Die Frankfurter Buchmesse 2002 im russischen Spiegel / Eine Nachlese

In diesem Jahr war Litauen das Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Und es steht fest: 2003 wird der unbekannte Riese Russland sich vorstellen. Trotzdem kamen 84 russische Verlage und Agenturen schon dieses Jahr nach Frankfurt. Einige der führenden russischen Verleger charakterisieren die Frankfurter Buchmesse als den wichtigsten Termin des Jahres, für sie eben viel bedeutenden als die einheimische Moskauer Buchmesse. Warum wohl? Was zieht denn Russen im Herbst nach Deutschland?

In der Halle 5, wo die Buchbranche des gesamten Ostblocks von Russland bis Ungarn sich niedergelassen hat, fanden Besucher keinen Werbeglanz, keine ausgefallenen Dekorationen, sowie keine farbigen Werbegeschenke. Hier ging es sehr nüchtern, geschäftlich, beinah alltäglich zu. Am Stand des Moskauer Verlages Ad Marginem wurde viel und schnell Englisch gesprochen. Geredet wurde von Rechten, Lizenzen, Übersetzungen. Ad Marginem kam nach Frankfurt mit einem ganzen Paket anspruchvoller Titel. Herausgegeben werden vor allem Postmodernisten, Avantgardisten, marginale Künstler: Russische Künstler wie Eduard Limonov, Vladimir Sorokin oder Ilja Kabakov genießen seit Jahren im Westen ebenso viel Aufmerksamkeit wie in der Heimat. Von daher läuft der Lizenzen- und Rechtenverkauf ziemlich rege. Laut der Aussage des Geschäftführers sieht der Verlag in der Messe ansonsten eine Möglichkeit, den literarischen Trend aufzuspüren und möglichst viele neue Anregungen zu bekommen.
Aber nicht wegen der Mode reiste der St.-Petersburger Limbus-Verlag nach Deutschland. Sie sehen sich als Trendsetter in Sachen russischer zeitgenössischer Belletristik und kommen seit Jahren nach Frankfurt, um die von ihnen entdeckten und herausgebrachten Autoren zu vertreten. Diese schöne, höchst originelle neue russische Literatur möchte der Verlag weltweit popularisieren – keine leichte Aufgabe. Limbus arbeitet sozusagen auch in der anderen Richtung und trachtet auf der Messe nach den neuen erfolgsversprechenden westlichen Autoren. So werden von Russen ebenso Lizenzen gekauft, Verträge werden abgeschlossen. Ein halbes Jahr lang werden in Limbus die Business-Termine für Frankfurt gründlich vorbereitet.

Viel weniger gekauft und verkauft wurde von dem Verlag Progress-Tradition. Seine Aufgabe sieht der Verlag in der Aufklärung des breiten russischen Publikums und gibt hauptsächlich populärwissenschaftliche Sachbücher heraus. Und viele davon stammen von den westlichen Autoren. So schaut sich die Progress-Tradition nach den neuen Autoren, aber in erster Linie nach den Möglichkeiten, die Publikationen zu subventionieren. Viele westliche Stiftungen sind bereit, die Bekanntmachung von neusten Erkenntnissen ausgerechnet im lesefreundlichen Russland zu unterstützen.
Geld vom Westen benötigt der seit sowjetischen Zeiten vom Staat finanzierte Verlag Roskarta] gewiss nicht. Sie halten ihren Marktanteil – nämlich die Kartographie des ehemaligen Sowjet Unions – gut unter Kontrolle. Roskarta ist seit Jahrzehnten auf der Messe vertreten und nutzt die Chance, um sich zu zeigen und den anderen zu begutachten – und das in Deutschland! Natürlich ging es auch ihnen um die Kooperation und kartographischen Datenaustausch. Bloß Englisch wurde an deren Stand nicht so viel und schnell gesprochen.

Alexandra Estrina

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