Patricia Schultz über "1000 Places To See Before You Die" (Vista Point) „Ich möchte, dass mein Buch für alle ist – egal welchen Alters, mit welchen Interessen oder Budget“

Er ist ein Klassiker unter den Reiseführern – nun ist  1000 Places To See Before You Die (Vista Point) wieder einmal in einer aktualisierten Neuauflage erschienen. Reisejournalist Karl Teuschl hat mit Patricia Schultz darüber gesprochen, wieso das Buch gerade jetzt, in Zeiten eingeschränkter Bewegungsfreiheit, so wichtig ist.  Die Autorin sagt: „Dies ist eine Art Buch zum Träumen, aber es bietet auch alle wichtigen Informationen, um das nächste Abenteuer zu verwirklichen.“

Patricia Schultz: „1000 Places ist ein Buch, das es verdient gesehen und durchgeblättert zu werden. Es fasziniert mit seinen Fotos und dem breiten Angebot seiner Möglichkeiten. Deshalb ist es immer gut in den Buchläden gelaufen“

Karl Teuschl: Patricia, in 213 Ländern der Welt reibt nicht nur uns Reisende ein Virus auf. Nahezu die gesamte Menschheit ist betroffen. Das Reisen ist schwierig geworden. Warum ist 1000 Places to See Before You Die in diesen Zeiten trotzdem so wichtig?

Patricia Schultz: Eins ist sicher für uns Reisende, die Frage ist nicht, ob wir wieder reisen können, sondern wann? Bis dahin müssen wir alle pausieren und dürfen nur im Lehnstuhl reisen und tagträumen – und planen. Ich hoffe, das wird uns inspirieren und begeistern – und uns klarmachen wie viel noch auf uns wartet. Ich glaube wir werden die Welt mehr wertschätzen und dankbar sein, wenn es wieder sicher genug ist zu reisen. Und wohin auch immer, ich hoffe es wird ein Ziel aus den 1000 Places sein  Vorschläge gibt es da ja genug!

Viele Menschen werden in den nächsten Monaten und vielleicht Jahren nicht so frei reisen können wie wir es bisher gewohnt waren. Aber der Vista Point Verlag verkauft das Buch 1000 Places weiterhin recht gut, woran kann das liegen?

Das Mantra ist nicht absagen, sondern verschieben. Niemand will dem Reisen für immer abschwören. Jetzt heißt es zuhause bleiben und tief durchatmen. Dies ist eine Art Buch zum Träumen, aber es bietet auch alle wichtigen Informationen, um das nächste Abenteuer zu verwirklichen. Reisen und Bücher waren schon immer die idealen Fluchten, und 1000 Places kann einen auf den schönsten Strand der Seychellen versetzen oder auf die Ringstraße um Island – im Kopf genauso wie im wirklichen Leben.

1000 Places gibt es jetzt im 15. Jahr in deutscher Sprache. Der Verlag hat dies zum Anlass genommen eine Jubiläumsausgabe zu einem Sonderpreis von € 15,00 auf den Markt zu bringen. Mit inzwischen über 1 Million verkauften Bücher in D-A-CH haben Sie eine sehr große Fangemeinde in Deutschland. Weltweit gilt Ihr Buch als das best verkaufte Reisebuch aller Zeiten. Aber auch für uns Reisejournalisten ist das Reisen jetzt schwierig geworden. Wie fühlt es sich für Sie an, jetzt nicht reisen zu können? Wie gehen Sie damit um?

Ich war schon so lange nur unterwegs gewesen, dass ich vergessen hatte wie ein eher stationäres, konventionelles Leben aussieht! Die Gründe hinter diesen erzwungenen Pandemiebeschränkungen haben uns allen viel von der Freude über diese Verschiebung in unserem Lifestyle genommen. Meine Heimatbasis ist New York City, wo die Covid-Krise besonders schrecklich war. Aber ich hatte genug Arbeit für die letzten Monate. Und meinen täglichen Spaziergang – der sogar behördlich empfohlen wurde -, den machte ich im Central Park nur ein paar Minuten von meinem Apartment entfernt. Für mich war es nie ein Problem, zuhause und auf der sicheren Seite zu bleiben – für mich war das nicht das Ende der Welt. Die Welt und ihre Wunder warten auf uns wenn die Zeit gekommen ist. Ich glaube, es wird viel Nachholbedarf geben, um all die abgesagten Trips und die verlorene Zeit wieder gutzumachen!

