
Der Sheikh Zayed Book Award macht arabische Literatur seit nun 20 Jahren sichtbar. SE Dr Ali bin Tamim, Vorsitzender des Abu Dhabi Arabic Language Centre and Generalsekretär des Sheikh Zayed Book Award, erläutert in einem Gastbeitrag, warum dieser Austausch essenziell ist.
Ich bin seit langem davon überzeugt, dass Kultur die beständigste Form der Diplomatie ist, über die wir verfügen, und die Sprache ihr wahrhaftigstes Instrument. Ein Gedicht, das mit Sorgfalt und Treue von einer Sprache in eine andere übertragen wird, kann zwei Kulturen über Generationen hinweg im Dialog halten. Die arabische Sprache ist eine solche Brücke, und die Brücken, die es wert sind, gebaut zu werden, sind jene, die wir gemeinsam errichten und die für die Ewigkeit bestimmt sind.
Während eines Großteils des vergangenen Jahrhunderts galt die Einführung arabischer Literatur in europäische Märkte als kommerzielles Risiko – eine Frage unbekannter Namen und unübersetzter Manuskripte. Unser Translation Grant wurde ins Leben gerufen, um diesem Risiko entgegenzukommen . Er stellt bis zu 19,000$ (etwa 16,000€) pro Titel für die Übersetzung und Vermarktung der in die engere Wahl gekommenen und prämierten Werke zur Verfügung. Bislang hat die Förderung 54 prämierte und nominierte Titel in 12 Sprachen gebracht. Eine Platzierung auf unseren Shortlists gilt als Gütesiegel und Anerkennung, auf die ein internationaler Verlag vertrauen kann – die Gewissheit, dass das Werk hinter einem unbekannten Einband bereits als eines der besten seines Jahres ausgezeichnet wurde. In Deutschland sind bereits mehr als sieben Titel in deutscher Sprache erschienen, zuletzt eine Übersetzung von Hoda Barakats 2025 mit dem Literaturpreis ausgezeichnetem Roman „Hind oder Die schönste Frau der Welt“ im Ullstein Buchverlag sowie eine Übersetzung der Anthologie „My Undying Butterfly“ des palästinensischen Dichters Alaa Alqatrawi im Sujet Verlag. Diese Übersetzungen sind das Ergebnis einer engen und engagierten Übersetzungspartnerschaft mit dem deutschen Markt. Mit einem größeren Kreis deutscher Verlage und Übersetzer:innen könnte sich diese Zahl um ein Vielfaches erhöhen.
Der Sheikh Zayed Book Award (SZBA) wurde 2006 ins Leben gerufen, um das Vermächtnis des verstorbenen Sheikh Zayed bin Sultan Al Nahyan, dem Gründungsvater der Vereinten Arabischen Emirate, zu würdigen, ebenso wie dessen Überzeugung, dass Kultur eine Brücke zwischen Völkern und Zivilisationen schlagen kann. Von Beginn an war es das Ziel, mit dem Preis die herausragendsten arabischen Autor:innen, Wissenschaftler:innen, Übersetzer:innen, Forschende und Verlage zu würdigen und zu fördern und damit das intellektuelle und kulturelle Leben der arabischen Welt zu bereichern. Neben diesem ursprünglichen Ziel kam ein weiteres hinzu: sicherzustellen, dass die besten Werke dieser Literatur Leser:innen auf der ganzen Welt erreichen. Eine derart vielfältige Tradition sollte nicht länger, wie es früher oft der Fall war, außerhalb der arabischsprachigen Welt unentdeckt bleiben.
Dieser Gründungsgedanke hat seitdem eine dauerhafte institutionelle Form angenommen. Der Sheikh Zayed Book Award wird vom Abu Dhabi Arabic Language Centre unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Kultur und Tourismus – Abu Dhabi organisiert. Seit zwei Jahrzehnten würdigt der Preis kulturelles Schaffen, feiert die Literatur, fördert den interkulturellen Dialog und stellt gezielt finanzielle Mittel und internationale Unterstützung bereit. Damit trägt er dazu bei, wie arabische Literatur weit über die arabische Welt hinaus gelesen und wertgeschätzt wird. Dieser Anspruch reicht über den Preis selbst hinaus. Abu Dhabi hat Kultur und Wissen zur Grundlage seiner Zukunft gemacht und sich als Ort etabliert, an dem die arabische und die übrige Welt gemeinsam in einen Gedankenaustausch treten können.
