Das Sonntagsgespräch Halldór Guðmundsson über das „Sagenhafte Island“ – Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse

Halldór Guðmundsson

Nach der Messe ist vor der Messe: Kaum neigt sich die Buchmesse in Leipzig ihrem entgegen, richten wir unsere Augen schon wieder auf die Frankfurter Buchmesse. Dort wird im Herbst das „sagenhafte“ Island Gastland sein – unter diesem Motto wird sich das kleine Land mit großer Literatur präsentieren. Wir haben mit dem dem Autor Halldór Guðmundsson (Foto), Leiter des Organisationskomitees für Island 2011, über die Rolle Islands als Gastland gesprochen.

BuchMarkt: Herr Guðmundsson,kann sich Ihr Land das überhaupt finanziell leisten?
Halldór Guðmundsson: Streng genommen natürlich nicht, nachdem bei uns das gesamte Bankensystem im Oktober 2008 zusammenbrach – ein halbes Jahr nachdem wir den Vertrag mit der Messe unterzeichnet hatten! Aber sehr schnell machte sich das Gefühl breit, noch weniger könnten wir uns leisten, aufzugeben. Dazu ist die Öffnung, die sich durch die Frankfurter Buchmesse anbietet, einfach zu wichtig für uns. Beide Regierungen, sowohl vor wie nach dem Kollaps, waren sich einig, unsere Mittel nicht zu kürzen und diesen Plan beizubehalten.

Warum?
Halldór Guðmundsson: Dafur gibt es viele gute Gründe. Der deutsche Buchmarkt steht schon lange der isländischen Literatur gegenüber offen – wenn man will, schon seit dem 19. Jahrhundert. Nachdem das internationale Interesse sich mehr der nordischen Literatur zugewandt hat, seit Mitte der neunziger Jahre, haben auch mehrere zeitgenössische isländische Autoren in Deutschland einen guten Verlag gefunden. Gerade aus dieser Position heraus kam das Angebot der Frankfurter Buchmesse zu einer günstigen Zeit: Die Autoren, die sowieso schon übersetzt werden, können ihre Position festigen, und viele neue Werke und Autoren können vorgestellt werden.

Wie ist der Stand der Dinge?
Halldór Guðmundsson: Was den deutschen Buchmarkt betrifft, rennen wir offene Türen ein. Über 120 Island-Titel erscheinen auf Deutsch, in dem Jahr vom Herbst 2010 bis Herbst 2011, d.h. Übersetzungen aus dem Isländischen sowie Titel über Island und isländische Kultur, bei so einem kleinen Land wirklich viel. Vor drei Jahren hatten wir uns das Ziel von 100 Titeln gesetzt und dachten, das sei viel zu optimistisch – jetzt sind wir schon weit darüber hinaus.

Was werden wir von Island erfahren?
Halldór Guðmundsson: Eines unserer wichtigsten Projekte wird in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer-Verlag und der Kunststiftung NRW realisiert, und zwar die Neuübersetzung der Isländer-Sagas in fünf Bänden. Viele der Übersetzer haben sich bisher mit zeitgenössischer Literatur beschäftigt, und es ist unsere Hoffnung, so die Sagas wieder als die spannende, erzählende Literatur vorzustellen, die sie auch sind – und damit Islands wichtigsten Beitrag zur Weltliteratur neu zu beleben. Gleichzeitig wollen wir zeigen, wie diese Tradition auch in der jungen, kreativen Szene aus Island weiterlebt – wir wollen eine Nation vorstellen, die sich fast von Anfang an durch die Literatur definiert hat, und die es, wenigsten teilweise, immer noch tut. So haben wir alle Isländer eingeladen, uns Fotos von ihren Heimbibliotheken zu schicken, die wir dann in Frankfurt in unserem Pavillon zeigen. Schon jetzt kann man auf unserer isländische Facebook Seite hunderte von Fotos von isländischen Privatbibliotheken sehen. Es macht Spass, so auch die Leser auf der Buchmesse vorzustellen.

Und was nicht?
Halldór Guðmundsson: Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse zu sein öffnet ein sehr wichtiges Forum für die übersetzte Belletristik, aber mir scheint, die Kinderbücher kommen zu kurz, und ich hätte mir natürlich auch mehr übersetzte Sachbücher gewünscht, aber eine solche Präsentation hat natürliche seine Grenzen. Wichtig ist, unsere zeitgenössische Literatur als lebendigen Teil der europäischen modernen Literatur vorzustellen, und auch die kritischen Aspekte nicht zu vernachlässigen. Hoffentlich gelingt uns das.

Was ist Ihnen wichtig, was bekannt werden soll?
Halldór Guðmundsson: Abgesehen von den Sachen, die ich schon erwähnt habe, nicht zuletzt unsere dreisprachige Webseite, www.sagenhaftes-island.de, inzwischen die grösste Database, die es zur isländischen Literatur gibt.

Wieso leiten SIE das eigentlich? Sind Sie nicht Autor?
Halldór Guðmundsson: Gute Frage, die ich eigentlich nicht beantworten sollte! Aber von 1984 bis 2003 war ich Verleger des grössten isländischen Verlages (Mál og menning, später Edda) und als solcher fast jedes Jahr in Frankfurt. Vielleicht wollte unser Kulturminsterium jemanden, der sich auf der Messe auskennt – das scheint mit plausibler, als dass sie von meinen Büchern so begeistert waren …

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