Gabriele Hoffmann, die frühere Inhaberin der Heidelberger Buchhandlung Leanders Leseladen und Herausgeberin der aufwendig gemachten Kinderbuch-Empfehlungslisten Leanders Lieblinge, hat das Spektrum ihrer Arbeit für das Kinderbuch jetzt ins Internet ausgeweitet: Auf der Webseite des von ihr mitbegründeten Vereins Leseleben lassen sich inzwischen schon um die 130 Empfehlungsfilme zu ausgewählten Kinderbüchern herunterladen. Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch:
Gabriele Hoffmann: „BuchhändlerInnen tun gut daran mit einer kleinen aber feinen Auswahl ihre Kunden davon zu überzeugen, daß Kinder wirklich gerne lesen wollen – noch immer, auch in Zeiten des Smartphones“
Was hat Dich dazu gebracht, Deine Arbeit ins Netz auszuweiten?
Gabriele Hoffmann: Als Print-Medium waren Leanders Lieblinge doch ein Kostenfaktor, den der Verein Leseleben und schon gar nicht ich privat leisten kann. Die letzte Auflage hat aber Thalia – Österreich übernommen und verteilt die Hefte kostenlos an unterschiedliche Multiplikatoren.
Was kann das Netz, was Print nicht kann?
Wir leben in Zeiten der „digitalen Medien“, bzw. der Smartphones und diese Zahl an Menschen, die meine Arbeit wahrnehmen, kommen die Printmedien, so wie wir sie aus finanziellen Gründen herstellen können, nicht heran.
Du hast Dir einen großartigen Ruf als Institution für das Kinder-und Jugendbuch erarbeitet.
Ich gebe zu, darauf bin ich ein wenig stolz, es gibt, soweit ich weiß, niemanden, die/der sich mit soviel Rundum-Informationsbegeisterung um das Kinderbuch kümmert oder gekümmert hat.
Was meinst Du mit „rundum“?
Nach 50 Jahren Arbeit mit Kinderbüchern aus allen Bereichen – Buchhandlungen, Verlagen, Leseförder-Seminaren, Vorträgen und unendlich vielen Gesprächen mit Kindern und MultiplikatorInnen – weiß ich inzwischen einfach, wie man Kindern die Freude am Buch schenkt.
Und warum hast Du das gemacht?
Mein Ärger über die Ergebnisse der Pisa-Studie ist riesig. Es stimmt einfach nicht, dass Kinder dumm und faul sind…das beweist schon, mit wieviel Fleiß und Begeisterung sie z.B. ein Instrument spielen lernen und das sind viele – genauso begeistert wollen sie lesen, weil man nur lesend die ungeheuere Neugierde, die wir Menschen haben, stillen kann…im Internet kann ich finden, was ich suche, also eigentlich schon weiß, daß es das gibt…in Büchern kann ich entdecken, was ich noch nicht kenne – und genau das wollen Kinder. Dazu brauchen sie aber Bücher, die ihnen die Welt vorstellen, in einer Sprache, die sie verstehen können, mit Bildern, die sie faszinieren und mit Inhalten, die ihnen Mut machen das Abenteuer Leben einzugehen….diese Bücher aus der Masse hervorzuheben, das ist meine Aufgabe.
Und deshalb hast streitbar reagiert, wenn Du mit manchen Lobeshymnen anderer nicht einverstanden warst?
Ja, gelegentlich haben sie auch lobende Rezensionen mit meinen Urteilen oft nicht gedeckt, jedenfalls nicht mit der Lesefreude der Kinder…
Was ist für das alles Deine Motivation?
Ich erinnere mich gerne an begeisterte Erwachsene, wenn sie entdeckten, dass sie kluge Kinder haben, wenn sie mit ihnen plötzlich kluge Gespräche führen konnten und wenn sie die Freude ihrer Kinder teilen konnten beim gemeinsamen lesen und darüber sprechen.
Dein Leanders Leseladen war Programm und Dein Leben, so schien es. Warum hast Du den Laden aufgegeben?
