Heute: Margit Ketterle: Die Geschichte einer Unterschätzung (Petra Reski)

Margit Ketterle

Wer eigentlich hat Petra Reskis Mafia-Buch Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern bei Droemer, das derzeit in aller Munde ist, lektoriert? – Die Frage nach „dem oder der dahinter“ treibt viele Buchhändler immer wieder um. Anlass genug für buchmarkt.de, sich um diese Berufsgruppe, die ja hauptsächlich im Hintergrund wirkt, zu kümmern. In regelmäßiger Folge stellen wir an dieser Stelle Macher vor, die dafür sorgen, dass uns der Lesestoff nicht ausgeht

Die Lektorin
Margit Ketterle ist Verlagsleiterin Sachbuch bei Droemer Knaur in München. Sie volontierte beim Deutschen Taschenbuchverlag, wo sie 1992 Cheflektorin non-fiction wurde. Nach sechs Jahren als Verlagsleiterin von Econ, Propyläen und zeitweise Bucher, arbeitete sie als Agentin, bis sie im Herbst 2006 bei Droemer Knaur einstieg.

Das Buch – der „Fall Reski“
Die Aufgabe im neuen Verlag erschien einfach – die Autorin Petra Reski halten. Zuletzt hatte Droemer von ihr einen herrlich komischen Text veröffentlicht: “Der Italiener an meiner Seite”. Da lag die Fortsetzung nahe: “Mein Leben als Blondine”.

Wir treffen uns das erste Mal zum Frühstück, mögen beide Ei im Glas und lachen viel, nachdem wir vorher ein bißchen Ping-Pong gespielt haben: Wer kennt wen, wer schreibt was und wie gut – das ganz normale Geschäft bei einem Kennenlernen. Dann aber: “Eigentlich möchte ich mein nächstes Buch über die Mafia schreiben.” In Sekundenschnelle rattern bei mir alle Argumente dagegen durch den Kopf. Nach Puzo gab es keinen großen Mafia-Roman mehr, Sachbücher über die Mafia gehen nicht… Halt, John Dickie bei S. Fischer fällt mir ein, und Roberto Saviano ist gerade bei Hanser angekündigt. Meine Miene scheint nichts verraten zu haben, denn mein Gegenüber fährt fort: “Seit zwanzig Jahren lebe ich in Italien, seit zwanzig Jahren schreibe ich für deutsche Zeitungen und Zeitschriften über die Mafia, mein erstes Buch war über eine abtrünnige Mafiafrau, und nun, nach den Duisburger Morden, da wäre es doch an der Zeit, endlich auch die deutsche Seite der Medaille zu beleuchten…”

Jetzt hat sie mich gepackt. Ich behalte mein Contra für mich und wir verabreden ein Exposé.

Knapp ein Jahr später, im September 2008, erscheint bei Droemer Petra Reskis Mafia-Buch – und am Buchmessen-Mittwoch eine Hymne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Andreas Rossmann. Sein Satz: “Die Mafia ist mitten unter uns”, wird sich als wahrer erweisen, als wir in der Freude über sein hoffentlich verkaufsförderndes Lob ahnen: “Wie die Vergehen der Mafia verdrängt, abgespalten und verklärt werden, wird dargelegt, ihre Mythen, Mentalitäten und Moral werden ebenso geschildert wie ihre Präpotenz, Arroganz und Protz: So gegenwärtig, anschaulich und farbig ist, zumindest auf Deutsch, noch nie über sie geschrieben worden. Die Mafia sieht nach diesem Buch anders aus.”

Genau so ist es, wie wir im Verlag rasch merken: Unterlassungserklärungen und schließlich eine Einstweilige Verfügung erreichen uns, angestrengt von im Buch genannten Personen, die in Deutschland “ehrenwerte Geschäfte” betreiben. Petra Reski geht trotzdem auf Lesereise, in Erfurt wird sie von ortsansässigen Italienern als Mafiosa beschimpft und bedroht. Der ehemalige Bürgermeister sagt: Geldwäsche? Bei uns doch nicht. Und wenn schon – woher hätten wir denn das viele Geld nehmen sollen, das wir hier im Osten brauchten?

Wir schwärzen in der nächsten Auflage die angegriffenen Passagen, Petra Reski tritt weiter auf, wird wegen angeblicher Beleidigung angezeigt, Polizisten unterstützen sie. Derweil versuchen wir, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, vom PEN bis zu „Reporter ohne Grenzen“. Und dabei fällt dann auf, um wie viel lieber wir alle die Mafia weiter in Süditalien zuhause wissen wollen. Gewiss – und völlig zu Recht – solidarisieren wir uns mit Saviano und lassen uns im Kino von “Gomorra” erschüttern. Aber wir wollen nicht so genau hinschauen, was hier, vor unserer Haustür passiert.

Inzwischen ist bei Eichborn Jürgen Roths “Mafialand Deutschland” erschienen, wer weiß, vielleicht dreht der Wind. Aber auch gegen dieses Buch hatten eine Einstweilige Verfügung und obendrein Abmahnungen des Buchhandels sofort Erfolg. Es will nicht in meinen Kopf, dass deutsche Gerichte die Berichterstattung über organisierte Kriminalität unterbinden, die sich auf Ermittlungsdokumente des Bundeskriminalamts stützt. Recht haben und Recht bekommen, ich weiß, der alte Spruch.

Petra Reski und wir haben nun die zweite und vorerst letzte Runde hinter uns: die Berufungsverhandlungen in Düsseldorf und München Anfang April endeten mit einem Vergleich und einer Verurteilung auf Unterlassung. Schwarze Tage für die Pressefreiheit, wir schwärzen weiter und bereiten die Taschenbuchausgabe vor.

Nun habe ich immer noch kein Wort über das Buch selbst verloren; dass ich es großartig finde, ist aber wohl klar geworden. Ich lasse deshalb lieber noch einmal die FAZ zu Wort kommen: “Viele mafiöse Verhaltensweisen spielen sich, so führt Petra Reski eindrücklich vor, in aller Öffentlichkeit ab, und es bedarf ‘nur’ eines geschulten Blicks und einer (oft großen) Portion Unerschrockenheit, sie wahrzunehmen und zu studieren. Aus dem Umstand, daß die Mafia in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, zieht die Autorin eine so naheliegende wie mutige Konsequenz: Sie rückt den Mafiosi und ihren Angehörigen auf die Pelle und lockt sie mit ihren Fragen aus der Reserve. Klingt einfach, ist aber in dieser Mischung aus scheinbarer Unbedarftheit und Vertrauen weckender Einfühlung, Chuzpe und Courage ganz schön raffiniert: ‘Unterschätzt zu werden, ist das Beste, was einem Journalisten während einer Reportage passieren kann’, notiert Petra Reski einmal, und das gilt, wie sie weiß, in Süditalien für eine Frau erst recht.”

Nein, unterschätzen sollte man Petra Reski nicht. Und erst recht sollte man sie lesen.

Petra Reski, Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern Droemer, September 2008, 336 S., 19,95

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