Nagel & Kimche zu Willemsens Vorwürfen der „Bestsellermacherei“

„Wenn wir gebeten werden, ein Buch zu besprechen, an dem wir eigentlich alle gern vorbeigegangen wären. Wenn dieses Buch ein künstlich gemachter Schweizer Bestseller ist, den der Verlag durch die geschwindelte Angabe ‚Startauflage 100.000‘ durchsetzen möchte, und wir anscheinend Teil dieser Kampagne werden sollen – dann weckt das in mir ein querulantisches Aufbegehren.“ So Roger Willemsen im Schweizer Magazin „Facts“ zu seiner Arbeit im „Literaturclub“ im Schweizer Fernsehen [mehr…]. Das möchte Nagel & Kimche-Verleger Dirk Vaihinger so nicht stehen lassen. Hier sein Brief an den Facts-Chefredakteur Andreas Durisch:

Sehr geehrter Herr Durisch,

in der Ausgabe des Facts vom 29.6. unterstellt Roger Willemsen in seinem Interview über die Unabhängigkeit des ‚Literaturclubs’ SF DRS, der bei uns erschienene Roman Melnitz des Schriftstellers Charles Lewinsky sei aufgrund von Absprachen und Kumpaneien zwischen dem Verlag und Schweizer Medien zu seinem fulminanten Erfolg gelangt. Diese Unterstellung ist so absurd wie die Behauptung, Melnitz sei ein „künstlich erzeugter Bestseller“. Gerade Roger Willemsen, der sowohl als Schriftsteller wie als Medienprofi den Buchmarkt sehr gut kennt, weiß besser noch als jeder andere, dass Bestseller nicht künstlich erzeugt werden können.

Tatsächlich hat ja kein Schweizer Teilnehmer Melnitz für die ‚Literaturclub’-Sendung vom 18. April vorgeschlagen, sondern die renommierte deutsche Kritikerin Gabriele von Arnim („Üppig, süffig – ein Schmöker vom Schönsten.“). Wenige Wochen später rezensierte sie im Übrigen den Roman im Deutschlandradio mit den Worten, er sei „in einer leichten, bilderreichen Sprache“ geschrieben: „Der ideale Schmöker für einen regennassen Frühling.“

Es ist aber vor allem eine seltsame, wenn auch uns ehrende Vorstellung, der Verlag Nagel & Kimche könne die gesamte Schar der deutschen Großkritiker für seine Marketingzwecke vereinnahmen. In Deutschland nämlich wurde der Roman mindestens so hymnisch besprochen wie in der Schweiz. Zur Erinnerung seien hier die wichtigsten Stimmen aufgeführt. Wolfgang Höbel, Der Spiegel: „Lewinsky präsentiert eine vor Erzählbegeisterung überbordende Familiensaga, bevölkert mit vielen herzerweichenden, hinreißenden, schillernden Figuren. Ein blendend recherchiertes Buch, das mit viel Liebe zum Detail aufgeschrieben ist.“ Ernst Osterkamp, Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Der Autor kann mit wenigen Strichen vielfarbig abschattierte, lebensvolle Charaktere zeichnen; er kann wunderbare Dialoge schreiben; er verfügt über einen hohen Sinn für erzählerischen Rhythmus; er vermag Situationskomik einzusetzen und überdreht auch in sentimentalen Situationen die Gefühlsschraube nicht. Das ist genau die Mischung, die man sich von einem Roman erhofft.“ Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung: „Diesmal ist ihm ein großartiger Roman gelungen, der alle Aufmerksamkeit verdient.“ Angela Wittmann, Brigitte: „Von allen Büchern, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, ist dieses mein absoluter Favorit.“

Diese Stimmen bilden nur einige der euphorischen Besprechungen aus den wichtigsten Feuilletons in Deutschland, die die literarischen Qualitäten des Romans erkannt haben. Alles ein Ergebnis von „Schweizer Seilschaften“? Das ist so schmeichelhaft im Effekt, wie es als Abwertung gemeint war.

Da das große lesende Publikum über diese Zusammenhänge im Normalfall nicht unterrichtet ist und nach den Aussagen Willemsens annehmen muss, Schweizer Verlage könnten Kritiker ‚kaufen’ oder für ihre Zwecke beeinflussen, was im Übrigen auch die Glaubwürdigkeit dieser Kritiker anzweifelt, halten wir diese Korrektur der Unterstellungen von Herrn Willemsen für richtig und wichtig. Ihm wünschen wir für sein nächstes Buch einen zumindest annähernd so schönen Erfolg – in den deutschen wie in den Schweizer Medien.
Mit freundlichem Gruß

Dirk Vaihinger

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