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Wenn die Schublade für potentielle Bestseller zu klein ist

Matthias Triebel (Foto: privat)

Matthias Triebel (53) ist ausgebildeter Buchhändler und seit 1999 in verschiedensten Verlagshäusern im Vertrieb aktiv. Nach einem Schicksalsschlag hat er ein High-Concept-Buch geschrieben und beschäftigt sich in einem Gastbeitrag bei BuchMarkt mit der Frage, warum Verlage so risikoscheu geworden sind.

Der Mut zum unkonventionellen Stoff sinkt drastisch. Die Ursachen dafür sind keine böse Absicht, sondern ein historischer Umbruch des Marktes, der belletristische Verlage von vier Seiten gleichzeitig in die Zange nimmt:

  • Explodierende Strukturkosten: Papierpreise, Logistik, Energie und die allgemeine Erhöhung der Preise für Dienstleister:innen haben die Herstellungskosten pro Buch massiv in die Höhe getrieben. Jedes physische Buch im Regal ist ein finanzielles Vorab-Risiko. Die Folge: Experimente werden gestrichen, man setzt lieber auf den x-ten Aufguss des bewährten Regionalkrimis oder auf den exakt gleichen Liebesroman. Es herrscht Stillstand.
  • Der Verlust klassischer Leser:innen an Digitalformate: Die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft. Klassische Vielleser:innen wandern ab – zu mundgerechten Social-Media-Häppchen, Streaming-Diensten oder voll-immersiven Digitalformaten. Ein anspruchsvolles, vielschichtiges Crossover-Buch verlangt dem Leser bzw. der Leserin Fokus ab. Vertriebe zögern daher bei allem, was sich nicht in zwei Sekunden einer extrem spitzen Zielgruppe zuordnen lässt.
  • Die Disruption durch KI: Künstliche Intelligenz schwemmt eine Welle von standardisierter, algorithmisch generierter Massenware auf den Markt. Viele Verlage reagieren darauf paradox: Statt einzigartige, unkopierbare menschliche Stimmen zu suchen, verbarrikadieren sie sich in noch starreren Marketing-Schablonen, um das vermeintlich „Sichere“ zu verlegen.
  • Das Fehlen des nächsten Megatrends: New Adult fängt an zu schwächeln, jeder noch so kleine Verlag springt auf den abwärts fahrenden Zug auf, um sich die letzten Umsatz-Krümel zu sichern. Alle und jeder ist auf der Suche nach einem Ersatz. Welcher neue Trend wird den Buchmarkt dieses Mal retten?

Das Resultat dieser Vierfach-Krise ist ein extremes Schubladendenken in den Verlagshäusern. Dass der globale Markt längst zeigt, dass die größten Erfolge genau zwischen den Schubladen entstehen, wird aus Angst vor dem wirtschaftlichen Risiko ignoriert. Und im Netz und im Direktgeschäft gibt es keine Regale.

Ein Blick auf das High-Concept-Genre

Der internationale Buchmarkt boomt mit sogenannten „High-Concept“-Stoffen – Geschichten, die Genresprengungen wagen und philosophische Tiefe mit Blockbuster-Spannung verbinden. Warum tut sich die deutschsprachige Verlagslandschaft mit innovativen Stoffen eigener Autor:innen so schwer? Und wie lässt sich dieses Dilemma durch authentische Narrative auflösen?

Der globale Buchmarkt erlebt eine Ära der erzählerischen Megatrends. Stoffe wie Cixin Lius „Die drei Sonnen“, Andy Weirs „Der Astronaut“ und „Der Marsianer“ oder Ted Chiangs „Story of Your Life“ (meisterhaft verfilmt als Arrival) beweisen, dass die Verschmelzung von globaler High-Concept-Epik, geopolitischen Krisenherden und intimen, existenziellen Psychodramen Millionen von Menschen fesselt. Doch während der angloamerikanische und asiatische Raum diese visionären Crossover-Stoffe feiert, herrscht in den Posteingängen deutscher Nachwuchsautor:innen, die Literaturagenturen und Publikumsverlage kontaktiert haben, oft nur das berüchtigte, monatelange Schweigen.

