Aus der Werkstatt der Verlage (LII) Wolf-Rüdiger Osburg: „Wir erwarten schon gar nicht mehr, dass es uns einfach gemacht wird“

Die Verleger-Blicke in den Editorials der Herbstvorschauen, auf ihre jeweiligen neuen Programme und auf die Branche teilen wir derzeit in loser Folge mit Ihnen. Heute das Schreiben von Wolf-Rüdiger Osburg (Osburg Verlag)

Osburg
Wolf-Rüdiger Osburg: „Jeder von uns arbeitet sich seit Jahren an der Frage ab, worin die Erfolgsformel für einen Verlag zu sehen ist. Das Allerwichtigste ist ein klares Programmprofil, schlicht die Wahl der richtigen Bücher und damit einhergehend eine sich immer weiter verbessernde Kraft der Verlagsmarke“

So etwas wie die Corona-Krise musste irgendwann passieren. Etwas in dieser Art lag in der Luft und geschah dann ab Februar tatsächlich. Man las und hörte davon in den Nachrichten, doch nur die ganz flinken Mitmenschen ahnten schon, was dann ein paar Tage später Gewissheit wurde. Mit einem Mal änderte sich alles.

Für die Buchwelt und ihre Menschen war dies der x-te Volltreffer in dichter Folge. Ein schrumpfender Buchmarkt, die KNV-Insolvenz in 2019 und jetzt Corona. Ohne es beschreien zu wollen, irgendwie haben wir uns daran gewöhnt und erwarten schon gar nicht mehr, dass es uns einfach gemacht wird. Vielleicht brauchen wir das auch und würden verdutzt aus der Wäsche schauen, wenn uns die gebratenen Tauben in den Mund fliegen würden.

Bisher haben Buchhandel und Verlage alleine ihren Weg finden müssen, in – wie ich finde – immer schon guter Solidarität miteinander. Aber das war es dann auch, ein wenig Hänsel und Gretel allein im Wald. Doch diesmal ist etwas anders. Der Staat nimmt für die Buchwelt eine stabilisierende Rolle ein, wovon wir in den Jahren seit Gründung des Osburg Verlags 2006 nur geträumt haben. Das Staatsministerium für Kultur und Medien tritt im Neustart Kultur, moderiert vom Börsenverein, mit nennenswerten Fördermitteln an unsere Seite. Die Stadt Hamburg hat in der Vergangenheit wirkliches Kulturengagement gezeigt, aber die Geldmittel hierzu waren kaum erkennbar gering. Jetzt werden stattliche Unterstützungsfonds aufgesetzt. Das ist stark und nur zu wünschen, dass es so bleibt.

„Bei Ortolan von Andreas Hillger habe ich gebibbert wie ein kleiner Junge, der auf den nächsten Harry Potter wartet, bis ich es endlich zum Lesen in Händen hielt. Feinste Romankost über das Leben des Chevalier John Taylor, der durch das Europa der Mitte des 18. Jahrhunderts reiste und den Menschen den Grauen Star stach. Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach kamen so unter sein Messer. Aber das ist nur eine Facette dieses kunstvoll geschriebenen Buches“ (Durch Klick auf Abbildung zum Blättern im Osburg-Programm)

Wir bei Osburg sind oft gefragt worden, wie es uns ab Mitte März gegangen ist. Wir hatten Glück. Da wir unsere Frühjahrsnovitäten klassisch im Februar/Anfang März ausgeliefert hatten, waren bis auf einen Frühjahrstitel alle diese Bücher in den Buchhandlungen angekommen. Dann kam die Absage für Leipzig. Ich fahre besonders gerne zur Leipziger Buchmesse. Dies empfinde ich immer ein wenig wie persönlichen Luxus. Ob es für das Geschäft so wichtig ist, kann ich ganz ehrlich nicht genau beantworten. Bei dem einzigen im März noch nicht ausgelieferten Titel war ich innerlich vorbereitet, dass viele Vormerker storniert sein würden, bevor er dann im Juni in die Läden gelangen sollte. Wenn ich es richtig gesehen habe, geschah dies bei keinem einzigen Exemplar.

Hat sich unsere Arbeitsweise unter Corona-/Lockdown-Bedingungen geändert? Bei Osburg nicht, aber das bedarf der Erklärung. Mir war immer schon wichtig, mit den Mitarbeitern zusammenzuarbeiten, die ich liebgewonnen habe, egal wo in Deutschland sie leben. Das Rekrutieren eines Verlagsteams an einem festgelegten Ort kam mir nicht in den Sinn. Mir ist einmal vor zehn Jahren vorgehalten worden, wir könnten viel effektiver sein, wenn alle Verlagsfunktionen in einem Gebäude säßen und man sich austauschen könnte. Ich bezweifle das, schon in meinem früheren Geschäftsleben habe ich die meiste Zeit in virtuellen Organisationen gearbeitet und das lief sehr gut. Nicht für jeden, aber für die richtigen schon.

Jeder von uns arbeitet sich seit Jahren an der Frage ab, worin die Erfolgsformel für einen Verlag zu sehen ist. Sind es Anzeigen, neue Formate des Marketings, Social Media. Ganz bestimmt etwas von jedem, aber das Allerwichtigste ist ein klares Programmprofil, schlicht die Wahl der richtigen Bücher und damit einhergehend eine sich immer weiter verbessernde Kraft der Verlagsmarke. Und natürlich ein Team, in dem es Freude macht, an alledem zu arbeiten.

