Das Autorengespräch Gisa Klönne: „Mir geht es in meinen Krimis nicht um Gewaltexzesse, sondern um menschliche Abgründe und Überraschungen“

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Heute mit Gisa Klönne über ihren packenden Kriminalroman Die Toten, die dich suchen, der am 04. Oktober bei Piper erscheint.

Gisa Klönne lebt als freie Autorin in Köln und legt mit Die Toten, die dich suchen den sechsten Teil ihrer erfolgreichen Krimireihe um die Kölner Kommissarin Judith Krieger vor. Daneben schrieb die mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnete Autorin u.a. Das Lied der Stare nach dem Frost und Die Wahrscheinlichkeit des Glücks. Sie engagiert sich außerdem im Krimi-Autorennetzwerk Das Syndikat, fördert als Mentorin junge Kolleginnen und singt als eine der Frontfrauen bei Hands Up & The Shooting Stars – der wohl einzigen Rockband weltweit, die nur aus Krimiautoren besteht. Ab dem 06. Oktober ist sie auf Lesereise mit ihrem neuen Roman. Dies war Anlass für Fragen an die Autorin.

BuchMarkt: Frau Klönne, worum geht es in Ihrem Buch?

Gisa Klönne

Gisa Klönne: Es beschreibt die Rückkehr der einstigen Mordermittlerin Judith Krieger. Im Polizeipräsidium Köln übernimmt sie die Leitung der Vermisstenfahndung. „Keine Toten mehr“ lautet ihr geheimer Vorsatz, doch gleich ihr erster Tag führt sie in einen fensterlosen Keller. Hier ist ein entführter kolumbianischer Geschäftsmann qualvoll verdurstet und hat an der Wand eine mysteriöse Botschaft hinterlassen, die Spuren weisen in seine Heimat. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, wiederholt sie“ , besagt ein kolumbianisches Sprichwort und dies bewahrheitet sich auch für Judith selbst, denn die Ermittlungen konfrontieren sie mit einem Kapitel ihres Lebens, das sie längst für abgeschlossen hielt. Doch sie hat keine Chance, denn es gibt eine zweite Vermisste. Judith Krieger muss also genau dort hingehen, wo es weh tut und sie bekommt dabei wenig Hilfe, denn auch ihre neuen Kollegen, allen voran die sehr eigensinnige junge Kommissarin Dinah Makowski, kämpfen mit einigen sehr persönlichen Gespenstern.

Wen stellen Sie sich als Kunden dafür vor und mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen?

Oh weh, das Schreiben ist mir schon Herausforderung genug und es geht dabei immer wieder darum, eine ganz eigene Erzählweise zu finden – und dabei alle Gedanken an den sogenannten Markt und Erwartungen auszublenden. Was die Argumente angeht: Zunächst einmal ist dieser Kriminalroman –wie ich hoffe und wie mir die ersten Leser und mein Verlag bestätigen – sehr spannend und punktet mit einer sehr menschlichen, sehr verletzlichen und dennoch (oder gerade deshalb) sehr starken, eigenwilligen Kommissarin, die über eine halbe Million Leser aus den vorangegangenen fünf Judith Krieger-Romanen lieben. Aber genauso gut ist es möglich, Judith Krieger in Die Toten, die dich suchen ganz neu kennenzulernen. Außerdem weiß ich, dass ich auch viele Leser habe, die sagen: „ich lese sonst keine Krimis, nur die mit Judith Krieger.“

Woran liegt das?

Unter anderem sicherlich daran, dass es mir nie um das töten selbst, viel Brutalität oder gar ein Gemetzel geht. Vielmehr interessiert mich, was der Tod mit den Überlebenden macht. Und ich versuche Klischees zu vermeiden und dieses Gut-Böse-Schwarz-Weiß-Schema. Es sind die Grautöne die mich interessieren. Und ich feile sehr lange an meiner Erzählsprache und entwickle komplexe Figuren. Und ich erzähle neben dem Krimiplot immer auch eine Geschichte, die in der Welt verankert ist und etwas darüber aussagt.

Sie haben sich und Ihrer Protagonistin Judith Krieger eine längere Auszeit gegönnt.
Haben Sie Abstand gebraucht?

Ja, absolut. Ich hatte nie vor, „nur“ Krimis zu schreiben, was ich nicht wertend meine. Meine Auszeit hat also darin bestanden weiterzuschreiben, Familienromane, während Judith Krieger sich ohne mich erholen konnte. Es gibt ja sowieso Stimmen, die sagen, ohne mich wäre ihr Leben sehr viel leichter. Weniger Abgründe, weniger Drama …

Und, hat das geklappt?

