Auszeichnungen Frankfurt Bergen-Enkheim: Thomas Melle zieht ins Stadtschreiberhaus

Gestern Abend wurde traditionell im großen Festzelt auf dem Markt des Frankfurter Stadtteils Bergen-Enkheim der Schlüssel für das Stadtschreiberhaus An der Oberpforte 4 an den 44. Amtsinhaber Thomas Melle übergeben.

Ortsvorsteherin und Juryvorsitzende Renate Müller-Friese begrüßte den bisherigen Stadtschreiber Sherko Fatah und das Jurymitglied Peter Weber. „Meine schönste Aufgabe als Ortsvorsteherin ist die in der Stadtschreiber-Jury“, unterstrich Müller-Friese. Außerdem erinnerte sie an den langjährigen, in diesem Jahr verstorbenen Juroren Peter Härtling, der noch an den Sitzungen des Gremiums teilgenommen hatte und zitierte aus seiner Abschiedsrede 1978. Damals hatten Schüler einen Ginkgo im Garten des Stadtschreiberhauses gepflanzt, der Baum hat inzwischen eine stattliche Größe erreicht.

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann betonte in seinem Grußwort: „Was hier in Bergen-Enkheim mit der Stadtschreiberei passiert, ist Ausdruck eines Lebensgefühls. Die Festzeltatmosphäre ist einzigartig. Egal, wie viele terroristische Spinner herumlaufen – wir lassen uns das Feiern nicht verbieten.“

Die Festrede hielt Ahmad Mansour. Der 1976 im israelischen Tira bei Kfar-Saba geborene Sohn arabischer Israelis sei überrascht, aber auch verunsichert gewesen, als er erfuhr, dass ihm die Ehre der Festrede zuteil wurde: „Ich darf keinen Grammatikfehler machen, ging mir dabei auch durch den Kopf.“

Die Literatur habe in seinem Leben eine sehr wichtige Rolle gespielt. „Wir hatten zuhause nur ein Buch – den Koran.“ Ziel der Schule sei es gewesen, möglichst viel auswendig zu lernen: „Dann musste man sich nicht mit den Texten auseinandersetzen.“ Im Alter von 13 Jahren habe er sich radikalisiert. „In der Koranschule habe ich Freunde gefunden, war nicht mehr nur Kind eines Bauern. Ich hatte das Gefühl, die Wahrheit zu besitzen.“ Auf das bestandene Abitur war er stolz, ging damit von Haus zu Haus, um es zu zeigen: „Damals gab es noch kein Facebook.“

Mansour zog 1996 nach Tel Aviv, um Psychologie zu studieren. „Statt der Feinde fand ich Freunde. Ich musste Nietzsche, Freud und Machiavelli lesen. Und mit jedem Buch habe ich mehr an meiner bisher vermeintlichen Wahrheit gezweifelt. An der Uni ging es nicht mehr darum, etwas auswendig zu lernen. Analysen waren gefragt.“

2004 hat sich Mansour entschlossen, nach Deutschland zu gehen. „Ich habe mich zuerst verloren gefühlt.“ Es sei nicht einfach gewesen, die deutsche Sprache zu erlernen, aber er habe nicht aufgegeben. „Deutschland habe ich als kalt empfunden. Mir war klar, das die Sprache der Schlüssel war, und ich habe es geschafft, weil ich neugierig war.“ Heute sei vieles einfacher. „Ich habe mit Migranten zu tun, viele haben Ängste und sind überfordert. Was wir brauchen, ist Aufklärung. Integration passiert, wenn emotionale Zugänge möglich sind, wenn Migranten Nachbarn werden, wenn wir sie ernst nehmen“, stellte der Redner fest. Die Gemeinschaft Europa sei zustande gekommen, weil Menschen nachdenken und kritisieren durften. „Wir brauchen kritisches Denken. Die Menschen haben Angst – als Muslime sollten wir endlich Verantwortung übernehmen“, sagte Mansour.