Ich finde, wir sind hier auf dem richtigen Weg. Ganz am Anfang unseres Verlagswegs, es muss im Jahre 2007 gewesen sein, formulierten Bernd Henninger als Cheflektor, der leider schon verstorbene Jochen Böge und ich unser Verlagsmotto „Menschen und ihre Geschichte“. Genau dies bewegt uns, der Blick auf die Geschichte und dabei der Wunsch, schon fast vergessene Lebensgeschichten neu zu entdecken. Wann immer wir Bücher nach dieser innersten Überzeugung ausgewählt haben, hat es sich für uns gut angefühlt und wir waren im Rahmen unserer Möglichkeiten erfolgreich.

Wer sich in diese Bücher vertieft, wird hautnah mitbekommen, wie viel die Menschen schon vor uns auf sich nehmen mussten, bevor ihr Leben irgendwann an sein Ende kam. Da fühlt man sich doch gleich ein wenig aufgehoben in den heutigen, auch nicht leichten Zeiten.

Unsere 2020-er Programme machten in diesem Sinne Mut. Im Frühjahr war es insbesondere der aufwühlende Roman Amelie von Felix Schmidt über das jähe Ende einer Beziehung oder die Agatha Christie-Biografie von Barbara Sichtermann. Rüdiger Strempel hat sich in seiner Biografie Lux mit dem einzigartigen Freitod des jüdischen Journalisten Stefan Lux befasst, der sich, um ein Zeichen gegen den Nationalsozialismus zu setzen, 1936 in der laufenden Versammlung des Völkerbunds erschoss. Das Tagebuch von Hans Max Freiherr von Aufseß beleuchtet die deutsche Besatzungszeit der Ärmelkanalinseln von 1943 bis 1945.

Das Herbstprogramm 2020 führt ein Buch an, das für mich eine große Ausnahme ist. Selten bringe ich es aus einer gewissen Anspannung heraus fertig, die selbst verlegten Bücher nach der Drucklegung noch einmal in Ruhe zu lesen. Bei Ortolan von Andreas Hillger, erschienen im August 2020, habe ich gebibbert wie ein kleiner Junge, der auf den nächsten Harry Potter wartet, bis ich es endlich zum Lesen in Händen hielt. Feinste Romankost über das Leben des Chevalier John Taylor, der durch das Europa der Mitte des 18. Jahrhunderts reiste und den Menschen den Grauen Star stach. Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach kamen so unter sein Messer. Aber das ist nur eine Facette dieses kunstvoll geschriebenen Buches.

Der Wolfgang-Borchert-Roman von Frauke Volkland, der hochgelobte Roman Der Sandler von Markus Ostermair, der schonungslos vom Leben und Leiden der Obdachlosen in den Straßen unserer Städte erzählt, und der im Zweiten Weltkrieg spielende Liebesroman Briefe von Toni von Frank Bresching sind die belletristischen Werke unseres Herbstes.

Viel Aufmerksamkeit im Sachbuch findet die Autobiografie von Albert Woodfox, der als Mitglied der Black-Panther-Bewegung 43 Jahre unschuldig in den USA in Einzelhaft saß. Woodfox wäre in diesem Herbst zur Frankfurter Buchmesse gekommen, das muss nun unbedingt nachgeholt werden. Und Peter Löw, von vielen kritisiert, von anderen bewundert, beschreibt in Flusenflug, wie er das sogenannte Turnaround-Geschäft von Unternehmen in Deutschland etablierte. All dies beweist, wie vielfarbig und außergewöhnlich Menschengeschichten sein können.

Bisher brachten wir die Editorials von

Christoph Links

Lucien Leitess,

Daniel Kampa, 

Lothar Schirmer,

Christian Strasser

Sebastian Guggolz

Gerhard Steidl,

Joachim von Zepelin und Christian Ruzicska,

Constanze Neumann,

Gregory C. Zäch,

Dr. Stephanie Mair-Huydts und Steffen Rübke

Heike Schmidtke und Kilian Kissling,

Katharina Eleonore Meyer,

Peter Haag

Jochen Jung

Klaus Kehrer,

Jörg Sundermeier

Julia Eisele,

Armin Gmeiner

Christian Rotta

Ulrich Hopp,

Hejo Emons,

André Gstettenhofer,

Simone und Julia Graff

Monika Osberghaus

Susanne Schüssler

Günther Butkus

Alfred Klemm 

Voland & Quist

Laura Jacobi

Jan Weitendorf von Hacht

Monika Koch

Antonia Bürger

Andreas Rötzer

Wolfgang Hörner

Wolfgang Hölker und Lambert Scheer

Hermann Gummerer und Ludwig Paulmichl

Karin Schmidt-Friderichs

Georg Glöckler

Elisabeth Raabe und Regina Vitali

Ralf Kramp

Else Laudan

Michael Wienand

Barbara und Stefan Weidle

Ulrich Peters

Nicola Stuart und Edmund Jacoby

Tim Jung

Matthias Opis und Elisabeth Stein-Hölzl

Jürgen Ruckh

Nikolaus Brandstätter

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