Die unabhängige Buchhändlerin Birgit Grallert antwortet auf Herrmann-Arndt Riethmüller Was meinen wir, wenn wir vom „Buchhandel“ reden? Ein Kommentar von Birgit Grallert

Der Gastkommentar von Herrmann-Arndt Riethmüller im Börsenblatt macht den Riss, der durch die Buchbranche geht, deutlich: Wenn er als Osiander –  Aufsichtsrat vom Buchhandel spricht meint er etwas anderes als die unabhängigen Buchhändler des Landes. Das zeigt auch der Gastkommentar der unabhängigen Leipziger Buchhändlerin Birgit Grallert:

Birgit Grallert: „Ihre Innovationen gehen ausschließlich in Richtung eigene Rendite, nicht in Richtung vielfältige wettbewerbsfähige Buchbranche“

Am Freitag, dem 14.05.21 war im Börsenblatt ein vor Selbstlob strotzender, sehr seltsam anmutender Gastkommentar von Herrmann-Arndt Riethmüller, dem  Aufsichtsratsvorsitzenden der Osianderschen Buchhandlung zu lesen. Nicht nur dass er den Großfilialist Thalia fälschlicherweise als größten „Innovationstreiber“ der Buchbranche hinstellte und dem unabhängigen Buchhandel sowie den Barsortimenten ihre große Bedeutung für den deutschen Buchmarkt abspricht. Er interpretiert  außerdem den uns allen bekannten Branchenkenner Gerhard Beckmann mehrfach falsch. 

Bei seiner Argumentation  gegen die Lobeshymnen für das unabhängige Sortiment, in puncto Umsatz und Kreativität, vergleicht er, wie man so schön sagt,  Äpfel mit Birnen.  In verschieden großen Städten mit nicht vergleichbarer Lage sowie verschieden großen Buchhandlungen, welche voneinander abweichende Geschäftskonzepte haben, werden durch Herrmann-Arndt Riethmüller Titel von drei Verlagen  verglichen. Dass dabei Osiander mehr Titel lieferbar hat als die kleinere Buchhandlung wird von ihm mit mehr Vielfalt bei Osiander interpretiert. Das ist einfach unseriös.

Die von Herrn Riethmüller als Thalia-Impulse beschriebenen Punkte zeigen ebenso die halbe Wahrheit. Der Tolino E-Reader, als angepriesenes  Konkurrenzprodukt zum Amazon Kindle, war von Anfang an nicht an das Barsortiment KNV,  jetzt Zeitfracht, verkauft worden. Dadurch hat eine große Zahl von Buchhandlungen nicht von diesem sogenannten Impuls profitiert. Nicht nur Thalia schaffte es, mit der  Multi-Channel Strategie  den stationären Buchhandel mit dem Onlinehandel zu verbinden. Und auch E-Books wurden schon sehr zeitig vom unabhängigen Buchhandel im Laden und auf den eigenen Internetseiten verkauft. 

Wegen der bekannten Methoden von Thalia, in Bezug auf überhöhte Rabattforderungen und Werbekostenzuschüssen,  ihrem Geschäftsgebaren gegenüber Verlagen und unabhängigen Buchhändlern und wegen der punktgenauen Analyse von Gerhard Beckmann in seinen Artikeln, sind uns die Ambitionen der Großfilialisten  schon länger klar geworden.  Ihre Innovationen gehen ausschließlich in Richtung eigene Rendite, nicht in Richtung vielfältige wettbewerbsfähige Buchbranche. Offensichtlich ist, dass dadurch  eine Gefahr für die Buchpreisbindung und damit für die gesamte Branche und ihre Buchkultur ausgehen könnten. Mit seinem Text zeigt Herrmann-Arndt Riethmüller, dass diese Botschaft bei Thalia und Osiander angekommen ist. Der Versuch, sich mit dem Kommentar zu rechtfertigen, scheitert deutlich.   

Schon seit Thalia und Osiander versucht haben, mit den Zukäufen von immer mehr Buchhandlungen sich gegenseitig zu überbieten, war die Bezeichnung als Großfilialisten vorprogrammiert. Auf einmal wurden die früher stark abgelehnten kleineren Geschäftsflächen erworben, obwohl es vorher nicht groß genug sein konnte.  Ihre Zentrallager machen den Barsortimenten ernstzunehmende Konkurrenz und vermindern deren Wirtschaftlichkeit. Als man bei Osiander stolz die Verwendung von SAP und die Mitarbeit von Porsche Consulting hervorhob, oder eine Familienstiftung als Steuersparmodell einrichtete, war klar dass es diesem Großfilialisten, genau wie Thalia, nicht um Buchkultur oder um Konkurrenz zu Amazon geht, sondern um die größtmögliche Rendite. 

Seit vielen Jahren lese ich die Artikel von Gerhard Beckmann gern. Immer wieder schrieb er zu aktuellen Branchenthemen, die in Buchhandlungen, Verlagen und Barsortimenten zu Dauerproblemen werden könnten, oder schon geworden sind. Außerdem erfuhr ich durch ihn Hintergründe, die nicht in unserem Verbandsorgan Börsenblatt stehen und die auch im Börsenverein, als unserem Interessenverband,  kaum oder gar nicht kommuniziert werden. Ich bin ihm sehr dankbar für seinen scharfen und zutreffenden Blick auf Thalia, Osiander und die ganze Buchbranche. 

Über den unten angegebenen Link finden Sie den Artikel vom Gerhard Beckmann zur Thalia Osiander Thematik, damit Sie nachlesen können:

http://culturmag.de/crimemag/gerhard-beckmann-offener-brief-in-sachen-marktmacht-im-buchhandel/131027

http://culturmag.de/crimemag/offener-brief-an-das-bundeskartellamt-in-berlin/132727

 

Kommentare (1)
  1. Liebe Frau Grallert,
    jedes Wort kann ich hier in tiefer gedanklicher Übereinstimmung unterstreichen und alle anderen nur eindringlich bitten, den angefügten Links zu folgen! Für Gerhard Beckmanns tiefenanalytische Beiträge kann man gar nicht genug Werbung machen.
    Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

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