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Fliegenglas, Vernunft und Glauben

Alexander Roesler, Gert Scobel mit Fliegenglas

Gestern Abend stellten Autor und Wissenschaftsjournalist Gert Scobel und Wissenschaftslektor Alexander Roesler in einem anregenden Gespräch das Buch Der Ausweg aus dem Fliegenglas, soeben bei S. Fischer erschienen, im Verlagshaus in Frankfurt vor.

Um sein Anliegen zu verdeutlichen, erläuterte Gert Scobel die Funktionsweise eines vorsorglich bereit gestellten Fliegenglases. Es bietet dem gefangenen Tier einen Ausweg – nur wird die Fliege den Weg nicht finden, da sie stets dem Licht, also dem verkorkten Flaschenhals, entgegen strebt.

Das Fliegenglas ist für Gert Scobel ein kognitiver Raum, der sich von Innen kartieren lässt. Die Vernunft als Versuch, über Erfahrungen das Denken zu orientieren, ähnelt diesem Raum und ermöglicht eine Zustandsbestimmung. Dabei sind Wissenschaft und Vernunft nicht gleich zu setzen, die Wissenschaft ist eine etablierte Form der Vernunft, jedoch geschichtlicher Entwicklung unterworfen.

Wissenschaft sucht nach Hypothesen, nicht nach Gewissheiten, formuliert der Autor. Dabei gerät sie in Sackgassen, wenn sie sich an wünschenswerten Ergebnissen orientiert, Kausalitätsketten nicht hinterfragt oder Begründungsverfahren abbricht. Nur eine ständige kritische Prüfung der Ergebnisse im Sinne von Immanuel Kant bringt weiter.

Auch die oft bemühte Logik hat ihre Grenzen. Während es in der (einfachen) Mathematik nach Ludwig Wittgenstein noch nach Regeln zugeht, kommen wir damit auf dem Gebiet der Vernunft nicht weiter. Erinnert sei nur an die Sprache, die Begriffsunschärfen enthält und damit keine eindeutigen Zuordnungen bietet. Je komplexer die Systeme werden, desto mehr unentscheidbare Aussagen gibt es.

Das zweite große Thema im Buch befasst sich mit dem Glauben. Hier ist begrifflich zu unterscheiden zwischen einer schwächeren Form von Wissen und dem Glauben im religiösen Sinn, der Glauben als Vertrauen versteht. Endloser Zweifel an allem bringt uns nicht weiter, blindes Gottvertrauen ohne jede eigene Verantwortung allerdings auch nicht.

Die Erkenntnis, dass es keine abgeschlossenen und ewig gültigen Lehrsätze gibt, sondern sich alles in Entwicklung befindet, mag helfen.

In diesem Sinne ist das Buch ein Ratgeber, eine Anregung zum Denken. Und gleichzeitig ein Zeichen gegen Dogmen, egal, woher sie kommen und wer sie aufgestellt hat.

JF

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