Philine Meyer-Cason über "kleine"´Buchhandlungen und das ungewohnte Arbeiten unter Corona-Bedingungen „In diesen Zeiten haben die unabhängigen Buchhandlungen bewiesen, was sie leisten können“

Die Münchner Buchhändlerin Philine Meyer-Clason erzählt, wie der Alltag in kleinen Läden wie dem ihren (auf 42 qm) nach Einbruch von Corona plötzlich aussah:
BuchMarkt: Wie war das, als die Krise begann? 
Philine Meyer-Clason: Als am Dienstag, dem 17.3 durchsickerte, dass ich meine 42 qm große Tucholsky Buchhandlung in der Münchner Vorstadt würde schließen müssen, war nicht nur mir mulmig. Aber da war nur der Gedanke da, the show must go on – schließlich durften wir arbeiten gehen. Eine schnelle Homepage-Lösung war gefunden, ein Zettel am Schaufenster hat über geänderte Anwesenheitszeiten informiert und alles war fast normal.
Aber Sie waren in Ihrem Laden eingesperrt …
  
Ja, das war ziemlich gewöhnungsbedürftig, denn nicht selten donnerten draußen Kunden gegen die Tür und wunderten sich, dass ich drinnen wohl war, aber die Tür geschlossen hatte. Es haben sich in den Wochen bizarre Situationen dargestellt. Draußen die Leute zu sehen: Aquarium? Zoo  Nur, wer war drinnen und wer war draußen? Am Wochenende dann die Polizeidurchsagen auf den Strassen: bleiben Sie zuhause, bitte gehen Sie nicht raus … das hatte schon Gefühle freigesetzt, die Beklemmungen ausgelöst haben. 
Was meinen Sie damit? 
Mir war wieder ein Gefühl freigesetzt worden vom 25.4.1974, als in Portugal die Revolution war und absolute Ausgangssperre während des Putsches war und ich als 14 jährige dem großen Polizeiaufgebot ausgesetzt war. Das war damals auch ein mulmiges Gefühl, wenn auch von Freiheitsgefühlen beflügelt  – und nun eine Warnung gegenüber einem unsichtbaren „Feind“. 
 Sie haben aber Ihren Job gemacht …
… ja, am Montag, dem 23.März hatte ich 55 Emails mit Bestellungen und am Dienstag sechs Wannen Barsortimentsware, die mich schnell lehrten, dass ich mich in meiner „one-woman-show“ schnell von den geänderten Anwesenheitszeiten zu verabschieden hatte. Eine Abholstation wurde eingerichtet, Türklinkenverkauf, die Lieferungen in der näheren Umgebung mussten für meinen Laden sofort eingestellt werden, das hätte ich nicht geschafft. Und das war erst der Anfang, bis zum Ende der Ladenschliessung  hatte ich ein Bestellvolumen, welches ich in den letzten 17 Jahren in dieser Jahreszeit seit der Übernahme der Buchhandlung so in dieser Form nie erlebt habe. Selbst das letzte Weihnachtsgeschäft wurde hier ein buchen innerhalb dieser Wochen in den Schatten gestellt. Es war ein Frühlingsrauschen! Und dies in unglaublicher Solidarität seitens meiner Stammkunden, aber auch vielen Neukunden. 
In diesen Zeiten haben die unabhängigen Buchhandlungen bewiesen, was sie leisten können.
Aber wird das überall so gesehen? Ich habe tatsächlich oft das Gefühl, dass Läden unserer Größenordnung besonders von den großen Verlagsgruppen eher als kleinteilig und damit arbeitsintensiver empfunden werden. Für die ist es sichtlich ökonomischer, mit einer Handvoll Großkunden störungsfrei Umsatzvolumen abzuwickeln als mit einer groben Zahl von kleinen und kleinsten Läden.
Sehen Sie das wirklich so?
Ja. Als Susanne Lange, damals Gesamtvertriebsleiterin von Random House, den Vertretern des Hauses Umsatzvorgaben ihrer Kunden machten und ich damals als „besuchsfähige“ Buchhandlung ausgeschieden bin, habe ich aufgrund der erschwerten Vertriebsstrukturen, der Struktur meines Ladens, jede Direktbestellung bei Random House eingestellt und bis auf  größere Bestellungen von Bibliotheken den Bedarf ausschliesslich über das Barsortiment abgedeckt, welches mir sogar bessere Konditionen einräumte, als der Konzern. Auch die Barsortimente haben größere Spielräume als wir.
Woran liegt das? 
Amazon und die Großfilialisten haben seit ewigen Jahren die Verlage mit Rabatten kujoniert und diese in die Knie gezwungen. Und die meisten grossen Verlage sind darauf eingegangen,  um ihre Bestseller dort an den Point of Sales positionieren zu können. 
Irgendwie ist das ein Hohn, denn selbstverständlich positioniert auch der mittelständische und kleinere geführte Buchhandel die Bestseller an sogenannter erster Stelle, nur haben wir keine Macht, geschweige denn Lust uns in die Abhängigkeit von gemieteten Flächen zu begeben.
Ist es den nicht so, dass immer wieder grade der „kleine“ Buchhandel die wirklichen Bestseller macht?
Das sehe ich auch so. Ich kaufe ein, was ich will und brauche und nicht, was der Verlag meint, mir verkaufen zu müssen. Natürlich verweigere ich mich nicht Bestsellern, aber ich entscheide, was ich als Bestseller befürworte.
Alle kleinen Läden zusammen genommen sind die größte Ladenkette der Branche…
… aber wir werden vom Rabatt her nicht so behandelt. Als kleinere Buchhandlung bekomme ich zwar von den mir sehr wichtigen Verlagen anständige Rabatte und gute Zahlungsziele. In schwierigen Zeiten habe ich es immer wieder erlebt, daß ich bei eigentlich allen Verlagen, die über Konzernunabhängige Verlagsauslieferungen eine größtmögliche Unterstützung und grossartige Ratenzahlungen erfahren durfte. Die Buchhalterin eines grossen Verlages sagte mir im letzten Sommer: „ Wir brauchen Sie und Sie brauchen uns“. Trotzdem  wünsche mir sehr, dass endlich einmal über einen Funktionsrabatt diskutiert wird, der uns etwas mehr Chancengleichheit gegen über den Großfilialisten ermöglicht. Ob man in den Verlagen weiß, was wir alles geleistet haben und mussten an Schaufensterberatungen, Telefonberatungen, – das war eine ganz neue und sehr herausfordernde Sache, die aber auch ging, irgendwie. Und das machen wir ja auch nicht erst in dieser Corona-Mist-Situation, sondern machen es immer. Wir lesen, wir beraten, wir kennen unsere Kunden. Und was hätten die Verlage in den ersten Wochen ohne uns „Kleine“ gemacht, als die „Großen“ ganz ausfielen.
Sie waren über sich selbst verblüfft? 
Ja, da wurden Kräfte und Improvisationsvermögen freigesetzt, von denen ich nichts wusste. Aber auch irgendwie stolz, ich finde, wir haben bewiesen, dass wir in Krisenzeiten, dank der hervorragenden Logistik unserer Dienstleister eine ständige und pünktliche Belieferung unserer Kunden  gewährleisten konnten. Diese Pandemie hat etwas geschafft und erreicht, was – Verzeihung – unsere Standesvertretung seit Amazon hätte leisten können und sollen.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz
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