Ganz einfach, weil meine zwei wichtigsten Mitarbeiterinnen – nach mehr als jeweils 20 Jahren Zusammenarbeit – plötzlich verstorben sind. Ich hätte um deren Aufgabe zu übernehmen darauf verzichten müssen Rezensionen zu schreiben und Seminare abzuhalten – das mache ich jetzt ohne Leanders Leseladen im Rücken. Beide Bereiche wären mehr als normale Volltimejobs. Und ich bin ja auch älter geworden und genieße es, jetzt frei zu bestimmen, wieviel ich arbeiten will – ein Laden fordert mindestens 60 Stunden die Woche.
Aufhören aber kannst Du nicht?
Ich habe meine Arbeit immer als großes Glück empfunden, warum sollte ich darauf verzichten und das was ich kann und worin ich mich von anderen Kinderbuchleuten unterscheidet, ist auch eine schöne Verantwortung. Ich finde es eine großartige Aufgabe .durch meine Videos die besten, sinnvollen Bücher für Kinder mit Argumenten, warum sie das sind, vorzustellen.
Warum machst Du das alles?
Erich Kästner schreibt in seiner „Konferenz der Tiere„: „Was schaffen die Menschen mit ihrer Tüchtigkeit: Kriege, Revolutionen, Streiks, Hungersnöte, neue Krankheiten….Wenn ich nicht so blond wäre, könnte ich mich auf der Stelle schwarzärgern…mir tun bloß die Kinder leid…“
Die heutigen Kinder tun Dir leid?
Unter dem Titel „Lesen rettet Leben“ stand vor ein paar Wochen im SPIEGEL, dass viele Jugendliche kaum sinnentnehmend lesen können, ich wollte das nicht glauben, aber jetzt kommt es: Nur 11 % dieser Gruppe „waren fähig, in einem Text sowohl Inhalt als auch Zuverlässigkeit der Quellen so gut zu verstehen, dass sie zwischen Meinung und Tatsachen unterscheiden können“
Ist das so schlimm?
Oh ja, denn das bedeutet, was uns in Zukunft erwartet: Nur 11 % der Bürger können beurteilen, was sie erfahren – damit werden alle anderen allem absolut ausgeliefert sein, wem auch immer, der Werbung – es ging im Artikel um Gesundheitsvorsorge – , politischen Informationen.
Du bist überzeugt, Lesen rettet Leben?
Ja, vor allem das Lesen von Büchern, deren Sprache, Bilder und Inhalt sie so sehr interessiert, dass sie lesen wollen. Bruno Bettelheim hat mal gesagt: „Warum sollten Kinder lesen, wenn sie das, was wir ihnen in Büchern anbieten, überhaupt nicht interessiert.“ Das ist die wichtige Frage.
Aber es macht keinen Sinn, sie mit Bücherbergen zuzuschütten…
… genau, sondern ihnen das anzubieten, was sie lesen können und wollen. Dazu müssen wir die Kinder beobachten und sie fragen, das mache ich für meine Filme. Es macht auch keinen Sinn ihnen über ihre Köpfe hinweg vorzulesen, sinnvoll ist es mit ihnen gemeinsam zu lesen, mit ihnen über das Gelesene auch zu sprechen, nur dann kann ich sicher sein, was sie verstanden haben.
Dein Rat an unsere BuchhändlerInnen?
BuchhändlerInnen tun gut daran mit einer kleinen aber feinen Auswahl ihre Kunden davon zu überzeugen, daß Kinder wirklich gerne lesen wollen – noch immer, auch in Zeiten des Smartphones. Smartphones sind Schmalhanskost – Bücher sind die ganze Welt!
Es ist also höchste Zeit, Kindern „Von Anfang an“ die Bücher anzubieten?
Ja, vor allem aber Bücher, deren Inhalt sie so sehr interessiert, dass sie sie lesen wollen.Ich hoffe, dass alle, die mit Kindern zu tun haben, unsere Webseite www.leseleben.de nutzen. 50 Jahre ‚Erfahrung, welche Bücher Leseförderung sind, sind dort zu finden.“Leseleben e.V.“ ist ein gemeinnütziger Verein und ich bespreche ausschließlich Bücher, die unseren Qualitätskriterien zur Sprach- und Leseförderung genügen – ohne Anschauung der Verlage.
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