die Basis für Vertrauen. Selbst bei knallharten Thrillern. Möglicherweise sogar ganz besonders da. Tote tragen keine Makros!

Deshalb: Schreiben Sie selbst. Gestalten Sie selbst. Es trägt zu Ihrer Wertschätzung nicht nur als Autor/in bei, sondern auch als Mensch!

In praktisch allen Verträgen, die heute im Verlagswesen abgeschlossen werden, versuchen sich die Beteiligten davor zu schützen, auf KI-Anwendungen hereinzufallen: Die Verlage lassen sich versichern, dass die Texte auch wirklich von der Autorin/vom Autor geschrieben wurden und nicht von einer KI, die Autorenseite lässt sich versichern, dass die Texte nicht ohne Einwilligung durch KI bearbeitet oder zu KI-Trainingszwecken missbraucht werden.

Das ist gut und richtig, denn wir alle wissen nicht, was kommen wird. Wir wissen nur, was bisher war. Und das ist ein gigantischer Raubzug der Tech-Industrie am geistigen Eigentum von Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt. Auf der Basis dieser Erfahrung kann keiner erwarten, dass wir zu Vertrauensvorschüssen bereit sind.

Das ist, lieber Autor, das Problem, das ich mit Ihrer Einsendung hatte. Vielleicht haben Sie den Text wirklich selbst geschrieben. Ich hoffe, dass es so ist. Aber mir fehlt das Vertrauen, um Zeit in die Prüfung zu investieren. Noch gehe ich davon aus, dass ich einen KI-generierten Roman von einem menschengeschriebenen unterscheiden kann. Aber auch dazu müsste ich erst einmal ein Stück lesen. Und selbst dann wird vielleicht immer noch Zweifel bleiben. Und dann? Sage ich eben doch ab – habe aber eine Stunde meiner Zeit verschwendet.

In der Hoffnung auf Ihr Verständnis und mit allen guten Wünschen

Thomas Montasser

4 Kommentare

  1. Wie immer freue ich mich über die Ausführungen des Kollegen Montasser, weil sie mir eigentlich immer aus dem Herzen sprechen, seine Worte zu aktuellen Entwicklungen auf Agent:innenseite. Danke also dafür, lieber Thomas Montasser!

  2. Lieber Herr Montasser, vielen Dank für Ihren Beitrag. Leider finden sich, auch in Verlagen, etliche Menschen, die ihre eigentliche Arbeit der KI überlassen, ziemlich gedankenlos wie ich finde, und nicht merken, daß sie selbst arbeitslos machen werden. Die KI wird ihnen das Gehalt nicht zahlen.

  3. Wir kommen um die KI nicht herum – sie wird auch im Buchbereich Einzug halten und tut es schon. Damit meine ich nicht KI-Schrottbücher von Autoren, die mit der KI nicht umgehen können und glauben „1 Prompt = 1 Buch“, sondern etwas anderes: Die Trennlinie läuft nicht zwischen „KI ja“ und „KI nein“, sondern zwischen „KI schlecht und unangemessen nutzen“ und „KI sinnvoll und förderlich nutzen“. In diesem Bereich kann die KI heute schon Beachtliches leisten: Ein sprachliches wie auch ein inhaltliches Lektorat eines Buches durchführen, inhaltliche Fehler aufspüren und Fakten korrigieren, dazu Quellen nennen, umfangreiche Recherchen für die Erstellung des Inhalts durchführen, ein Korrektorat eines gelayouteten Textes durchführen, Covervorschläge machen und entwerfen und Layoutverbesserungen machen oder vorschlagen. All das ist unverzichtbar! Allein die zeitliche Einsparung zwischen „selbst recherchieren, Literatur suchen“ und „sich die wichtigsten Quellen von der KI nennen lassen“ liegt bei mehreren Wochen bis Monaten für einen Autor bei einem einzigen Buchprojekt! Das ist ein Time-to-market-Gewinn enormen Ausmaßes.

  4. Liebe Frau Dr. Klug, bei allem Respekt, aber genau diese Haltung ist das Problem! „Wir kommen um die KI nicht herum.“ – das ist Kapitulation, die man sich selbst und anderen schönredet.

    Natürlich kommen wir darum herum. Man muss es nur wollen!

    Man muss sich nur einmal Ihre Liste anschauen: Lektorat, Recherche, Korrektorat, Cover, Layout. Am Ende bleibt da von der eigenen Arbeit nicht mehr viel übrig, außer vielleicht ein paar Sätze, die man selbst getippt hat.

    Genau darum geht es ja. Delegiert man einzelne Arbeitsschritte, warum dann nicht gleich alles?

    Mit Ihrer „Zeitersparnis von mehreren Wochen bis Monaten“ liefern Sie ja den besten Beweis dafür, wie verlockend dieser Weg ist.

    Am Ende ist es aber nichts anderes als Selbstbetrug, wenn man Ergebnis dann auch noch „meine Recherche“ oder „mein Lektorat“ nennt.

    Dass die KI-Modelle mit gestohlenem geistigem Eigentum trainiert wurden, an unserem, an dem all der Autorinnen und Autoren, die sich jahrelang mit einem Text abgemüht haben – das erwähnen Sie mit keinem Wort.

    Jede noch so „sinnvolle“ Nutzung ist eine Legitimierung dieses Raubzugs, wie Herr Montasser es zu Recht nennt. Es gibt hier keine Grauzone.

    Entweder man steht für menschengemachte Literatur, oder man tut es nicht.

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