Wolf Harlander über seinen Überraschungsbestseller "42 Grad" (Rowohlt Polaris) „Das Buch hat einen Nerv getroffen“

Wolf Harlander

„Sonne. Hitze. Trockenheit. Und das ist erst der Anfang …“ heißt es auf der U4 des Überraschungsbestsellers „42 Grad“ von Wolf Harlander. Mit großem Aplomb hat Rowohlt Polaris diesen Titel aufs Podest gehoben – und der Erfolg gibt dem Verlag offenbar recht. Aus dem Nichts ist der Roman in die Top 10 geschossen und hat sich dort festgesetzt. Der Wissenschaftsjournalist und Publizist Wolf Harlander im Gespräch mit dem BuchMarkt über Extremwetter, Dystopien und die Frage, wie nah Realität und Fiktion manchmal zusammenliegen.

BuchMarkt: Herr Harlander, in 42 Grad beschreiben Sie, wie unsere Zivilisation zusammenbricht, weil plötzlich das Wasser ausgeht. Können Sie sich erklären, dass das Buch zum Bestseller wurde, obwohl wir doch mit Corona zurzeit eigentlich genug Weltuntergang haben?

Klick mich

Wolf Harlander: Ich denke, das Buch hat einen Nerv getroffen. Jeder von uns in Deutschland hat die Dürresommer der vergangenen beiden Jahre miterlebt – mit Fernsehbildern von verdorrten Feldern, abgestorbenen Wäldern und ausgetrockneten Flüssen. Dieses Jahr scheint sich der Hitzeterror zwar bei uns nicht zu wiederholen, dafür brennen riesige Flächen in Sibirien und Brasilien, der Permafrost schmilzt, die Arktis erst recht. Das ist deshalb sehr stark im Bewusstsein der Menschen. Außerdem zeigt uns die aktuelle Corona-Krise schmerzhaft, wie schnell ein scheinbar weit entferntes Ereignis in China innerhalb von Wochen unser aller Leben umkrempeln kann – und jetzt haben wir über hunderttausend Tote in Europa zu beklagen.

Corona ist nur ein winziger Vorgeschmack auf das, was uns bei einer Wasserkrise erwartet. Und dieser Krise können wir nicht entkommen, indem wir zuhause bleiben oder Masken tragen. Denn Wasser brauchen wir jeden Tag. Ohne Wasser können wir nicht überleben. Das ist für uns so elementar wie Atmen. Wir sterben nicht, weil wir keine Nudeln oder kein Klopapier mehr haben. Aber wir sterben unweigerlich in kurzer Zeit, wenn wir kein Wasser zum Trinken haben. Gegen Durst gibt es keine Impfung.

Ist das denn tatsächlich eine realistische Annahme, dass im immergrünen Mitteleuropa Wassernotstand ausbrechen könnte?

Dürre und eine Wasserkrise stehen uns bevor, da sind sich alle seriösen Experten einig. Die Wasserkrise wird nicht heute passieren und nicht morgen. Aber vielleicht in einem Jahr. Wir wissen nicht, wann sie kommt, wir wissen nur, dass sie kommt. In den vergangenen zehn Jahren registrierten die Meteorologen in Deutschland bereits die neun heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Aber Ihr Katastrophenszenario ist schon ein bisschen übertrieben, oder?

Vieles in meinem Buch beschreibt nur die bereits bestehende Situation. Ich wollte zeigen, was geschieht, wenn sich die Schraube bei uns nur ein wenig weiterdreht. Und auf eine Art schreiben, die spannend bis zur letzten Zeile bleibt und wo die Leser und Leserinnen zugleich nebenbei etwas Neues erfahren. Aber ganz ehrlich: Ich wünschte, ich könnte behaupten, das sei alles aus literarischen Gründen dramatisch zugespitzt. Leider ist es das nicht wirklich.

Es ist auffällig, wie breit Sie Ihr Thema in dem Roman auffächern. Von der alleinerziehenden Mutter auf dem Brandenburgischen Bauernhof über den Wasserversorgungsspezialisten aus der Schweiz bis zur Brüsseler Bürokratie, in deren Mühlen praktisch jeder Rettungsversuch zermahlen wird. Selten, dass man ein fiktives Buch so intensiv recherchiert findet. Wo haben Sie bei alledem angefangen?

Die Recherchen für das Buch waren tatsächlich sehr aufwändig. Was mich bei der Vorbereitung selbst überrascht und erschreckt hat: Wie nahe die Fakten bereits an der Fiktion sind. Alle Informationen zu dem Thema Wasser und Hitze in dem Thriller sind Realität. Manchmal war es schwierig, angesichts der Fülle an Informationen den Roman nicht mit Wissen zu überfrachten. Andererseits fand ich es aufregend, wie viel man auch inhaltlich in einem Roman vermitteln kann. Das Schöne an dieser Art von Fiktion ist, dass man sich bestens unterhalten kann, indem man eine erfundene Story liest – und am Ende hat man dennoch viel über die tatsächliche Situation unseres Planeten erfahren. Also ich bin jedenfalls dankbar, dass mir die Arbeit an dem Roman die Möglichkeit gegeben hat, soviel über Klimafragen und die Zusammenhänge dieses komplexen Systems zu lernen, dem wir unsere Wasserversorgung verdanken.

42 Grad soll nun auch verfilmt werden. Haben Sie da mitzureden? Oder sagen Sie sich „Lass die mal machen“?

Ich bin mir sicher, das Thema ist in den besten Händen. Ich habe mich im Vorfeld intensiv mit der Produzentin und dem Drehbuchautor ausgetauscht und wir haben lang diskutiert, um eine optimale filmische Umsetzung zu finden. Ich bin gespannt, wie der fertige Film aussehen wird.

Können Sie sich eigentlich noch einen Kaffee machen, ohne an die Wasserverschwendung zu denken, die damit verbunden ist?

Es macht einem wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn man erfährt, dass zur Herstellung einer Tasse Kaffee in Wirklichkeit 140 Liter Wasser verbraucht werden. Oder für einen Rinderbraten gar 16.000 Liter. Wir dürfen uns nicht selbst etwas vorlügen, wenn wir beim Zähneputzen den Wasserhahn abdrehen und denken, wir hätten jetzt Wasser gespart, während wir gleichzeitig um Frühstück eine Avocado gelöffelt haben. Der größte Wasserverbrauch findet für uns alle unsichtbar statt, obwohl wir ihn mit unserem Verhalten verursachen.

Wir müssten also, wie es aussieht, alle unseren Lebensstil ändern. Was müsste denn geschehen, damit wir nicht eines Tages wirklich vor einer Katastrophe stehen wie von Ihnen in 42 Grad beschrieben?

Zu allererst den sich beschleunigenden Temperaturanstieg stoppen. Das ist ja leider keine Erfindung, sondern Realität. Wenn wir bei unserer Ernährung darauf achten, regionale Lebensmittel zu bevorzugen und solche, die wenig Wasser verbrauchen, dann ist schon viel gewonnen. Und wer auch nach Corona zweimal überlegt, ob eine Fernreise wirklich sein muss oder ob’s auch mal ein Urlaub in den Bergen oder an der Nordsee tut, der hilft dem Planeten auch. Und damit uns allen.

 

 

 

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