Veranstaltungen Frankfurt startet Shared Reading

Die Idee kommt aus dem englischen Liverpool, dort fanden sich Interessierte zusammen, um Texte zu hören und miteinander darüber zu reden. Shared Reading wurde von der 1997 gegründeten The Reader Organisation ins Leben gerufen. Seit 2014 hat die Organisation in einem Haus am ehemaligen Schulweg von John Lennon ihren festen Sitz.

Zur Leipziger Buchmesse 2016 wurde erstmals darüber gesprochen, dieses Projekt auch in Deutschland auszuprobieren, die Literaturvermittler Thomas Böhm und Carsten Sommerfeldt, die sich in Liverpool umgesehen hatten und von der Idee begeistert waren, stellten es vor.

Inzwischen hat die Idee Fahrt aufgenommen, seit knapp einem Jahr gibt es einen Testlauf in Berlin – BuchMarkt berichtete im Heft 4/2016 darüber.

Heute stellten die Kooperationspartner das Projekt in Frankfurt vor – der zweiten Stadt in Deutschland, die Shared Reading ausprobiert.

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Dr. med. Christiane Faust-Bettermann, Benno Hennig von Lange, Hauke Hückstädt, Sabine Homilius, Sigrid Scherer, Carsten Sommerfeldt

 

„Literatur macht Menschen nicht besser – aber komplexer“, begrüßte Hauke Hückstadt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt, die Gäste des Pressegesprächs. „Nach dem Motto ‚Literaturhaus für alle’ leuchtete uns das Konzept von Shared Reading sofort ein, und wir sind froh über eine weitere Spielart im Haus. Shared Reading ist ein niedrigschwelliges Angebot – und mit das Beste, was aus England zu uns kommt.“

„Es geht darum, Texte erfahrbar zu machen“, erläuterte Carsten Sommerfeldt. Zehn bis zwölf Personen finden sich dafür einmal wöchentlich in einem geschützten Raum unter der Leitung eines Facilitators, eine Art Moderator, ein. Der Facilitator bringt einen Prosatext mit, liest ihn langsam und für alle verständlich vor. Anschließend tauschen sich die Teilnehmer über den Text aus, wer nicht über seine Eindrücke und Empfindungen sprechen möchte, wird nicht dazu gezwungen. Am Ende der 90-minütigen Veranstaltung steht ein Gedicht, so erhalten die Teilnehmer fast nebenbei einen Zugang zu Lyrik. „Die Vielstimmigkeit der Interessenten ist eine Bereicherung“, weiß Sommerfeldt.

In Frankfurt soll Teilendes Lesen mit drei Gruppen beginnen. Shared Reading unterscheidet sich vom Lesekreis, weil sich Menschen außerhalb ihres normalen sozialen Umfelds begegnen und keinerlei Vorbildung notwendig ist. In England ist Shared Reading beispielsweise in Krankenhäusern und Altenheimen, auch mit Demenz- und Suchtpatienten erfolgreich. „Shared Reading basiert auf vier Säulen: Unternehmen, Bildung, Gesundheit und Community“, erläuterte Sommerfeldt.

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Benno Hennig von Lange, Hauke Hückstädt, Sabine Homilius

 

„Am meisten begeistert mich, dass im Projekt eine Bindung entsteht, und zwar in einer konzentrierten Atmosphäre“, sagte Sabine Homilius, Leiterin der Stadtbücherei. Das erste Projekt wird am 16. Februar in der Stadtteilbibliothek Frankfurt-Bornheim starten, richtet sich an Interessierte über 60 Jahre und dreht sich um Gesundheitsvorsorge im Alter. Die Staffel, die dreimal monatlich in der Bibliothek und einmal in einem Wohnstift organisiert wird, ist zunächst bis Mai 2017 geplant.

Eine weitere Gruppe startet am 1. März jeweils mittwochs und donnerstags im Literaturhaus, es geht um Community.

„Wir haben gute Erfahrungen in der Kooperation mit der Stadtbücherei“, unterstrich Sigrid Scherer von der BHF-Bank-Stiftung, die das Projekt finanziell unterstützt. Seit vielen Jahren engagiert sich die Stiftung für Erforschung und Verbesserung der Lebensbedingungen älterer Menschen. Außerdem fördern die Dr. Marschner Stiftung und das Gesundheitsamt Frankfurt das Projekt.

„Es gibt eine Kooperation mit dem benachbarten Hospital zum Heiligen Geist“, fügte Benno Hennig von Lange, Literaturhaus und einer von bislang drei ausgebildeten Frankfurter Facilitatoren, hinzu. Shared Reading interessiere sich nicht für den Markt, es gehe nicht um Novitäten, sondern um soziale Strukturen. „Damit schließen wir eine Lücke in der Literaturvermittlung in Deutschland“, bemerkte von Lange. Ebenfalls als Facilitatoren sind nach Absolvierung entsprechender Kurse Lisa Schumacher, Literaturhaus, und Svenja Stöhr, Stadtbücherei, tätig.

Der Facilitator liest nicht nur den Text, sondern muss auch ein Gespür für die Gruppe entwickeln, Gespräche anregen, für Balance sorgen.

Shared Reading ist ein gutes Angebot für unsere Patienten, die sich außerhalb, aber in der Nähe des Krankenhauses treffen können“, äußerte Dr. med. Christiane Faust-Bettermann, Hospital zum Heiligen Geist. „Es geht darum, sich gut zu fühlen, Wertschätzung zu erfahren. Das Projekt ist auch eine Art Empathietraining und entschleunigtes Lesen. Und am Ende kann man vielleicht noch eine Gedichtzeile für sich mitnehmen.“

Die Auswahl der Texte obliegt den Facilitatoren, es geht um die großen Themen des Lebens. „Damit ergibt sich eine schier endlose Fülle von der Klassik bis zur Gegenwartsliteratur“, erklärte Sommerfeldt. Sein in Gründung befindliches Unternehmen ist gerade dabei, einen Kanon von Texten zusammen zu stellen. Natürlich spiele die Gruppenzusammensetzung eine Rolle für die Auswahl der Texte.

Das Projekt soll in Frankfurt über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten laufen. Eine anschließende Evaluierung wird zeigen, wie das Projekt angenommen wurde und wie es weitergeführt werden kann.

JF

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