Seit der deutschen Erstveröffentlichung der 1000 Places im Jahr 2005 gab es zahlreiche Buchbesprechungen. Eine Rezension kürzlich im Deutschlandfunk Kultur fiel mir besonders ins Auge, diese spricht davon, dass man das Buch und die Vorschläge darin auch wie einen Roman lesen kann. Patricia Schultz als Romanautorin? Der Verleger Herbert Ullmann spricht z.B. davon, dass Bücher auch Lebensmittel sind. Trifft das im o.g. Zusammenhang auch auf Ihr Buch zu?

P.S.: Wenn ich abends zu Bett gehe, schaffe ich es immer nur, ein paar Seiten zu lesen. Wenn ich dieses Buch nicht selber geschrieben hätte, würde ich es kaufen und auf meinem Nachttisch legen. Wenn Herr Ullmann Bücher mit Nahrungsmitteln vergleicht, dann ist ein Buch über Reisen ganz besonders schmackhaft! Das Thema des Buches ist natürlich Reisen – aber die Seiten enthalten unzählige Versprechen von Abenteuer (Äthiopien), Geschichte (Usbekistan), feiner Küche (Frankreich), landschaftlicher Schönheit (Antarktis), Tierwelt (Botswana), Romantik (Italien) – und noch viel mehr! Man muss sich nur auf eines dieser Szenarien einlassen und schon kann man seinen eigenen Roman schreiben!

Patricia, Sie haben vor ein paar Jahren ihrem Verleger Herbert Ullmann gesagt, ihr Buch sei auch für Menschen wichtig, die nicht viel Geld haben und dennoch die Welt kennen lernen möchten. Sie wollen informiert sein und ihr Wissen bereichern, sie wollen sozusagen „im Kopf reisen“. Wie kriegt man das für den Leser hin und erzielt eine ausgewogene Auswahl?

Egal wie groß ihr Reisebudget ist, Europäer und Amerikaner haben zum Glück die Wahl unter einer unglaublichen Vielfalt an Zielen, die nur eine kurze Fahrt – oder ein billiges Flugticket – entfernt liegen. Für alle, die weiter weg wollen, gibt es Haustausch, Airbnb, Schnäppchenpreise in Hotels und billige Last-minute-Flüge. Damit sind einem schlauen Traveller auch mit kleinem Budget große Reisen möglich. Ich selber genieße durchaus das Lehnstuhlreisen, wenn wie jetzt gerade durch Covid-19 echtes Reisen nicht möglich ist. Deshalb habe ich versucht, jede Seite im Buch so weit wie irgend möglich mit Geschichte und Authentizität zu füllen.

Ihr Buch ist ja eine Lebensliste und Menschen leben heute länger als früher. Ändert sich dadurch die Auswahl der 1000 Places? Werden es vielleicht sogar mehr? Und gibt es vielleicht ein zweites Buch – mit noch mal 1000 Places?

Ich bin begeistert, dass die Menschen heute länger fit bleiben und auch im Alter viel länger am Leben teilnehmen. Auf einer Schiffsexpedition nach Spitzbergen und in die Arktis habe ich kürzlich zwei Schwestern aus Großbritannien getroffen, die über 80 waren. Sie haben sich damit einen Wunsch auf ihrer „bucket list“ erfüllt. Ich möchte, dass 1000 Places für alle ist – egal welchen Alters, mit welchen Interessen oder Budget. Wenn ich reise, dann suche ich immer nach Orten, die bereits im Buch sind, um zu sehen ob und wie sie sich verändert haben und ob sie immer noch ins Buch gehören. Aber natürlich erkunde ich auch neue Ziele, wo ich noch nicht war oder von denen ich zum ersten Mal höre. Ich aktualisiere das Buch jedes Mal, wenn ich aus der Türe gehe – und ich denke, es wird wohl für immer in Arbeit bleiben.

Für mich als Reisejournalist hat sich die Sehweise auf Attraktionen und Events im Lauf der Zeit gewandelt. Verändert sich Ihre Wahrnehmung auch über die Jahre und wenn ja wohin? Welcher Leserschaft fühlen Sie sich nahe und verbunden?