Eine wichtige Aufgabe komme den Schulen zu. „Das sind Orte der Sozialisierung und Aufklärung. Kinder sollten nicht getrennt nach Religionszugehörigkeit unterrichtet, sondern zusammengebracht werden. Wir müssen ihnen Werte vermitteln und kritisches Denken fördern.“ Viel komme auf Prävention an – aber das sei auch ein langer Weg. „Wir müssen uns einig sein, was uns ausmacht. Für mich ist es das Grundgesetz“, bekräftigte der Engagierte. Seine Rede gab mehrmals Anlass zu spontanem Beifall.

Sherko Fatah erinnerte sich in seiner Abschiedsrede an die Diskrepanz zwischen Wetterkapriolen und politischem Geschehen. „Der diesjährige Wahlkampf wird wohl als langweiligster in die deutsche Geschichte eingehen“, vermutete der Stadtschreiber, und unterstrich: „Nichts, was die Bürger umtreibt, wird debattiert. Wichtige Themen werden den Falschen überlassen. Und Fragen zur Steuer? Darüber wird ebenfalls nicht geredet. Genügt tatsächlich die Versicherung der Kontinuität, um eine Wahl zu gewinnen?“

Auf sich selbst bezogen stellte Fatah fest: „Zwischen Mitleid und leiser Verachtung verläuft eine kaum wahrnehmbare Trennlinie, die ich mehrmals täglich überschreite.“

Gerne sei er in Bergen-Enkheim gewesen, habe die Auszeichnung genossen und gearbeitet. Von einigen wenigen sei der Stadtschreiberpreis auch in Frage gestellt worden. „Doch was ist dieses Preisgeld im Vergleich zum Flughafen BER? Ich denke, es ist wesentlich sinnvoller und erheblich weniger eingesetztes Geld.“ Der Applaus war Fatah sicher. „Schweren Herzens übergebe ich das Amt“, schloss Fatah, „möge es meinem Nachfolger hier ebenso gut ergehen wie mir.“

Dann folgte die symbolische Schlüsselübergabe an Thomas Melle.

Renate Müller-Friese gratuliert Thomas Melle, in der Mitte Sheko Fatah mit dem Schlüssel

 

Der neue Stadtschreiber begann seine Rede mit einer Feststellung: „Manchmal fällt mir ein, dass ich eigentlich schon tot war. Das lässt mich leben.“ Er sei sich sicher, schon einmal in Bergen-Enkheim gewesen zu sein, und zwar am 26. April 2006.

Melle sprach über seine Krankheit, eine bipolare Störung, die er im Roman Die Welt im Rücken thematisierte, in dem sich Leben und Literatur total verwirren, bemerkte dazu, dass Authentisches nur durch die Kunstform möglich ist – das Paradoxon sei ihm durchaus bewusst. Er habe sich der Aufgabe gestellt, etwas zu beschreiben, was sich der Beschreibbarkeit entziehe, ein ätzender Stoff musste erzählerisch gefasst und die Wirklichkeit im Blick behalten werden. „Die Krankheit pushte mich zu unbedingtem Verständlichkeitswillen“, sagte Melle.

Auf seinen Besuch in Bergen-Enkheim vor elf Jahren zurückkommend, erklärte er: „Ich war zu spät zur Veranstaltung von Katharina Hacker gekommen, polterte in die Nikolauskapelle und fühlte mich unwohl. Aber nach der Lesung – Lesungen mag ich noch heute nicht – wurde ich mitgenommen und eingemeindet. Das Stadtschreiberamt ist keine Resozialisierungsmaßnahme für mich, das weiß ich. Ich bin froh, heute hochlebendig wieder hier zu sein und möchte mich neuen Stoffen zuwenden.“

Mit einer Signierstunde und einer anschließenden Disko-Nacht klang die Schlüsselübergabe an den neuen Stadtschreiber aus.

JF

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