Der deutschsprachige Markt: Die Schablone als Sicherheitsnetz

Es ist paradox: Aufregende Stoffe aufstrebender Autor:innen gibt es zuhauf – und dennoch regiert in vielen deutschen Großverlagen die Sorge vor der Unverkäuflichkeit abseits der gelernten Warengruppen. Das Denken in starren Vertriebsschablonen führt dazu, dass Crossover-Stoffe oft als „marketingtechnisch schwer vermittelbar“ abgelehnt werden. Thriller müssen dem klassischen Ermittler:innen-Muster folgen, Sci-Fi wird häufig in die Nische verbannt und das ernste Drama darf keine spekulativen Elemente enthalten.

Wenn aber ein Buch „alles“ sein will oder erzählerisch sein muss – politischer Thriller, existentielle Tragödie und spekulatives High-Concept-Großprojekt –, fragt sich der Vertrieb: „Wo stellen wir das im Buchladen hin?“ Die Folge: Das Projekt wandert ungelesen auf den Slush Pile. Nicht, weil die Qualität fehlt, sondern weil die Vermarktungsschablone zu klein ist.

Wer also heute als neue:r Autor:in ein ambitioniertes, weltumspannendes Projekt anbietet, erlebt oft ein Phänomen, das man das „Deutsche-Autoren-Crossover-Paradoxon“ nennen könnte. Literaturagent:innen und Lektorate können die schiere Fülle der Manuskript-Einsendungen schlicht nicht bewältigen und reagieren mit Abwehr. Passt ein Exposé nicht zu 100% in das Konzept oder die Strukturschablone des Hauses hagelt es eine Standard-Absage oder wieder: Schweigen. Selbstschutz? Überforderung? Risikoaversion?

Die großen Verlagshäuser sichern sich die Rechte für High-Concept-Stoffe lieber risikofrei als Übersetzung aus dem Ausland. Wobei man bedenken muss: die Lizenzsummen internationaler Autor:innen wie Dan Brown, Stephen King oder Ken Follett werden mit jedem weiteren Buch sicher nicht schrumpfen. Und wie lange diese hocherfolgreiche Thriller-Autor:innen-Generation überhaupt noch literarisch aktiv sein wird, steht in den Sternen.
Einem einheimischen Debütanten wird im Vertrieb und Lektorat dagegen schlicht nicht zugetraut, einen Thriller mit der cineastischen Wucht eines internationalen Bestsellerautors selbst aufs Papier zu bringen.

Stattdessen regiert die Angst vor dem Crossover. Wer den Blick über den Tellerrand des deutschsprachigen Marktes hinauswirft, erkennt eine eklatante Diskrepanz in der Risikobereitschaft der Verlage. Während im angloamerikanischen Raum und auf dem asiatischen Markt Genremixe und visionäre Konzepte die Bestsellerlisten anführen und millionenschwere Verfilmungen nach sich ziehen, verharrt die hiesige Branche allzu oft in starren, allzu bewährten Mustern.

Warum sich das Risiko-Aversion-Karussell immer schneller dreht

Wie sieht dieses Dilemma an einem praktischen Beispiel aus? Mein Manuskriptprojekt „THE APPROACH“ fungiert hierfür als Fallstudie. Zum Inhalt: Mitten im globalen Chaos des Jahres 2032 – eingeleitet durch die atomare Vernichtung Seouls und das unaufhaltsame Herannahen eines fünf Kilometer großen außerirdischen Kubus – kämpft ein Münchner Stadtangestellter an einer zweiten, unsichtbaren Front: gegen ein aggressives Weichteilsarkom in seinem eigenen Körper.

