Schafft der WDR seinen Kulturauftrag selber ab? „Literatur muss Thema in den öffentlich-rechtlichen Medien sein und bleiben!“

Der WDR 3 hat angekündigt, die Berichterstattung zur Literatur drastisch zu reduzieren und populärer aufzustellen. Einer der Betroffenen sagt dazu: „Was das ungefähr heißt, kann sich jeder ausmalen, der in den letzten Jahren ähnliche Entwicklungen bei öffentlich-rechtlichen Sendern verfolgt hat. Der Kahlschlag trifft selbstverständlich nicht alleine freie Mitarbeiter, sondern natürlich alle, die mit Büchern zu tun haben und Bücher lieben – die gesamte Buchbranche, Autorinnen und Autoren, Hörerinnen und Hörer, die nicht nur seicht berieselt werden wollen. Man hat den Eindruck: Es braucht keine AfD, die Pluarlität, Diversität, kritische Auseinandersetzung verachtet und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zerschlagen möchte – die Sender schaffen ihren Kulturauftrag schon selbst ab“.
(Aktualisiert am 26.1.21 20 Uhr) : Es gibt dazu inzwischen eine Stellungnahme von WDR 3-Programmchef Matthias Kremin auf der Webseite des WDR: „Es geht lediglich darum, dass sie nicht auf einem vereinzelten Sendeplatz am Morgen im immer gleichen Format ausgespielt wird. Literatur hat einen extrem hohen Stellenwert bei WDR 3. Das wird auch so bleiben. Wir wollen mehr Menschen mit Literatur und Debatten darüber erreichen.“ (Der vollständige Text hier) .
Hier gibt es einen offenen Brief zu den Plänen des WDR. Hier kann man gegen die Abschaffung der täglichen Buchbesprechungen und ernstzunehmender Kulturberichterstattung beim WDR unterschreiben. 
Auch der Vorstand der Kurt Wolff Stiftung, dem Britta Jürgs (Vorsitzende), Leif Greinus und Jörg Sundermeier angehören, sowie Alexander Skipis und Karin Schmidt-Friderichs vom Börsenverein sprechen sich klar gegen die weitere Kürzung literarischer Angebote in den ARD– Hörfunkprogrammen aus:

Der Vorstand der Kurt Wolff Stiftung: „Im Dezember 2020 lief – nach 30 Jahren – zum letzten Mal das „Bücherjournal“ im NDR Fernsehen. Ende Januar 2021 wird nun, wie gestern bekannt geworden ist, den freien Mitarbeiter:innen des WDR mitgeteilt, dass die täglichen Literaturrezensionen auf WDR 3 ersatzlos entfallen. Weitere Streichungen von Sendeplätzen, auf denen Literatur und literarisches Leben besprochen werden, sollen bereits in den öffentlich-rechtlichen Medien diskutiert werden, hört man.

All das ist ein unerhörter Skandal. Auch wenn bekannt ist, dass in den Sendern gespart werden muss, so kann es nicht angehen, dass unter diesen Sparmaßnahmen immer und vor allem die Kultur leidet, und in besonderem Maße die Literatur.

Die Bibliodiversität, das fragile Gleichgewicht der kulturellen Kräfte auf dem Buchmarkt, ist bereits seit Jahren bedroht durch immer stärkere Konzentrationsbewegungen im stationären wie im Online-Handel. Dass nun aber der Literatur gewissermaßen ihre Existenzberechtigung entzogen wird – von Sendeanstalten mit verfassungsrechtlich verankertem Bildungs- und Kulturauftrag – ist nicht hinnehmbar!

Eine demokratische Gesellschaft versichert sich ihrer selbst immer wieder durch den Austausch von Gedanken, einen wesentlichen Anteil daran haben Bücher.

Bekanntlich veröffentlichen Politikerinnen und Politiker, wenn sie sich Gehör verschaffen wollen, keine Fotos, Pop-Songs oder Filme, nein, sie alle publizieren Bücher. So entfalten sie Wirkung. Und gleichermaßen wirken Bücher auch als kritisches Gegengewicht zu den herrschenden Kräften, man denke nur an die vielen, sehr erfolgreichen Enthüllungsbücher über das Vorgehen Donald Trumps.

In Romanen, Gedichten oder Erzählungen wiederum wird das Verhältnis der Menschen untereinander und zu sich selbst thematisiert oder ihr Platz in ihrer Umwelt, so etwa in der Natur. Die enorme gesellschaftliche Bedeutung von Kinder- und Jugendliteratur zu betonen, sollte in Zeiten der Corona-Pandemie nun wirklich nicht nötig sein!

In ihren Festtagsreden betonen Intendantinnen und Intendanten immer wieder, wie sehr ihnen an kultureller Vielfalt gelegen ist und wie sehr sie für eine offene, demokratisch verfasste Gesellschaft einstehen, die sich ihrer selbst bewusst ist. Wir fordern, dass sie endlich danach handeln und folglich der Literatur jenen Platz einräumen, der ihr gebührt.“

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins: „Die Entscheidung des WDR, die sich einreiht in immer mehr Streichungen von Kultur- und Literaturprogrammen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ist ein verheerendes Zeichen für die Buchbranche, aber auch für die gesamte Gesellschaft. Es darf keinen Sendeschluss für Bücher geben! Wir appellieren an den WDR, seinem gesetzlichen Auftrag einer kulturellen Grundversorgung nachzukommen und attraktive Formate für eine Literaturberichterstattung zu schaffen, anstatt inhaltlichen Kahlschlag zu betreiben.“

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins: „Nicht erst während der Coronakrise hat sich gezeigt, wie wichtig Bücher für die Menschen sind: Sie vermitteln Wissen, regen Debatten an, geben Halt und Orientierung. Die Buchbranche bringt mit großem Engagement Bücher zu den Menschen. Die Menschen brauchen unbedingt das öffentliche Gespräch über Literatur, um Anregung und Orientierung zu finden – und das zählt zum genuinen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“

2020 strich der WDR bereits den „Literaturmarathon“ auf WDR 5 aus dem Programm. Zuvor entschied der Norddeutsche Rundfunk im Mai 2020, die Literatursendung „Bücherjournal“ einzustellen. Öffentlich-rechtliche Sendeplätze für Buchthemen gingen in den vergangenen Jahren auch durch die Streichungen anderer ARD-Anstalten wie dem BR Fernsehen („Lesezeichen“, „Lido“, „Südlicht“, „Gottschalk liest“) und dem SWR Fernsehen („Lesenswert Sachbuch“) verloren.

 

 

Kommentare (2)
  1. Eine Kultursendung nach der anderen wird – manchmal klammheimlich – aus dem Regal genommen. „Unser“ Sender Bremen Zwei macht da auch fleißig mit, eines der letzten Opfer ist die regelmäßige, sehr beliebte Kolumne „Stilfältig“ der Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken („Angezogen: Das Geheimnis der Mode“; Klett-Cotta). Kommentar des zuständigen stellvertretenden Programmleiters: „Uns schien das Thema Mode für uns auserzählt, jedenfalls in der wöchentlichen Form.“ – Auserzählt… Und doch gibt es und entstehen an allen Ecken mehr – neben vielen anhörenswerten – unzählige Podcasts (eben auch in den öffentlichen Kanälen) so manche, die man gar nicht erst hätte anfangen sollen zu erzählen. Obendrein werden dann auch noch in dem erwähnten Fall alle die Vinken-Kolumnen von der Homepage des Senders weggeräumt, die man den Richtlinien gemäß immer ein Jahr lang nach ihrer Ausstrahlung noch anhören konnte. Das ist dann radikale „Auserzählung“…

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