Ich glaube, ich habe mehr Wertschätzung für viele Dinge entwickelt. Angefangen allein schon mit der Möglichkeit in einer Stadt – irgendeiner Stadt – weit weg von zuhause aufzuwachen. Ich bemühe mich jetzt mehr darum, im Hier und Jetzt zu leben. Ich versuche, einfache, alltägliche Details ebenso bewusst wahrzunehmen wie das große Ganze, Politik und unseren Lebensstandard zum Beispiel. Ich kann mich gut mit jemand identifizieren, die oder der zum ersten Mal auf Reisen ist. Das bin ich selbst, gefühlt wie vor zehn Minuten – ich fühle immer noch den Nervenkitzel und dieselbe Aufregung wenn ich an einem ganz neuen Ort bin und einfach ziellos herumlaufe. Aber ich liebe auch die Reiseveteranen, für die das Reisen seit Jahrzehnten einen ständigen festen Platz in ihrem Leben hat. Die unersättlich und nicht aufzuhalten sind – aber nicht abgestumpft. Die genauso viel Abenteuer in einer Expedition nach Papua Neuguinea sehen wie zuhause bei einem Gang zum Milchladen.

In Neuauflagen der 1000 Places… werden die Fakten überprüft. Sie ändern aber auch gelegentlich die Auswahl. Wie finden Sie diese neuen  Orte und Events? Und welche Neuentdeckung des letzten Jahres hat Sie am meisten überrascht?

Ich bereite mich immer genau vor, ehe ich losfahre. Wenn es ein Ziel aus den 1000 Places ist und ich schon lange nicht mehr dort war oder ein ganz neues, dann plane ich eine Reise dorthin. Letztes Jahr habe ich so viel mehr von Kerala in Südindien gesehen als bei meiner letzten Reise vor vielen Jahren. Und ich habe noch eine Woche angehängt und das benachbarte Tamil Nadu erkundet. Noch nie habe ich zwei indische Staaten so ähnlich und zugleich so unterschiedlich erlebt! Eine meiner größten Überraschungen der letzten Zeit war ein Trip nach Laos in Südostasien jetzt im Februar. Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht und wusste, was ich erwarten konnte. Aber das Land war so voller Überraschungen, dass mir bei der Abreise der Kopf von Erinnerungen nur so schwirrte– von einer Bootstour auf dem Mekong, von fabelhaften Tempeln und von den Ruinen der Angkor-Wat-Zivilisation.

In der Einleitung zum Buch schreiben Sie, dass Sie selten an die Orte zurückkehren, an denen Sie schon waren. Es gibt schließlich noch so viele Orte, die Sie noch nicht kennen. Gibt es dennoch eine persönliche Top-Ten-Liste Ihrer Lieblingsziele? Und wollen Sie Ihren Lesern verraten, welche das sind?

Diese Art Frage ist immer ganz schwer zu beantworten – das Taj Mahal und der Louvre sind einfach nicht zu vergleichen. Oder der Zion National Park in Utah mit einer Wanderung auf dem Jakobsweg in Nordspanien. Aber ich will es versuchen und wenigstens meine drei Top-Lieblingserlebnisse mit ihnen teilen. Eins: eine Safari in Afrika (egal wo, im Okavango-Delta von Botswana oder zu den Berggorillas in Uganda – es ist immer eine magische Erfahrung). Zwei: eine längere Reise durch Südostasien (ich liebe so viele Länder in dieser Ecke Asiens, von Vietnam bis Laos, Thailand und Myanmar – sie haben vieles gemeinsam, sind aber stolz auf ihr eigenes Erbe). Drei: ein längerer Aufenthalt in einem gemieteten Haus oder Apartment (einen Monat in Paris zuzubringen ist Lichtjahre entfernt vom üblichen, immer zu kurzen langen Wochenende – und der Monat, in dem ich mal mit Freunden eine Villa in der Toskana gemietet hatte, war so traumhaft wie ich es mir erhofft hatte).

Vor allem junge Menschen sind heute viel Reise erfahrener als früher. Reisen, City-Trips und Kurzurlaub sind für sie selbstverständlich. Haben sich das Reisen und die Ziele verändert? Machen Sie jetzt auch Selfies?