Warum ich mich für dieses Szenario entschieden habe?

  1. Die geopolitische Katastrophe: Das Nuklear-Szenario bedient den klassischen Polit-Thriller. (Zielgruppe: Thriller-Leser:innen)
  2. Die kosmische Bedrohung: Der interstellare Kubus liefert das schiere Staunen und das Unbehagen des Unbekannten. (Zielgruppe: Leser:innen von Andy Weir und Cixin Liu)
  3. Die zelluläre Invasion: Die Krebsdiagnose bricht das Makro-Chaos auf die persönliche Ebene herunter. (Zielgruppe: Leser:innen anspruchsvoller Familiendramen)
  4. Die Own-Voice-Perspektive basiert auf den eigenen, tiefgreifenden existenziellen Erfahrungen des Autors mit der Krankheit.

Ich bin überzeugt: Die Talente im deutschsprachigen Raum für weltumspannende Thriller-Themen sind da. Die Verlage und Literaturagent:innen müssen diese nur (effektiver) nutzen.

Matthias Triebel, matthias.triebel.autor@gmx.de

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4 Kommentare

  1. Danke, lieber Mathias, für dieses Plädoyer!

    Als Midlist-Autor mit einem Programmplatz bei Aufbau Taschenbuch kann ich sehr gut nachvollziehen, was du sagst. Ich schreibe eine recht erfolgreiche Reihe (derzeit drei Bände, Nummer 4 ist in Arbeit), die grob als Klimathriller/Climate Fiction eingeordnet werden. Zugleich enthalten die Thriller aber Elemente von Spionage-, Polit-, Terrorismus- und Technothriller (beim großen A in all diesen Kategorien in den Top Ten). Das Set-up Grönland macht sie unique. Aber im Gegensatz den USA und GB, wo derlei Stoffe zunehmend in den Fokus der Verlage geraten, belegen sie hier nur eine Nische in der Nische. Weil es am Mut fehlt, sich in die Gewässer von Crossover und High Concept zu trauen. Es würde sich lohnen, denke ich, dort nach neuen, fesselnden Stoffen zu suchen.

    1. Lieber Roland,
      vielen Dank für deine wunderbaren Zeilen und deinen Beitrag in diesem Diskurs!
      Dein Erfolg bei Aufbau und deine Top-Ten-Platzierungen zeigen ja exakt, welches Erfolgspotenzial im High-Concept- und Crossover-Segment zu heben ist, wenn man die ausgetretenen Pfade der klassischen Warengruppen verlässt. Dein Grönland-Setting beweist, dass Leser nach einer unkopierbaren Originalität suchen und nicht immer das Gleiche lesen wollen. Ich beneide dich – den hohen Norden konnte ich noch nicht besuchen, das muss ich unbedingt nachholen. Jetzt aber zumindest erst mal literarisch.
      Dass wir in Deutschland solche hochspannenden Stoffe – im krassen Gegensatz zum angloamerikanischen Raum – immer noch als „Nische in der Nische“ vermarkten, ist genau das Risiko-Aversion-Karussell, das ich skizziert habe.
      Ich wünsche dir für Band 4 deiner Reihe viel Erfolg und schicke herzliche Grüße
      Matthias

  2. Dieser Artikel ist in mehrfacher Hinsicht hochinteressant. Zunächst einmal finde ich die Kritik an den Genre-Schubladen durchaus nachvollziehbar. Allerdings sind die hier genannten Crossover-Bestseller nicht unbedingt ein Beweis dafür, dass deutschsprachige Verlage solche Stoffe systematisch verkennen. Was ist etwa mit Frank Schätzing, Andreas Eschbach oder Marc Elsberg? Diese Autoren haben bewiesen, dass auch komplexe, genreübergreifende Stoffe ein großes Publikum finden können.

