DIE WELT: Neuer Duden wird heute vorgestellt und macht die Verwirrung komplett

In manchen Buchhandlungen war er unter der Hand schon seit einigen Tagen zu bekommen. Heute wird er in Mannheim offiziell vorgestellt: der neue Duden. Selten in der Geschichte dieses Standardwerkes ist die Edition schon im Voraus so umstritten gewesen wie jetzt. Denn die Neuauflage macht die Verwirrung komplett, meldet heute die WELT. Obwohl das Nachschlagewerk in neuer Rechtschreibung erscheint, enthält es schon wieder ungezählte neue Schreibvarianten und verbindliche Neuschreibungen, mit denen die neue Rechtschreibung ein weiteres Mal verbessert werden soll. Viele dieser Neuschreibungen erlauben die Rückkehr zu klassischen Schreibweisen, andere führen völlig neue Varianten ein. Und in dieser Form soll die neue Rechtschreibung im Sommer 2005 verbindlich werden.

Weiter heißt es in der WELT: »Schon im Frühjahr hatte der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler vorausgesagt, dass die neuerliche „Reform der Reform“ etwa 3000 bisher nicht gestattete Schreibweisen betrifft. Die Zahl hatte Ickler aus einer Wörterliste für den Buchstaben „D“ ermittelt, in der die geplanten Änderungen exemplarisch vorgeführt worden waren. Icklers Zählung hatten sowohl die Kultusminister als auch die Mitglieder der Mannheimer Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung heftig widersprochen und unterstrichen, es handle sich überwiegend nur um „Präzisierungen und Ergänzungen“. Kein einziges Buch müsse neu gedruckt werden.

Nun liegt mit dem Duden bereits das erste neu gedruckte Buch vor und stößt die Beschwichtigungsversuche über den Haufen. Der Erlanger Wirtschaftswissenschaftler Christian Dörner hat den Neududen durchforstet und kommt zu der Einschätzung, dass noch „weit mehr als 3000 Schreibweisen neu zugelassen und verbindlich vorgeschrieben worden sind“. In akribischer Untersuchung musste er feststellen, dass nicht einmal der Duden selbst die neuen Schreibweisen durchgängig anwendet, die in den beigegebenen Regeln dekretiert werden.

Da sich die mehreren Tausend neuen Schreibweisen bislang auf dieses eine Wörterbuch beschränken, wird es immer fraglicher, ob der Einführungstermin Sommer 2005 für die neue Neuschreibung gehalten werden kann. Es kommt hinzu, dass schon jetzt von weiteren Änderungen und Anpassungen die Rede ist, die ein Rat für deutsche Rechtschreibung vornehmen soll, den die Kultusminister im September berufen wollen.

Möglicherweise ist dies auch der Grund dafür, dass andere Wörterbuchverlage mit dem Druck von Neuauflagen zögern. Andererseits zeichnet sich als immer unausweichlicher ab, dass sämtliche Wörterbücher neu gedruckt werden müssen, weil die im Duden wiedergegebenen Regeländerungen dies erzwingen.

Inzwischen beginnt sich auch in Österreich und der Schweiz der Widerstand von unten gegen die Reform zu formieren. Als erste österreichische Zeitungen kehren das Massenblatt „Kronen Zeitung“ und das Magazin „News“ zur klassischen Rechtschreibung zurück. SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer sieht „keinen Sinn“ in den neuen Schreibregeln und bemerkt amüsiert: “ Wozu, bitte, brauchen wir etwas, das niemand haben will und an das sich niemand hält?“

In der Schweiz haben die renommierten Schweizer Monatshefte die Kehrtwende vollzogen, nach dem sie schon im November 2003 ein ganzes Themenheft dem „Fehlkonzept Rechtschreibreform“ gewidmet hatten.«

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