Vor Covid-19 konnte man leichter und öfter reisen – für ein langes Wochenende in Städte in der Nähe oder auch auf längeren Touren – auch mit der Möglichkeit in der Ferne zu arbeiten. Man kann sich ja heute praktisch von überall her bei seinem Chef melden! Ich bin auch überrascht wie sich ganz abgelegene Ziele wachsender Beliebtheit erfreuen – vergleichen Sie mal den Tourismus nach Usbekistan, Grönland und in die Antarktis heute mit dem vor einigen Jahren. Und Selfies? Ich fange langsam an mich dafür zu erwärmen, wenn ich mit Freunden unterwegs bin – wir kriegen dann einige richtig lustige Fotos hin! Aber was mich immer nervt ist, wenn es nur darum geht, das richtige Bild für Instagram zu inszenieren und dabei das eigentliche Erleben der Situation ruiniert wird.

Es gibt auch eine große Bildband-Version der 1000 Places in Deutsch. Weniger Text, mehr und viel größere Bilder – wird das den Zielen besser gerecht?

Die beiden Wälzer ergänzen sich in meinen Augen perfekt – das Originalbuch gibt mehr Details und Geschichte und mehr Hintergründe zu dem, was zu entdecken ist, die Deluxe Bildband-Version lädt dazu ein, gleich im Kopf loszufliegen und sie packt einen auf eine eher visuelle und direkte Art. Als ich mit meinem Team das Bilderbuch gemacht habe, wurde mir klar, dass ich vergessen hatte wie unglaublich spektakulär viele dieser Ort sind.

Zum Thema Verkauf: Wie sehen Sie die Zukunft für Ihr Buch im Buchhandel? Jeder hat es im stationären Handel derzeit schwer: Maskenpflicht, Abstand, Kundenbegrenzung, usw. In Deutschland sind wir verhältnismäßig noch gut bedient, im Vergleich zu anderen Ländern wie z.B. den USA oder Kanada, wo sich der Buch-Verkauf noch viel stärker in Richtung Internet bewegt. Wird die Coronakrise das Kaufverhalten in Richtung Online-Handel massiv zum Nachteil des stationären Buchhändlers an der Ecke beeinflussen? 

Unabhängige Buchläden haben sich in den letzten Monaten, während sie geschlossen hatten, ganz neue Wege einfallen lassen und ich hoffe, dass ihnen die Kundschaft, die sie sich über Jahre erarbeitet haben, treu geblieben ist. Wenn sich der Einzelhandel jetzt wieder normalisiert, denke ich, dass die Kunden zurückkommen werden und sehen wollen, was ihre Buchhändler empfehlen und welche Veranstaltungen sie planen. Ich hoffe, dass ihre Geschäfte gut laufen und dass sie sich die Nachfrage mit den Online-Händlern teilen können. 1000 Places ist ein Buch, das es verdient gesehen und durchgeblättert zu werden. Es fasziniert mit seinen Fotos und dem breiten Angebot seiner Möglichkeiten. Deshalb ist es immer gut in den Buchläden gelaufen. Aber dank seines selbsterklärenden Titels und unterstützt von vielen enthusiastischen Rezensionen verkauft es sich auch online bestens. Ungesehen!

Patricia Sie zählen zu den 25 einflussreichsten Frauen des Reisens weltweit, zum Schluss die Frage, gibt es eine Botschaft, die Sie Ihren deutschen Lesern in dieser schwierigen Zeit mit auf den Weg geben möchten?

Ich glaube die Welt hat verstanden und akzeptiert, dass sich das Leben verändert hat – ob nun für kurze oder längere Zeit und auf vielen verschiedenen Ebenen. Aber das Reisen wird nie verschwinden und auch die meisten Ziele auf unseren Wunschlisten werden es nicht. Es gilt jetzt für uns Reisende vorsichtig und geduldig zu sein – wir müssen bereit sein, alles Nötige zu tun und neue Richtlinien zu befolgen. Liebe Leser, macht Eure Hausaufgaben in der Zwischenzeit und recherchiert – und spart Eure Euros. Ich hoffe, Ihr könnt sie für das großartigste Abenteuer Eures Lebens ausgeben. Es ist weise, manchmal innezuhalten, zu überlegen und durchzuatmen. Und dann wieder loszuziehen in die Ferne, ausgeruht und mit neuer Kraft.

Interviewer: Karl Teuschl, Reisejournalist. Im Vista Point-Verlag stammen von ihm die Bände „Florida Tag für Tag“ und „Hawaii Tag für Tag“

 

 

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