Für mich beim Schreiben in jedem Fall und ich denke, diese Frische spürt man auch beim Lesen. Und davon abgesehen war es auch sehr beflügelnd, erfahren zu haben, dass meine Leser und der Buchhandel den Genrewechsel mitmachen. Kaufen Klönne-Leser auch Nicht-Krimis? Das war ja die Frage, als ich Das Lied der Stare nach dem Frost schrieb und nun weiß ich: Ja, das tun sie. Ich glaube, es ist sehr wichtig, solche Schubladen weit zu öffnen. Als Leserin bewege ich mich ja auch selbst nicht nur in einem Genre. Wenn ich einen Autor, eine Autorin liebe, dann für seine Art Geschichten zu erzählen, seinen Stil, seine ganz individuelle Stimme.

Was macht Judith Krieger zu einer so einprägsamen Figur?

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Ein Grund dafür ist wohl die Verletzlichkeit und innere Zerissenheit, mit der ich Judith Krieger ausgestattet habe. Sie ist zäh, eigensinnig, taff und steigt mutig hinab in die tiefsten Abgründe. Sie kämpft für Gerechtigkeit. Aber sie weiß zugleich, dass es die kaum gibt, und dass sie selbst wenig tun kann, das zu ändern. Und sie weiß um den Preis, den sie für ihre Mission zahlt – vor allem nachts, wenn ihre ganz persönlichen Toten sie heimsuchen und am Schlaf hindern.

In der Presse wird in letzter Zeit immer mal wieder ein Abgesang auf den Krimi gesungen… ist der Markt gesättigt?

Diesen Abgesang halte ich für rein spekulativ. Krimis versprechen Spannung und zugleich Entspannung, also das beruhigende Gefühl: Im Buch gerät zwar erstmal alles aus den Fugen (viel brutaler als im eigenen Leben), aber am Ende ist die literarische Welt doch wieder ein wenig in Ordnung … Wie dies geschieht, kann man natürlich auf ganz verschiedene Weise erzählen und wenn eine Art sehr erfolgreich war, hängen sich andere dran. Solche Trends boomen dann eine Weile und vergehen wieder. Aber das Grundbedürfnis einer Leserschaft nach einer sehr spannenden Geschichte, in der es um etwas Bedeutsames geht – um Leben und Tod, um die Liebe, um das Eintauchen in unbekannte Seelen und Welten – wird wohl immer bleiben. Was ich allerdings schon wahrnehme, ist, dass auf dem Buchmarkt insgesamt ein sehr viel kälterer Wind weht, nicht nur im Krimigenre. Es wird schwerer für junge Autoren sich durchzusetzen, selbst wenn die einen renommierten Verlag im Rücken haben, der viel für sie tut. Der Markt –auch die Presse, ja die gesamte öffentliche Wahrnehmung – konzentriert sich zunehmend auf einige Stars, beinahe hysterisch wird für einige wenige Titel ein riesiger Hype kreiert, der Markt und die Präsentation – gerade im Online-Handel und den großen Ketten – ordnet sich zunehmend nach dem Kriterium Bestseller-Liste.

Sie sind ja oft im Buchhandel unterwegs – haben Sie Ideen für die Buchhändler?

Buchläden sind idealerweise Orte, um sich ein wenig in fremden Welten zu verlieren und verzaubern zu lassen. Darüberhinaus erlebe ich, dass viele Buchläden heute auch Orte der Begegnung sind, eines intellektuellen, politischen, nachbarschaftlichen Austauschs jenseits des Mainstream. Ich habe im Laufe der Jahre so viele wunderbare Buchhändler kennengerlernt, die sich sehr professionell aber zugleich auf ganz individuelle Art und Weise mit viel Liebe, Witz und enormer kreativer Energie auf dem Markt behaupten. Ohne deren Begeisterung und Empfehlungskultur wäre mein allererster Kriminalroman Der Wald ist Schweigen im Jahr 2005 niemals zu so einem großen Erfolg geworden. Auch bei allen Lesungen erlebe ich immer wieder: Je besser die Kundenbindung, je leuchtender die Persönlichkeiten im Laden, desto mehr Leute kommen.

Was kommt als Nächstes? Wieder ein Krimi oder ein Roman?

Ich bin noch nicht sicher. Vermutlich ein Roman. Oder auch einmal ein Krimi ohne Judith Krieger. Ich habe viele Ideen, weiß noch nicht, welche es wird. Mir geht es nicht, in keinem meiner Krimis, um Gewaltexzesse, sondern um diese Grauzonen, mit denen wir alle leben müssen, also die ganz existentiellen Themen und Geheimnisse. Das fasziniert mich. Ich habe aber auch große Lust,andere Geschichten zu erzählen – und es ist großartig, dass mein Verlag mir da alle Freiheiten lässt. Und dass auch meine Leser und der Buchhandel da mitgehen.

Durch Klick auf Foto zu der Webseite von Gisa Klönne.

Hier geht’s zu unserem vorherigen Autorengespräch mit Frank Goldammer: [mehr…]

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