Literaturpreise „Live“ dabei: Bilder vom Bayerischer Buchpreis

Zum zweiten Mal wurde gestern der vollkommen neu konzipierte Bayerische Buchpreis in der vollbesetzten Allerheiligen-Hofkirche in München verliehen – das Format greift die besten Traditionen des Literarischen Quartetts auf, und das besser als die bisherige Nachfolgesendung.

Die Juroren Carolin Emcke (Vorsitz), Franziska Augstein und Denis Scheck lieferten sich während einer guten Stunde geschliffene Rededuelle, humorvolle Pointen und ließen das Publikum gespannt teilhaben an dem schwierigen Weg, unabgesprochen innerhalb von zweimal 30 Minuten zu einer Entscheidung zu kommen. Im Sachbuch waren nominiert:

Bruno Preisendörfer Als Deutschland noch nicht Deutschland war (Galiani)
Monika Rinck Risiko und Idiotie (kookbooks)
Reiner Stach Kafka. Die frühen Jahre (S. Fischer)

18 Jahre lang hat Stach über Kafka gearbeitet. Der dritte und abschließende Band war bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das Gesamtwerk bezeichnete Denis Scheck, dem Kafka in der Schule als der „heilige Franz“ verleidet wurde, lobend als „das Gegenteil von dem, was man als deutsche Biographie versteht“. Er überrumpelte dann auch seine Jury-Kolleginnen, indem er plötzlich das Stach-Buch als seine erste Wahl hochhob und damit Carolin Emcke die Chance nahm, noch einmal zu erklären, warum sie trotz ihrer Begeisterung für Monika Rinck („Das Klügste, das ich seit sehr sehr sehr langer Zeit gelesen habe.“ – „Nach der Lektüre kann ich nicht mehr schreiben wie bisher“) auch für Stach gestimmt hat. Franziska Augstein mochte diese Begeisterung nicht teilen, sie wollte von dieser Streitschrift nicht vereinnahmt werden: „So oft ich angesprochen werde – so wenig fühle ich mich angesprochen.“ Es ist wohl mehr als ein „eigenwilliger Ton“, den Monika Rinck mit ihren Streitschriften, Gedichten und sonstigen Texten anschlägt. Denis Scheck, immer schnell mit Zitaten aus den Büchern dabei, gab zum Besten: „Du erschütterst mich, sagt ein Seismograph zum anderen.“

Franziska Augsteins Favorit war Preisendörfers quellenreiche Reise in die Goethezeit. Es ist viel mehr als eine „Fundgrube“ (wie DIE ZEIT schrieb) – es ist ein „Schatzhaus von Wissen“, erklärte Denis Scheck.

In der Belletristik war die Kandidatur von Frank Witzel besonders spannend, der für Die Erfindung (so darf man das ja mit Erlaubnis des Autors selbst abkürzen) bereits den Deutschen Buchpreis 2015 erhalten hat. Seine Nominierung war jedoch schon vor der Verleihung des dbp beschlossene Sache. Die anderen Titel waren:

Ulrich Peltzer Das bessere Leben (S. Fischer)
Angela Steidele Rosenstengel (Matthes & Seitz)

Bei Matthes & Seitz dürften in diesem Jahr ohnehin die Sektkorken mehrfach geknallt haben und noch knallen, allein die zweifache Kandidatur von Frank Witzel und Angela Steidele darf als Sensation gelten. Und dann gewann Angela Steidele („Lange hat mich kein Debüt mehr so begeistert“ – Denis Scheck) mit ihrer von Judith Schalansky gestalteten Liebesgeschichte gegen den Strom den Preis. So wie die Hauptfigur in dem Roman das Vertrauen des Märchenkönigs Ludwig II. gewinnt, hat die Autorin das Vertrauen der Juroren errungen.

Frank Witzels 800-Seiten-Roman verleitete Denis Scheck zu dem Spruch: „Wir müssten beide abnehmen“; er habe „sich einen Wolf gelesen“. Carolin Emcke konterte: Es dürfe bei diesem „grandiosen Wurf, wie sich Geschichte erzählen lässt“ keine Seite fehlen.

Franziska Augsteins Favorit war Ulrich Peltzer, der in einem „wahnsinnig guten Deutsch“ einen klugen Gesellschaftsroman über das Kernthema Geld geschrieben hat, der wirkliche Figuren statt Stereotypen aus der großen Finanzwelt auftreten lässt. Für Carolin Emcke ist Peltzer „einer der großen Gegenwartswartsautoren“, die Verortung des Buches in den Siebzigerjahren sei nur ein Trick.

Das war schon bekannt und brauchte nur noch verliehen und gefeiert werden: der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten an Cornelia Funke für ihr Lebenswerk [mehr…]. Schön, dass ein echtes Nordlicht mit Wohnsitz in Los Angeles und internationalem Millionenerfolg nun auch von Bayern aus höchstes Lob bekommt. Ein weiteres Zeichen dafür, dass das Kinderbuch Teil des literarischen Diskurses ist. Horst Seehofer ließ sich wie schon letztes Jahr durch Ilse Aigner vertreten, Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie (man beachte: „Medien“ immerhin an zweiter Stelle genannt). Sie machte ihre Sache ordentlich. Die Autorin trug per Video ihren Dank vor, und Dressler-Verlegerin Julia Bielenberg nahm den Preis entgegen.

Allen Nicht-Bayern sei gesagt: Der Bayerische Buchpreis ist keine Regionalangelegenheit – es ist ein Ereignis von erstklassigem Rang für die ganze deutschsprachige Literatur. Wer nicht dabei sein konnte: unbedingt im Fernsehen anschauen! Der Bayerische Rundfunk sendet die Veranstaltung am 16.11. um 23:40 in BR Lesezeichen, am 17.11. um 19:30 und am 18.11. um 16:00 auf ARD alpha. Auch wenn noch an der Wirksamkeit des Preises im Buchhandel gearbeitet werden muss – die Preisfindungsprozedur ist originell, überzeugend und für das teilnehmende Publikum extrem spannend. Ein Schuft, der Abgekartetes dabei denkt.

Ulrich Störiko-Blume

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