Seit 2011 darf ich den Preis als Generalsekretär leiten und ich habe die Ehre gehabt, in den vergangenen Jahren einige der wichtigsten literarischen und wissenschaftlichen Werke der arabischen Welt auszuzeichnen. In zehn Kategorien würdigt der Preis herausragende literarische und akademische Leistungen weltweit. In den letzten 20 Jahren wurden 144 Preisträger:innen aus 26 Ländern geehrt, darunter Amin Maalouf, Haruki Murakami, die UNESCO und viele andere. Von unseren Preisträger:innen wird der Preis als wichtige Bestätigung wahrgenommen. Für die 20. Ausgabe erreichten uns mehr als 4.000 Einreichungen aus 74 Ländern, darunter erstmals Beiträge aus Chile, Island und Luxemburg. Die diesjährige Jubiläumsausgabe würdigt zudem mit dem Wissenschaftler Stefan Weidner einen deutschen Preisträger und unterstreicht damit Deutschlands anhaltenden Beitrag zur arabischen Kultur- und Geisteswissenschaft. Seine Anthologie vorislamischer Dichtung reiht sich in eine Tradition deutscher Auseinandersetzung mit der arabischen Literatur ein, die bis zu Goethes „West-östlichem Divan“ zurückreicht und unterstreicht, dass dieser Austausch schon immer in beide Richtungen stattfand. Durch diese Anerkennung hat die Literatur der arabischen Welt – ihre Ideen, ihre Gegenwart und ihre Tiefe – Leser:innen erreicht, die zuvor kaum Zugang dazu hatten.
Als Vorsitzender des Abu Dhabi Arabic Language Centre und Generalsekretär des Awards sehe ich unsere Mission nicht darin, arabische Literatur lediglich in der Welt zu bewerben. Vielmehr möchten wir einen echten Dialog eröffnen – ein Gespräch, in dem Arabisch seinen Platz unter den Sprachen einnimmt, die das globale kulturelle Leben prägen, und in dem der Austausch in beide Richtungen fließt. Zwei Verpflichtungen geben dieser Überzeugung eine praktische Form. Erstens würdigen wir – durch unsere international ausgerichteten Kategorien „Arabische Kultur in anderen Sprachen“, „Übersetzungen“, und „Veröffentlichung von arabischen Handschriften“ – jene Wissenschaftler:innen und Übersetzer:innen, von denen viele fernab der arabischen Welt tätig sind und deren Arbeit arabische Literatur in neue Sprachen überträgt und diesen Dialog am Leben erhält. Zweitens fördern wir mit dem Translation Grant, unserer Übersetzungsförderung, die internationale Übersetzung und Veröffentlichung der nominierten und prämierten Titel und weiten so die Reichweite und das Publikum arabischer Literatur auf eine vielfältige Leserschaft aus. Unsere Übersetzungskategorie würdigt dieses Handwerk direkt – in diesem Jahr Nawal Nasrallah, für die Übertragung eines andalusischen Textes aus dem 13. Jahrhundert ins Englische.
Auf der Frankfurter Buchmesse, wo der Preis die ganze Woche über präsent ist, nimmt dieser Austausch konkrete Gestalt an. Unsere Preisträger:innen nehmen an zwei öffentlichen Gesprächen teil – der diesjährige Literaturpreisträger Ashraf Elashmawy zusammen mit seinem Übersetzer Peter Daniel sowie Stefan Weidner mit der Arabistin Claudia Ott über die Übersetzung arabischer Lyrik ins Deutsche – und Kolleg:innen des Abu Dhabi Arabic Language Centre begrüßen Verleger:innen und Übersetzer:innen an unserem Stand in Halle 5.1 B13.
Zwanzig Jahre sind kein Meilenstein, auf dem man sich ausruht, sondern ein Fundament, auf dem man aufbauen kann. Meine Überzeugung ist einfach: Arabisch sollte überall dort gelesen, studiert und diskutiert werden, wo Literatur eine Rolle spielt – nicht als übersetzte Kuriosität, sondern als eine lebendige Sprache der Weltkultur. Deutschland gehört zu unseren engsten Partnern bei diesem Bestreben, und die Bereitschaft seiner Herausgeber:innen und Übersetzer:innen, sich für unbekannte, authentische Stimmen einzusetzen, ist genau das, was eine Literatur über Grenzen hinweg trägt. Keine Institution trägt eine Literatur allein in die Welt hinaus; der Austausch, an den ich glaube, entsteht in Partnerschaft mit Verlagen, Übersetzer:innen und kulturellen Einrichtungen, die dieses Ziel teilen, darunter auch die Frankfurter Buchmesse. Der Preis wird weiterhin seinen Beitrag leisten, indem er die Hürden für Übersetzungen abbaut und langfristige institutionelle Netzwerke fördert, die über einzelne Bücher hinaus Bestand haben. So soll sichergestellt werden, dass die arabische Literatur Teil des lebendigen literarischen Dialogs der Welt bleibt und jener Raum offengehalten wird, in dem die arabische Literatur und die anderen großen Literaturen der Welt miteinander ins Gespräch treten können. All dies fußt auf einer in Abu Dhabi tief verwurzelten Überzeugung: Kultur und Kreativität zählen zu den sichersten Wegen, um Verständnis zwischen den Völkern zu schaffen. Dieser Dialog hat gerade erst begonnen.