Manfred Osten über sein Buch "Die Welt ein großes Hospital" (Wallstein) „Eine neue Sicht auf Goethe und die Welt“

Manfred Osten liest Goethe mit Blick auf die Corona-Pandemie neu. In Die Welt ein großes Hospital (Wallstein) entdeckt er eine Fülle von überraschenden und nachdenklich machenden Einsichten. Anlass für Fragen:

Manfred Osten: „Das Buch entstand, weil mich Goethes Prophetie nachhaltig beunruhigt. Dass nämlich die Welt, offenbar als Folge der erwähnten ‚Späße‘ des Menschen mit der Natur, enden wird als ein ‚großes Hospital und einer des anderen humaner Krankenwärter werden wird'“

BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?

Manfred Osten: Es geht in diesem Buch um die Gefahr eines, modern formuliert, allmählichen Multiorganversagens des Menschen, und zwar als notwendige Folge dessen, was Goethe gegenüber Eckermann als die „Späße“ des Menschen gegenüber der Natur bezeichnet hat. Diese notwendige Folge ergibt sich, weil der Mensch selber in jeder Hinsicht Teil der Natur ist und diese Natur absolut „keinen Spaß versteht“. Warum? Weil in ihr „nichts geschieht, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen steht“. Das aber heißt für Goethe, „sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen“. Es geht deshalb in dem Buch vor diesem Hintergrund auch um das andere große Anliegen Goethes: „Worauf kommt es überall an? Daß der Mensch gesundet!“

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Wie entstand die Idee, darüber überhaupt ein Buch zu schreiben?

Das Buch entstand, weil mich Goethes Prophetie nachhaltig beunruhigt. Dass nämlich die Welt, offenbar als Folge der erwähnten „Späße“ des Menschen mit der Natur, enden wird als ein „großes Hospital und einer des anderen humaner Krankenwärter werden wird“. Ich bin daher dieser Prophetie bis in die Gegenwart nachgegangen und gebe Peter Sloterdijk recht, wenn er im Nachwort des Buches diese Prophetie versteht als die Großmetapher des 21. Jahrhunderts.

Es heißt, Sie würden eine Fülle von überraschenden und nachdenklich machenden Einsichten entdecken. Verraten Sie uns ein paar?

Überraschend und nachdenklich machend ist, dass Goethe bereits den kategorischen Imperativ der Ökologie für das 21. Jahrhundert formuliert hat: die zwingende Notwendigkeit einer Rückkehr zur Reinhaltung der drei zentralen Elemente der Natur (Luft, Wasser und Erde) für unser Überleben auf diesem Planeten. Er hat dies verstanden als „heiliges Vermächtnis“ für ein globales „brüderliches Wollen“, als – wie er im „West-östlichen Divan“ schreibt – „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, / Sonst bedarf es keiner Offenbarung“.

Wie deuten Sie „das große Hospital“?

In genau diesem Sinne ist auch das „große Hospital“ der Welt zu deuten. Sollte nämlich die oben genannte „Offenbarung“ nicht „täglich“ umgesetzt werden, drohen allerdings katastrophale Hospitalisierungsfolgen: elementare Rachefeldzüge der Natur, wie sie Goethes Mephisto (im von Goethe vorsorglich versiegelten Schlussakt der Faust-Tragödie!) prophezeit: „In jeder Art seid ihr verloren, / Die Elemente sind mit uns verschworen, / Und auf Vernichtung läufts hinaus.“

Wieso ist das Thema gerade jetzt so passend?

Dieses Thema ist in der Tat gerade jetzt so spannend, weil die katastrophalen klimatischen und pandemischen Hospitalisierungsfolgen für den Planeten Erde und seine Bewohner zunehmend erkennbar werden. Umso aktueller erscheinen daher die „therapeutischen“ Hinweise Goethes zur „Gesundung“ – im weitesten Sinne des Wortes.

Was ist die Hauptintention des Buches?

Die Hauptintention des Buches gilt daher den Goetheschen „Empfehlungen“ zur „Gesundung“. Da auf allem Verharren im Extremen für Goethe ein „Fluch“ der Natur ruht, empfiehlt er das inzwischen Schwierigste: einen grundsätzlichen Gesinnungswandel hin zur Mäßigung. Und zwar in einer Welt des „Ultra“ (so Goethes Definition), die sich inzwischen in Fausts letztem Wohnsitz im „Palast“ immunitätsschwächender Erleichterungen und Entlastungen eingerichtet hat – auf Kosten einer extrem ausgebeuteten Natur.

Welche Leserschaft soll damit angesprochen werden?

Es soll die Leserschaft angesprochen werden, die auch ohne Goethe-Kenntnis gegenüber der genannten Thematik offen ist.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch idealerweise verkaufen?

Diese Leserschaft könnte man idealerweise neugierig machen durch Hinweise u.a. auf die besondere derzeitige Aktualität Goethes zu Fragen der Pandemie-Bekämpfung. Denn er kann durchaus auch verstanden werden als Vordenker einer allgemeinen Hygienedistanz- und Impfpflicht: „Dennoch aber bin ich dafür, daß man von dem strengen Gebot der Impfung auch ferner nicht abgehe […].“

Fallen Ihnen drei Wörter ein, die das Buch gut beschreiben?

Das Buch ließe sich auf diese drei Wörter reduzieren: prophetisch, hochaktuell und (wie ich meine) verständlich.

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