Gerhard Beckmanns Meinung – Warum sehen die Leute rot, wenn Dieter Schormann redet?

Dass der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nicht in das notorische Jammern der Branche einstimmt, sondern Verlagen und Buchhändlern Mut machen will, ist verständlich, sogar sehr begrüßenswert. Aber….

Ich hatte Dieter Schormanns unglückliches Interview im Handelsblatt vom 15. März [mehr…] für einen unbedachten Ausrutscher gehalten. Die vorsichtige anschließende Zusammenfassung in boersenblatt.net bestätigte mich in der Absicht, die Sache nicht zu kommentieren. Doch Dieter Schormann begreift offensichtlich nicht, was es bedeutet, wenn er spricht. Auf der Leipziger Buchmesse hat er gesagt, „er halte an seinen Erwartungen von zwei bis vier Prozent Umsatzplus für 2004 fest“, mit der Begründung: „Verleger und Buchhändler hätten mit Initiativen zur Leseförderung und Leserbindung die Stagnation aufgefangen und die Kaufzurückhaltung besser verkraftet als andere Branchen“ (so etwa zu lesen im Wiener Standard.

Von welchen Initiativen redet Dieter Schormann da? Und inwiefern haben sie die Stagnation aufgefangen? Wir hätten es alle gern gewusst. Außerdem: Es mag ja sein, dass andere Branchen von der Kaufzurückhaltung stärker betroffen sind als die Buchbranche – aber auch im Vergleich ergibt Minus plus Minus noch kein Plus. Und für wen spricht der Vorsteher? “Unser Bundeskanzler und unser Vorsteher haben da in letzter Zeit eine nicht zu begründende Zuversicht“, hat Joachim Unseld in Leipziger denn auch gegenüber der dpa geäußert – eine auf den ersten Blick vorsichtige Formulierung, die es freilich in sich hat; denn der Vergleich mit Gerhard Schröder – wer glaubt dem noch? Die Partei etwa, die er vertritt?- ist momentan ein Schlag mit der Keule. Mehr noch: Die Zahlen, auf welche Dieter Schormann seinen Optimismus stützt, sind höchst fragwürdig. Sie stehen im Widerspruch zu allen übrigen Erhebungen und Prognosen. Die Absicht des Börsenvereins, mit seinem Monitor allmählich eine eigene, solide statistische Basis aufzubauen, ist löblich. Muss da nun der Vorsteher mit rhetorischen Husarenritten dieses im Aufbau begriffene Instrument vorzeitig in Misskredit bringen? Und wozu? Die Wiederwahl im Mai macht ihm doch keiner streitig.

Vielleicht sollte er einfach weniger reden. Also: Dass es im Börsenverein Überlegungen gibt, den Deutschen Bücherpreis auf ein neue, Buch bezogenere, publikumswirksame Form zu bringen, nimmt nach dem recht bescheidenen Erfolg der bisherigen Gestaltungsweise nicht wunder. Es ist vernünftig. Ein fester, alles in allem runder Plan liegt indes doch wohl noch nicht vor, anders gesagt: Die Sache ist noch nicht spruchreif. Warum muss Dieter Schormann dann in Leipzig preisgeben – zum Entsetzen von Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, der offenbar in überhaupt nichts eingeweiht war, dass die Gala-Verleihung des Deutschen Bücherpreises in Zukunft nicht mehr in Leipzig stattfinden wird? Optimismus und Zuversicht hat er so wiederum nicht wirklich geweckt, auch nicht für die Branche – dazu würde es einer überzeugenden Perspektive für die Zukunft des Preises bedürfen. (Und soweit ist es eben noch nicht.)

Es wäre gewiss unfair und sicherlich sogar falsch anzunehmen, dass es Dieter Schormann gar nicht darum geht, Optimismus und Zuversicht zu wecken. Doch Marketing, das er für die Buchbranche zu Recht vornehmlich betreiben will, hat – eine Schulweisheit –Vertrauen zu schaffen, also glaubwürdig zu sein. Schönreden verändert nichts, unüberlegte Alleingänge gefährden Partnerschaften und erzeugen öffentlich Misstrauen oder Spott. So etwas tut einem gerade in schwierigen Zeiten so bedeutenden Amt nicht gut.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s. Im übrigen: Das Thema Vorsteher-Wahl ist auch das Thema unseres Kolumnisten Heinz Gollhardt im April-Heft, das Sie hoffentlich übermorgen alle in den Händen halten…

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