    Es macht mich stutzig, dass der eigene Roman hier als Fallstudie für ein angebliches Branchenproblem dienen soll. Als Eigenwerbung ist das natürlich legitim. Ich frage mich allerdings, ob es die redaktionelle Absicht von BuchMarkt ist, Autoren auf diesem Weg eine Werbeplattform zu bieten?

    Darüber hinaus erinnert die Formulierung mit zugespitzten Schlagworten, sauber durchnummerierten Krisenursachen und großen Thesen (für die konkrete Belege fehlen) doch arg an Muster jener Sprachmodelle, die hier angeprangert werden sollen. Ist die Angleichung an algorithmisch austarierte Kommunikationsmuster etwa so weit fortgeschritten, dass auch Menschen immer mehr wie Maschinen schreiben?

    Das ist natürlich nur eine Mutmaßung, allerdings zerstreut das unten präsentierte Cover meinen Verdacht nicht unbedingt. Als Lektor:in oder Agent:in würde mich die Kombination aus plakativem High Concept, offensiver Bestseller-Rhetorik und einem generisch wirkenden Cover nicht dazu verleiten, es genauer ansehen zu wollen. Ein Cover gleich mitzuliefern, ist bei einer unverlangten Einreichung ohnehin ein No-Go – es sei denn, man ist Illustrator:in.

    1. Liebe Anne-Kathrin,
      haben Sie herzlichen Dank für Ihren präzisen und scharfen Diskussionsbeitrag. Genau diese Reibung und das Hinterfragen von Strukturen war die Absicht meines Gastbeitrages.
      Die von Ihnen genannten Autoren – Schätzing, Eschbach, Elsberg – sind die Oberliga des deutschen Thriller-Genres, unbestritten. Aber diese sind seit Jahrzehnten in unserer Branche etabliert. Die Kernfrage meines Artikels zielt auf die Gegenwart des Jahres 2026: Haben innovative, genresprengende Crossover-Stoffe von neuen, einheimischen Stimmen im aktuellen, von explodierenden Kosten herausgeforderten Markt noch eine reale Chance?
      Was Ihren Kommentar gegenüber der Redaktion des BuchMarkt betrifft, muss ich jedoch widersprechen: Einem Fachmagazin hier die Bereitstellung einer reinen „Werbeplattform“ zu unterstellen, greift zu kurz. Es ist die journalistische Pflicht eines Leitmediums unserer Branche, mögliche strukturelle Fehlentwicklungen nicht nur theoretisch aufzuzeigen, sondern sie anhand einer realen Fallstudie greifbar zu machen. Genau diesen Raum für progressive Branchen-Diskurse zeichnet den BuchMarkt seit jeher aus.
      Ihre Anmerkung bezüglich möglicher KI-generierter algorithmischer Kommunikationsmuster innerhalb des Beitrages darf ich entkräften: Ich hatte schlicht ausreichend Zeit, um meine Gedanken entsprechend zu strukturieren und möglichst klar auszuformulieren.
      Die unbarmherzige, emotionale Wucht des Manuskriptes selbst ist jedoch zutiefst menschlich und basiert auf einer radikalen Own-Voice-Perspektive: Ich habe diesen Thriller nach einer schweren Krebsdiagnose und der darauffolgenden Amputation meines linken Arms mit nur einer Hand direkt aus dem Klinikbett herausgeschrieben. Hier wurde eine existenzielle (Lebens-)Bedrohung in rohe Sprache übersetzt. Das kann keine KI leisten.
      Das Cover ist von einer professionellen Grafikerin designt worden und spiegelt das Spannungsfeld der inneren und äußeren Katastrophe perfekt wider, das den Kern des Buches definiert. Und da es sich hier um keinen klassischen Pitch handelt, ist aus meiner Sicht die Darstellung einer Coverstudie durchaus legitim. Dass ein potenzieller Verlag die Oberhoheit über die Covergestaltung besitzt, ist natürlich selbstverständlich.
      Herzliche Grüße und danke für den wertvollen Austausch
      Matthias Triebel

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